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06.12.2009
 

Klimakämpfer Obama

Grüner wird's nicht

US-Präsident Obama am Solar-Kraftwerk (in Arcadia, Florida): Neuer Stil, neuer TonZur Großansicht
AFP

US-Präsident Obama am Solar-Kraftwerk (in Arcadia, Florida): Neuer Stil, neuer Ton

Barack Obama - ein Lügner, ein Blender, ein Verräter des Kampfs für ein besseres Weltklima: So wird der US-Präsident in Europa gescholten. Ein Fehler, analysiert Thomas Kleine-Brockhoff vom German Marshall Fund. In Wahrheit ist er der grünste Präsident, den das Land je hatte.

Nun ist also Barack Obama schuld. Und mit ihm das ölabhängige, konsumversessene, oberflächliche, weltabgewandte Amerika. Der Messias vom Weißen Haus hat die Klimawende verheißen - und binnen zehn Monaten noch nicht durchgesetzt und abgehakt. Ohne gültiges Klimagesetz werden die Vereinigten Staaten im Dezember zur Weltklimakonferenz fahren.

Es ist Klimagipfel in Kopenhagen, und die USA liefern nicht. US-Präsident Barack Obama habe, so lässt sich unter anderem auch in einem Kommentar auf SPIEGEL ONLINE nachlesen, die Klimapolitik "nachrangig behandelt", seinen eigenen Anspruch als Weltbürger "verraten" und Europa "belogen". Er setze den "Klimakurs seines Vorgängers fort".

Hau den Obama. Das ist der neue Stil, der neue Ton. Da muss mal was raus. Enttäuschte Liebhaber sind besonders zickig.

Die Vorstellung, die US-Politik dürfe nicht anders sein als gut und rein, zählt zu den liebsten deutschen Klischees über die Vereinigten Staaten. Wird aber das Idealbild vom vorbildhaften Weltenlenker durch die Realität gestört, hagelt es Kritik. Die ist in ihrer Maßlosigkeit nur noch mit der vorangegangenen Erlösungserwartung zu vergleichen. Der supergute Barack Obama soll zwölf Jahre klimapolitische Stagnation im Nu vergessen machen und Europas Vorsprung bei der Transformation zur Null-Abgas-Welt in Windeseile wettmachen. Und wenn er das alles nicht rechtzeitig schafft, nun, dann setzt es Fettes.

Zu den Irrtümern über Obama zählt, dass der Mann nicht Gott und nicht König ist, sondern Präsident. Er mag zwar der mächtigste Mann der Welt sein, der mächtigste Mann Washingtons ist er deshalb noch lange nicht. Er lebt in einem Land, in dem es Gewaltenteilung gibt und das Prinzip des unabhängigen Abgeordneten. Und es gibt Interessen.

Da ist zum einen eine Opposition, die alles blockiert, was Obama vorschlägt, egal was es ist. Dann sind da Gewerkschaften, allzeit strukturkonservativ, die lieber sterbende Arbeitsplätze erhalten wollen als neue schaffen. Ferner gibt es Unternehmen, die das Recht auf ungebremste Verbrennung fossiler Brennstoffe als Voraussetzung ihres Gewinns sehen.

Und schließlich gibt es auch noch diverse Bundesstaaten, etwa zehn an der Zahl, in denen sich derlei Interessen bündeln. Die industrielle Struktur solcher Gebiete ähnelt der von Polen. Was Wunder, wenn die liebste Umweltpolitik dieser Bundesstaaten jener Polens ähnelt? Was Wunder, wenn sich Volksvertreter aus diesen Regionen, sofern den Demokraten zugehörig, Positionen zueigen machen, wie sie heute bisweilen noch in der IG Metall zu finden sind?

In Deutschland ist es Mode, sich für aufgeklärter zu halten

Hatte irgendjemand erwartet, dass es einfach sein würde, den Unternehmen und Verbrauchern in den USA neue Milliardenlasten aufzubürden? In Deutschland ist es Mode, sich für aufgeklärter zu halten. Man habe ja ein Handelssystem für Abgase, heißt es, das Luftverschmutzung teurer und auf Dauer unrentabel mache. Doch Vorsicht! Deutschlands wichtigstes Klimaschutzinstrument beruht auf einer europäischen Richtlinie, die hernach in nationales Recht verwandelt werden musste. Hätten deutsche Abgeordnete nach freier Debatte eine freie Entscheidung getroffen, wären sie vermutlich demselben Druck und denselben Interessen ausgesetzt gewesen wie heute ihre US-Kollegen.

