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01.12.2009
 

Marines-Ausbildung für Afghanistan

Im Camp der Kampfmaschinen

Aus Parris Island berichtet Marc Pitzke

Marines-Ausbildung für Afghanistan: Das Fließband des Krieges
Fotos
SPIEGEL ONLINE

US-Präsident Obama will Zehntausende zusätzliche Soldaten nach Afghanistan schicken. Viele von ihnen sollen aus Parris Island kommen: Im berüchtigten Trainingslager der Marineinfanteristen drillt Amerika seine härtesten Kämpfer. Während der Ausbildung werden Kids zu Killern.

Der Drill Sergeant brüllt sich die Lunge aus dem Hals. Sein weit aufgerissener Mund ist nur Zentimeter vom Gesicht des Rekruten entfernt. Speichel spritzt, Schweiß trieft, Stirnadern treten hervor, die tätowierten Arme quellen aus dem T-Shirt.

"Willst du wieder von vorne beginnen?", schreit der Sergeant. "No, Sir!", antwortet der Rekrut regungslos. Sergeant: "Soll ich deine Mama rufen?" Rekrut: "No, Sir!" Sergeant: "Ab, zurück zum Anfang!" Rekrut: "Aye, Sir!"

Parris Island, eine neblig-sumpfige Insel vor South Carolina: Hier im tiefen Süden der USA sind im Morgengrauen mehrere Dutzend meist milchgesichtige Teenager aufmarschiert. Drill-Sergeants jagen sie gnadenlos über einen Hindernis-Parcours: Sie müssen an Seilen baumeln und Stangen entlanghangeln, über Stämme kriechen, durch Schlamm robben, Bretterwände und Wassergräben überwinden.

"Leatherneck Square", steht auf einem Schild. Der Platz der Ledernacken.

Jedesmal, wenn die Kraft nicht mehr reicht zum letzten Klimmzug, zur letzten Liegestütze, zur vorschriftsgemäßen Haltung, gibt's Saures. "Ab nach Hause!", schreit der Sergeant einen Rekruten an, der zum dritten Mal abstürzt. Der Rekrut muss wegtreten, er darf es tags darauf noch mal versuchen. So lange, bis es klappt.

Denn dies ist kein Spiel. Parris Island ist das Boot Camp des United States Marine Corps (USMC) - das berüchtigte Trainingslager der US-Marineinfanteristen, die sich als die besten, härtesten Streitkräfte der Welt rühmen. Auf diesem abgeschotteten Militärgelände bilden die Marines ihren Nachwuchs aus. Es ist eine zwölfwöchige Schinderei, die Männer zum Heulen bringt und den legendären Werbeslogan prägte: "The Few. The Proud. The Marines."

Die Marines halten an ihrer Mission fest

Eine Schinderei mit aktueller Brisanz: Wer Parris Island übersteht, landet binnen weniger Monate unweigerlich im Irak oder, eher noch, in Afghanistan. Während sich die meisten Amerikaner längst vom Krieg abgekehrt haben, halten die Marines stolz an ihrer Mission fest. "Irak!", brüllt der Sergeant. "Fallujah!", brüllen die Rekruten. "Afghanistan!", brüllt er. "Kandahar!", hallt es durch den Kiefernhain.

Wochenlang hat US-Präsident Barack Obama mit der Afghanistan-Entscheidung gehadert, am Dienstag will er Zehntausende weitere Soldaten an den Hindukusch beordern. Dazu wird er sich vor den TV-Kameras in die feine Kulisse der Militärakademie West Point stellen. Der blutjunge Nachschub für den Marschbefehl entsteht jedoch weit abseits der Öffentlichkeit, in so schmutzigen Drillcamps wie Parris Island.

Die Jungs, die sich dort gerade im Wald quälen, sind 17, 18 Jahre alt. Blass, picklig, noch relativ unsicher, dies ist ihr 15. Tag, seit sie tief in der Nacht angekarrt wurden aus allen Ecken des Landes.

Am "Leatherneck Square" trennt sich erstmals die Spreu vom Weizen. "Confidence Course", nennen sie diese Strecke auch, alle müssen sie absolvieren, selbst Frauen - Parris Island ist die einzige USMC-Station, die auch weibliche Rekruten ausbildet. "So oder so, da musst du durch", sagt Staff Sergeant Chris Stephenson, 30, einer der Ausbilder am Parcours. "Wir trainieren fürs Schlachtfeld."

