Tanklaster-Affäre
Jung mit dem Rücken zur Wand
Von Florian Gathmann und Veit Medick
Es geht um sein Amt: Selbst die eigenen Leute rücken von Ex-Verteidigungsminister Jung ab, weil der CDU-Politiker nach dem Luftangriff auf Tanklaster bei Kunduz Informationen zurückgehalten haben soll. Die Opposition fordert seinen Rücktritt. Hält Kanzlerin Merkel zum jetzigen Arbeitsminister?
Berlin - Dass das ein schwieriger Tag wird für den Arbeitsminister, wird ihm an diesem Morgen spätestens um kurz nach neun Uhr klar. Im Plenum des Bundestags hat gerade die Afghanistan-Debatte begonnen, als
Franz Josef Jung sich von seinem Sitz erhebt. Der CDU-Mann schreitet die Regierungsbank entlang, sucht das Gespräch mit der Kanzlerin. Doch seine Parteifreundin Angela Merkel wimmelt ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung ab.
Jung tritt verdutzt den Rückweg an und kommt an Verteidigungsminister
Karl-Theodor zu Guttenberg vorbei. Der würdigt seinen Vorgänger keines Blickes. Jung nimmt wieder Platz auf seinem Ministersessel.
Es könnte das letzte Mal gewesen sein.
An diesem Donnerstag trifft den Hessen seine eigene Vergangenheit mit voller Wucht. Eine Vergangenheit, die er längst abgeschüttelt zu haben glaubte: die glücklose Zeit als Verteidigungsminister. An diesem Donnerstag geht es wieder um den verheerenden Luftschlag auf zwei Tanklaster Anfang September in Afghanistan - mit Dutzenden Toten.
Der Vorwurf, den die "Bild"-Zeitung jetzt publik machte:
Jungs Ministerium habe damals Informationen über zivile Opfer verheimlicht. "Bild" zufolge war schon frühzeitig klar, dass nicht ausschließlich radikal-islamische Taliban getroffen worden seien. Das belegten "geheime Berichte" der Bundeswehr. Schon am Abend jenes 4. September habe demnach das Einsatzführungskommando in Potsdam einen Bericht erhalten, wonach im Krankenhaus von Kunduz "sechs Patienten im Alter von zehn bis 20 Jahren" lägen. Also auch Kinder. Von zwei Teenager-Leichen sei ebenfalls die Rede gewesen. Jung dagegen sagte damals stets, er habe keine deutschen Erkenntnisse über zivile Opfer. Stattdessen berief er sich auf afghanische Angaben.
Außenminister Westerwelle setzt sich von Jung ab
Die Verschleierungs-Vorwürfe kommen ausgerechnet an dem Tag, an dem der Bundestag über die Verlängerung des
Bundeswehr-Einsatzes am Hindukusch debattiert. Und der ist ohnehin umstritten, nicht nur in der Opposition. Auch in den Regierungsfraktionen von Schwarz-Gelb wächst die Skepsis am Engagement, weil die Lage in Afghanistan verfahren ist wie nie. Wenn da nicht mit offenen Karten gespielt wird, macht das das Werben für eine Fortsetzung des Einsatzes nicht einfacher.
Das weiß auch Guido Westerwelle, der Bundesaußenminister. Deshalb äußert er gleich zu Beginn der Debatte einen Satz, den die meisten im Saal als versteckte Kritik an der Informationspolitik des ehemaligen Verteidigungsministers verstehen dürften: "Offenheit und Transparenz und Ehrlichkeit schafft die Grundlage für Vertrauen. Das ist auch die Regierung dem Parlament schuldig." Es gibt lauten Applaus. Die anschließende Debatte wird emotional, selten hat man den Alt-Grünen Christian Ströbele so oft mit der "Bild"-Zeitung wedeln sehen.
Für die Opposition ist klar: Falls Jung das Parlament und die Öffentlichkeit getäuscht haben sollte, ist er für SPD, Grüne und Linke nicht mehr tragbar. Sollte der Ex-Verteidigungsminister einen Rücktritt verweigern, muss ein Untersuchungsausschuss her - dazu könnte nach der Geschäftsordnung des Bundestags der Verteidigungsausschuss umgewandelt werden. Die SPD will das auf jeden Fall. "Die jüngsten Enthüllungen werfen ein neues Licht auf die Ereignisse in Kunduz", sagt SPD-Oppositionschef
Frank-Walter Steinmeier. Offenbar seien Öffentlichkeit und Parlament Informationen "systematisch vorenthalten worden".
