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27.11.2009
 

Kunduz-Bombardement

Anwalt spricht von 179 zivilen Opfern

Wrack eines der beiden bombardierten Laster: Vorwürfe gegen die BundeswehrZur Großansicht
AP

Wrack eines der beiden bombardierten Laster: Vorwürfe gegen die Bundeswehr

Die Zahl der zivilen Opfer bei der Bombardierung der beiden entführten Tanklaster in Kunduz soll weit höher sein als bisher befürchtet. Ein deutsch-afghanischer Anwalt geht nach schwieriger Recherche in Nordafghanistan von 179 Opfern aus - und fordert nun Entschädigung.

Berlin - Mit drastischen Zahlen und heftigen Anschuldigungen gegen deutsche und afghanische Behörden ist der Bremer Jurist Karim Popal an die Öffentlichkeit gegangen. In einer eilig anberaumten Pressekonferenz am Tag des Rücktritts von Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung beschuldigte der Anwalt die deutsche Bundesregierung eines Verbrechens, da sie sich um die zivilen Opfer des Bombenabwurfs nicht kümmere. Zudem bezeichnete er den Gouverneur der Provinz Kunduz, der die Luftschläge gerechtfertig hat, als "korrupt und kriminell".

Karim Popal, Afghane mit deutschem Pass, war nach den Angriffen am frühen Morgen des 4. September zweimal nach Kunduz gereist und hatte nach möglichen zivilen Opfern des von dem deutschen Oberst Georg Klein angeordneten Angriffs gesucht. Dabei will er nach eigenen Angaben 179 zivile Opfer festgestellt haben - eine Zahl, die selbst die höchsten Schätzungen weit übertrifft. Laut Popal jedoch sind bei dem Angriff fünf Taliban umgekommen, die nicht aus der Region stammten und seinen Worten nach nur für die Entführung der Tanklaster dort waren.

Statt den Taliban wurden nach Popals Recherchen so gut wie ausschließlich Dorfbewohner getötet. Demnach gab es 20 Verletzte und 139 Tote, 20 Menschen gelten noch als vermisst. Unter den Toten sollen 36 Kleinkinder sein.

Die Frage, wer bei dem Anschlag getötet worden ist, ist eine der zentralen Streitpunkte rund um dem Angriff. Afghanische Behörden behaupten seit dem Abwurf der beiden Bomben stets, die meisten der Toten seien Taliban oder zumindest Sympathisanten der Aufständischen. In Bundeswehrkreisen heißt es sogar, mehrere hochrangige Kommandeure seien bei dem Luftschlag ums Leben gekommen. Klären lässt sich die Frage vermutlich nie, da die Leichname der Getöteten umgehend begraben worden sind.

Für die angeblichen Opfer forderte Popal eine Entschädigung, wollte aber nichts über die Summe sagen. Mittlerweile sind der Berliner Anwalt Andreas Schulz, Experte in Schadensersatzklagen, und Oliver Wallsch, Fachmann für internationales Strafrecht, und der Berliner Anwalt Markus Goldbach ebenfalls in den Fall eingestiegen. Gemeinsam schickten sie bereits einen Brief an das Verteidigungsministerium, bisher kam aber keine Antwort.

Wallasch brachte als Idee eines humanitären Fond in Afghanistan ins Spiel, aus dem die Opfer des Anschlags Hilfe erhalten könnten.

Popals Recherche vor Ort

Bei seiner Recherche konnte Popal nicht wie geplant den Ort des Geschehens besuchen, da die Sicherheitslage und eine Militäroperation gegen die Taliban dies nicht zuließen. Stattdessen versammelte er bei mehreren Treffen Dorfbewohner aus der Region in der relativ sicheren Stadt Kunduz. Dort ließ er sich von ihnen Mandate unterschreiben, zumeist per Fingerabdruck. Als Beweis, dass es sich tatsächlich um Opfer des Bombardements handeln soll, sammelte er lediglich Ausweise, Wahlkarten und andere Papiere von den Angehörigen ein.

Nach dem zweiten Treffen in Kunduz beendete Popal seine Nachforschungen unfreiwillig. Nachdem er auf seinem Mobiltelefon von einem Anrufer, der sich als Taliban-Kommandeur Mullah Hassan ausgab, bedroht worden war, alarmierte er die Bundeswehr. Wenige Stunden nach dem Anruf evakuierte ihn ein Sondereinsatzteam aus dem Feldlager. Nach einer Nacht im Camp flog er nach Deutschland zurück. Höchstwahrscheinlich war der Anruf ein böser Scherz, den Behörden ist jedenfalls in der Region kein Kommandeur mit dem Namen bekannt.

Bei der Pressekonferenz schilderte Popal drastische Beispiele von Opfern. So seien durch den Angriff nun 163 Kinder ohne Eltern, unter den Opfern bei dem Bombenabwurf seien allein 20 Frauen gewesen. Laut seinen Angaben hätte der Distriktchef von Chahar Darreh diese Zahlen bestätigt. Dieser hatte in der Vergangenheit stets davon gesprochen, dass bei dem Angriff hauptsächlich Taliban getötet worden waren, diese Aussagen sind auch in offiziellen Gesprächsprotokollen nach dem Angriff festgehalten.

Zurück aus Afghanistan warf Popal den afghanischen Behörden in Person des Gouverneurs von Kunduz, Mohammed Omar, eine Vertuschung der wahren Folgen des Angriffs vor. So habe der Gouverneur nach dem Bombardement viele Leichen verschwinden lassen. Popal bezeichnete den Gouverneur als "korrupt". Omar hatte kurz nach dem Angriff 30 Personen eine Entschädigung von bis zu 2000 Dollar gezahlt. Wie der Gouverneur die Personen ausgewählt hatte, war damals nicht festzustellen.

Wie das Team der Juristen weiter vorgehen wird, hängt von der Reaktion des Verteidigungsressorts ab. Dort bezweifelt man, dass Popal tatsächlich aussagekräftige Mandate und Belege hat, dass es sich bei seinen Mandanten tatsächlich um Opfer des Luftangriffs handelt. Gleichwohl hieß es im Ministerium, dass vom Feldlager Kunduz alle Schritte unternommen würden, um möglichen zivilen Opfern zu helfen und auch die betroffenen Ortschaften durch Hilfsprojekte zu unterstützen.

mgb

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