Fronterfahrung ist bei den Ausbildern gefragt: Stephenson ist, wie die meisten der Offiziere in Parris Island, selbst Kriegsveteran. Seine Brüllstimme pflegt er, das verrät er, indem er morgens mit Zitronensaft gurgelt. Womit er sich gleich wieder lautstark einem Rekruten zuwendet: "Hör auf, dir an der Nase rumzufummeln!"

Beschimpfung mit Tradition: Seit 1915 schleift das "Depot" von Parris Island, wie es offiziell heißt, Zivilisten zu Militärs, Menschen zu Kriegsmaschinen. Das Camp selbst ist eine Kasernenstadt: Backsteinbaracken, Villen für Offiziere, eine Kirche, sogar ein Kino - und ringsum nur elend-feuchtes Marschland.

"Wir brechen sie"

Jede Woche spuckt Parris Island Hunderte neue Marines aus. Ein Fließband des Krieges: Pro Jahr durchlaufen 21.000 Kids diese Tortur, deren Hauptziel es ist, ihnen jede Individualität zu rauben - eine oft menschenverachtende Prozedur, die Stanley Kubrik 1987 im Antikriegsfilm "Full Metal Jacket" porträtierte.

"Wir brechen sie", erläutert Lieutenant Colonel Gabrielle Chapin, eine kleine, drahtige Offizierin mit straffem Dutt. "Und dann setzen wir sie wieder so zusammen, wie es passt."

Zum Beispiel Eric Fisher aus Virginia. Fisher sitzt in der "Chow Hall", der Kantine, während einer Pause zwischen Kampftraining und Geschichtsunterricht, vor sich auf dem Teller ein Hähnchen, Pommes, Salat, ein Riesenstück Schokoladentorte und eine Banane. Pro Tag, so die Regel, verbrennen die Rekruten hier mehr als 5000 Kilokalorien.

Fisher, 18, mag eigentlich Musik: "Klassisch, Orchester, alles." Sein Lieblingskomponist ist John Philip Sousa, Amerikas "König der Märsche", der selbst auch Marineinfanterist war. Dessen Gassenhauer "Stars and Stripes Forever" ist der offizielle US-Nationalmarsch, Fisher kann ihn auswendig auf der Querflöte spielen.

Doch bevor sich der Schwarze mit dem Engelsgesicht einer Flötistenkarriere widmet, wollte er erst noch mal eine andere Laufbahn testen - Elitesoldat, ein krisensicherer Job. Wie weit die Rezession zu seiner Entscheidung beigetragen habe? "50 Prozent, Sir", sagt er.

"Am schlimmsten war der Anfang", erinnert sich Fisher, der in seiner zwölften Woche ist. "Sie reißen dich aus deiner Kuschelecke. Nehmen dir alles Vertraute weg." Doch jetzt, rund drei Monate später, sei er "absolut bereit".

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Die neuesten Beiträge:
12.04.2010 von ANDIEFUZZICH: Mobat war besser

In Bezug auf das Ausländer raus sind sie sich durchaus einiger, als die bundesrepuplikanische Gesellschaft. Beim Nachlesen ihrer Postings beschleicht mich obendrein der Verdacht, dass sie selber möglicherweise gar nicht vor Ort [...] mehr...

12.04.2010 von nachthai:

Nach dem deutschen Versagen im Norden, einen solchen Beitrag abzudrücken ist deutlich mehr als Realitätsignorant! mehr...

12.04.2010 von archelys: Das Verbrechen ist aus der Sicht der Verbrecher nicht unsinnig

Sie benutzen den Begriff "Unsinn" hier im Sinne unvernünftigen Handelns. Aus der Sicht der Afghanistan-Krieger ist er nicht unsinnig, man verrät uns allerdings den Eigensinn nicht, der ihm zugrunde liegt, weil wir ihn [...] mehr...

12.04.2010 von triztan: ..., darunter auch Kinder und Frauen.

Es gab XX Tote, darunter auch Kinder und Frauen. Ein vermeintlicher Standardsatz. Doch was will er uns sagen? Sind (a) keine Männer gestorben? Oder ist es (b) halb so schlimm, wenn Männer sterben?? In Zeiten der [...] mehr...

12.04.2010 von viceman: "wir" kämpfen nicht für ein

"freies afghanistan" - sie auch nicht! wenn sie was vom aktuellen krieg sehen wollen, dann empfehle ich: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,688532,00.html das ist die freiheit , der frieden ( o.ä. dummschwätz ) [...] mehr...

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