Ähnlich scharf äußern sich die Grünen: "Der Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages muss sich als Untersuchungsausschuss konstituieren und die Hintergründe der Tanklaster-Bombardierung sowie die Informationspolitik der Bundesregierung untersuchen", sagt Fraktionschef Jürgen Trittin SPIEGEL ONLINE. Dort müsse sich Jung in jedem Fall erklären. "Wenn Jung die Öffentlichkeit belogen hat, ist er als Minister auch in seiner heutigen Funktion nicht weiter tragbar."
Dass der Minister von sich aus Konsequenzen ziehen wird, danach sieht es allerdings auch nach der Debatte an diesem Morgen nicht aus. Denn Jung nimmt zwar schließlich doch Stellung vor den Abgeordneten, obwohl der entsprechende Geschäftsordnungs-Antrag der SPD von der schwarz-gelben Mehrheit abgelehnt wurde. Aber was der CDU-Politiker sehr schmallippig sagt, ist lediglich folgendes: "Für mich gilt Offenheit und Ehrlichkeit." Und: Er wolle die Chance haben, die Unterlagen zu überprüfen, um sich vor dem Parlament konkret dazu äußern zu können. Entsprechende Akten soll Jung bereits in sein neues Ministerium geordert haben, noch am Donnerstag ist eine weitere Stellungnahme geplant.
Irritation auch in der Unionsfraktion
Das Problem: Auch das schwarz-gelbe Lager rückt zunehmend von dem glücklosen Hessen ab. Jedenfalls klingt es nicht gerade nach Rückendeckung, was Unions-Fraktionschef Volker Kauder dem Fernsehsender N24 am Rande des Plenums sagte: "Natürlich wird jetzt ganz klar von Minister Jung die Frage zu beantworten sein, ob er das gewusst hat oder nicht." Er erwarte "jetzt eine klare Äußerung dazu". Aus der FDP-Bundestagsfraktion war am Donnerstagmorgen zur Zukunft Jungs zu hören: "Er kann nicht bleiben. Das bringt nichts. Denn dann haben wir bis Mai Mist an den Beinen", hieß es gegenüber SPIEGEL ONLINE. Im Frühjahr steht in NRW die schwarz-gelbe Koalition zur Wiederwahl.
Unions-Fraktionschef Kauder sagte allerdings auch: "Ich gehe mal davon aus, wenn man es dem Herrn zu Guttenberg nicht vorgelegt hat, obwohl der sich bei Dienstantritt zu diesen Vorgängen ja geäußert hat, dass es dem Herrn Jung auch nicht vorlag." Und dann folgte ein Satz, der durchaus als Spitze gegen CSU-Mann Guttenberg zu verstehen ist. "Und dann muss im Hause des Verteidigungsministers aber richtig mal neu organisiert werden, damit solche Dinge nicht passieren können."
Guttenberg hatte unmittelbar nach seinem Antritt als Verteidigungsminister die Vorgehensweise seines Vorgängers in der Kunduz-Sache verteidigt. Am Donnerstagmorgen zog er dann - für viele überraschend - rasche Konsequenzen. Bundeswehr-Generalinspekteur
Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert hätten die Verantwortung für die Vorgänge übernommen, teilte Guttenberg zu Beginn der Bundestagsdebatte mit - eine indirekte Bestätigung der Vorwürfe. Guttenberg will den
Luftschlag, den er vor wenigen Wochen als angemessen bezeichnete, sogar neu bewerten. Er selbst habe am Mittwoch zum ersten Mal Berichte und Meldungen gesehen, die "in der letzten Legislaturperiode", also vor der Bundestagswahl, zurückgehalten worden seien.
Guttenberg will offenbar möglichst ungeschoren aus der Sache kommen. Für seinen Vorgänger wird das nach diesem Eingeständnis dafür umso schwerer.
Mitarbeit: Severin Weiland
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DER SPIEGEL
Tod im Flussbett: Grafische Rekonstruktion von Taliban-Überfall und Nato-Luftschlag bei Kunduz (Angaben in Ortszeit)
CHRONOLOGIE DER BOMBENNACHT
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20.00 Uhr Ein afghanischer Informant meldet dem Bundeswehr-Camp in Kunduz die Entführung zweiter Tanklaster aus einem Nato-Versorgungskonvoi bei Aliabad südlich vom Feldlager der Bundeswehr.
21.14 Uhr Uhr Auf Anforderung des deutschen Camps trifft ein B1-Bomber (Einsatzname "Bone 22") über der Region Kunduz ein, der zuvor eine andere Operation mit deutscher Beteiligung im Norden der Region unterstützt hat.
22.00 Uhr Der Informant der Bundeswehr meldet sich erneut und gibt an, die beiden Tanklaster steckten auf einer Sandbank fest.
22.30 Uhr Der B1-Bomber kann die beiden Laster nicht finden. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass der afghanische Informant eine unklare Angabe des Orts durchgegeben hatte.
0.00 Uhr "Bone 22" lokalisiert die beiden Trucks auf einer Sandbank und sendet die ersten Schwarzweiß-Videobilder an die Kommandozentrale im deutschen Camp. Dort sitzen der Chef des Lagers, Oberst Georg Klein, und Oberfeldwebel W., der im Funkverkehr mit dem Einsatznamen "Roter Baron" auftritt. Die beiden Deutschen hocken vor einem "Rover"-Sichtgerät, einer Art Laptop mit Verbindung zur Kamera des Flugzeugs und verfolgen die Bilder.
0.48 Uhr "Bone 22" meldet sich bei der Einsatzzentrale (Funkcode "Trinity") der Nato-Flotte. Der Bomber braucht neuen Treibstoff. Die Zentrale gibt Erlaubnis für die Rückkehr zur Basis ("RTB").
0.50 Uhr Aus dem deutschen Camp fragt "Roter Baron" erneut bei der Nato-Luftzentrale nach Luftunterstützung an. Von dort wird zurückgefunkt, dass eine direkte Feindberührung Voraussetzung für den Einsatz eines Kampfflugzeugs über Kunduz sei. Der deutsche Oberfeldwebel erklärt daraufhin per Funk, es bestehe Feindkontakt, im Nato-Jargon "troops in contact" oder TIC genannt, obwohl sich gar keine Nato-Soldaten oder afghanische Kräfte in der Nähe der beiden Tanker befinden.
1.08 Uhr Zwei F-15-Jagdbomber treffen über der Region ein. "Dude 15" und "Dude 16", so die Codenamen der Piloten, melden sich beim Kommandeur des deutschen Camps und liefern wieder Live-Bilder, welche die Deutschen auf dem "Rover"-Schirm verfolgen können. Einer der Piloten meldet: keine "friendly forces", also deutsche oder afghanische Truppen in der Nähe der Trucks. Nahe den Tankern sieht der Pilot rund 50 Aufständische, so seine Meldung. Der deutsche Oberfeldwebel bittet die US-Piloten, sechs Bomben fertigzumachen und in möglichst hoher Höhe über dem Tatort zu kreisen.
1.30 Uhr "Roter Baron" gibt Einsatzdetails zum Bombenabwurf weiter, erwähnt ausdrücklich, dass die Zeit dränge und keine alliierten Kräfte in der Nähe seien.
1.33 Uhr Einer der F-15-Piloten bittet das deutsche Feldlager um weitere Aufklärung des Tatorts. "Red Baron" hingegen gibt an die Piloten den eindeutigen Befehl des deutschen Oberst Georg Klein zum Abwurf von Bomben weiter. Sie sollen direkt auf die Sandbank gezielt werden.
1.36 Uhr Der Pilot fragt per Funk an, ob er eine Schleife in niedriger Höhe über die Tanker fliegen soll, um "die Personen auseinanderzuscheuchen". "Roter Baron" lehnt dies ab.
1.46 Uhr Der Pilot fragt per Funk, ob die Personen um die Tanker eine "unmittelbare Bedrohung" darstellen. Der Zustand des "imminent threat" ist die Voraussetzung für einen Bombenabwurf durch die Nato. Obwohl zu diesem Zeitpunkt weder Nato-Soldaten in der Nähe der Tanker sind und diese fast 15 Kilometer vom deutschen Camp entfernt feststecken, bestätigt "Roter Baron" die Anfrage und legitimiert damit den Angriff.
1.50 Uhr Zwei Bomben vom Typ GBU-38 werden abgeworfen.
2.28 Uhr Die beiden F-15-Jets fliegen erneut über den Tatort und melden 56 Tote, ohne jedoch weitere Details zu nennen. 14 Personen würden in Richtung Norden fliehen.
Im Morgengrauen treffen afghanische Sicherheitskräfte am Tatort ein. Leichen sind kaum noch zu finden, da die Dorfbewohner sie bereits abtransportiert und begraben haben.
7.00 Uhr Eine deutsche Drohne überfliegt das Gebiet. Außer den beiden Bombenkratern ist jedoch auf den Bildern nicht viel zu sehen.
12.00 Uhr Ein deutsches Erkundungsteam trifft am Tatort ein, auch die afghanische Armee ist noch vor Ort. Leichen sind kaum noch zu sehen. Der Trupp notiert in seinem Bericht die beiden zerstörten Tanklaster, einen Traktor und ein Pick-Up-Fahrzeug. Einem anderen Trupp wird berichtet, die Taliban hätten am Vorabend in einem nahen Dorf die Moschee betreten und Dorfbewohner gezwungen, mit ihren Traktoren beim Abtransport des Treibstoffs aus den feststeckenden Lastern zu helfen. 14 Dorfbewohner seien vermisst, also vermutlich bei den Angriffen getötet worden, so der Bericht der Deutschen - das erste sichere Indiz für zivile Opfer. Weitere Hinweise erhält ein Team, dass im Krankenhaus von Kunduz mehrere verletzte Kinder sieht und auch zwei Leichen von getöteten Teenagern gezeigt bekommt.
WAS NACH DEM LUFTANGRIFF GESCHAH
Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) verteidigt den Luftangriff auf zwei von Taliban entführte Tanklaster. Den Angriff, bei dem auch Zivilisten starben, hat der deutsche Oberst Georg Klein angefordert. Die Taliban hätten gedroht, "auch und gerade vor den Bundestagswahlen Anschläge auf die Bundeswehr" zu verüben, erklärt Jung. "Deshalb war es eine sehr konkrete Gefahrenlage, wenn die Taliban in den Besitz von zwei Tanklastwagen gekommen sind, die hier erhebliche Gefahr für unsere Soldaten bedeutet haben." An den folgenden Tagen bezeichnet Jung den Luftangriff wiederholt als "geboten".
Die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft, ob gegen Oberst Georg Klein ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden soll. Wenige Tage später gibt sie die Vorermittlungen an die Staatsanwaltschaft in Leipzig ab, wo Klein seinen Dienstsitz hat.
Die Nato räumt erstmals ein, dass bei dem Angriff auch Zivilisten getötet wurden. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bekundet ihr tiefes Bedauern über mögliche zivile Opfer. In einer Regierungserklärung wendet sie sich zugleich gegen "Vorverurteilungen" aus dem In- und Ausland.
Bundeswehrgeneralinspekteur Wolfgang Schneiderhan stellt sich hinter die deutschen Soldaten am Hindukusch. "Sie haben mein persönliches Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit und ihr Verantwortungsbewusstsein", sagt er in einer von Bundeswehrsendern ausgestrahlten Erklärung. Er gehe davon aus, dass die Entscheidung für den Luftangriff das Ergebnis einer "sorgfältigen Beurteilung der Lage" gewesen sei.
Generalinspekteur Schneiderhan gibt in Berlin ein Statement zum inzwischen vorliegenden Nato-Bericht über den Angriff ab. Er habe "keinen Grund, daran zu zweifeln", dass die deutschen Soldaten "angesichts der schwierigen Lage in operativer Hinsicht militärisch angemessen gehandelt haben". Die Zahl der Toten soll dem Nato-Bericht zufolge zwischen 17 und 142 liegen. Laut Schneiderhan gibt es keine Bestätigung dafür, dass durch den Angriff "unbeteiligte Personen" getötet wurden.
Der neue Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bezeichnet das Bombardement als angemessen. Er hege keine Zweifel an der Einschätzung Schneiderhans, "dass die Militärschläge und die Luftschläge vor dem Gesamtbedrohungshintergrund als militärisch angemessen zu sehen sind". Am selben Tag legt die Generalstaatsanwaltschaft Dresden der Bundesanwaltschaft die Akten über Klein zur Prüfung vor. Ob gegen Klein ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird, bleibt weiter offen.
Die "Bild"-Zeitung berichtet, das Verteidigungsministerium habe Informationen zu dem Angriff vor Öffentlichkeit und Staatsanwaltschaft zurückgehalten. Demnach hätte Jung viel früher über mögliche zivile Opfer informiert sein müssen als bisher bekannt. Bei den Beratungen des Bundestags zum Afghanistan-Einsatz gibt Guttenberg den Rücktritt von Schneiderhan und Verteidigungsstaatssekretär Peter Wichert bekannt.