Dank des europäischen Demokratiedefizits können sie sich nun ihrer Fortschrittlichkeit rühmen. Doch sogar unter diesen Bedingungen geht Deutschland bisweilen die Puste aus. Zum Beispiel vor einem Jahr, als es um die jüngste Version des europäischen Klimapakets ging. Eine Art Subventionsprogramm für neue Kohlekraftwerke wurde beschlossen. Damals hatte ohne Zweifel die Klimakanzlerin ihre Hand im Spiel.

Selbst wenn es Obama gleich morgen gelänge, den Kongress zu bezirzen, wären seine deutschen Kritiker lange noch nicht zufrieden. Denn der Gesetzesentwurf, der dort beraten wird, gehe nicht mal näherungsweise weit genug. Was der Kongress debattiere, sei lächerlich.

Nun, es kommt ganz auf den Maßstab an. Das erinnert an Walter Ulbricht, den einstigen Lenker der DDR. Der wollte einst den Westen "überholen ohne einzuholen".

So ein klimapolitsches Überholmanöver würde heute erfordern, dass die USA für das Jahr 2020 dieselben Reduktionsziele wie Europa akzeptieren, die Reduktionsmaßnahmen aber, weil sie später beginnen, schneller umsetzen. Präziser: etwa doppelt so schnell. Eine herkulische Aufgabe. Anders formuliert: eine Schimäre.

Fair wäre es zu vergleichen, was Amerika und Europa in Zukunft tun werden, sofern der Kongress das Gesetzgebungsverfahren abschließt. Da stellt sich heraus, dass beide Kontinente gleichauf liegen, egal welcher Maßstab: Kosten, Kosten als Anteil des Bruttosozialprodukts oder prozentuale Minderung von Emissionen.

Scheitert das Klimagesetz, will Obama mit einem Energiegesetz nachziehen

Zu den phantasiereicheren Vorwürfen an Obama zählt, der Mann habe sich nicht recht bemüht und lasse deshalb die Welt in Kopenhagen im Stich. Zur Erinnerung: Kurz nach seiner Wahl, er war noch nicht im Amt, verpflichtete Obama seine Regierung zur Klimawende. Deshalb flossen im Konjunkturpaket 80 Milliarden Dollar in grüne Projekte, etwa Isolierungen von Häusern und modernisierte Stromleitungen. Die Abgasrichtlinien für Autos wurden verschärft. Die strengen kalifornischen Normen setzen sich nun durch, mit der Folge, dass eine Luxuskarosse süddeutscher Bauart in Amerika einen sparsameren Motor haben muss als in Deutschland.

Seit Obama regiert, darf die US-Umweltbehörde wieder durchgreifen. Für den Fall, dass der Kongress kein Klimagesetz verabschiedet, droht das Amt mit der Einführung des Emissionshandels auf dem Verordnungswege.

Scheitert das Klimagesetz, will Obama übrigens mit einem Energiegesetz nachziehen. Eine große Mehrheit scheint dafür sicher. Schärfere Abgasrichtlinien für Kraftwerke und striktere Effizienzvorgaben für Haushaltsgeräte sollen im Gesetzespaket enthalten sein. Sogar ohne Emissionshandel addieren sich die Maßnahmen zu einem eindrucksvollen Kurswechsel. Barack Obama hat "in den ersten acht Monaten seiner Amtszeit mehr für den Klimaschutz getan als sein Vorgänger in acht Jahren". Das schreibt die Heinrich-Böll-Stiftung, die als klimapolitische Leisetreterin bisher noch nicht aufgefallen war.

Zurück ins Zentrum der internationalen Klimadiplomatie hat Obama sein Land vom ersten Tag an geführt. Die Architektur eines künftigen Klimaabkommens ist zwischen den transatlantischen Partnern plötzlich nicht mehr umstritten. Es gibt keinen Dissens mehr über das Ausmaß des Klimawandels und dessen Bedrohlichkeit für die Menschheit. Dass alle Abgassünder zur Reduktion beitragen müssen, ist nunmehr ebenso Konsens wie die Einsicht, dass die Industrieländer die Führung übernehmen und den Entwicklungs- wie Schwellenländern helfen müssen.

Klimaschutz als Kern der politischen Agenda

Barack Obama stellt Klimapolitik sogar ins Zentrum der bilateralen Beziehungen mit Indien und China. Inzwischen hat er das Reduktionsziel vorgestellt, das die US-Unterhändler nach Kopenhagen mitnehmen werden. Der Präsident geht damit ein innenpolitisches Risiko ein. Schon einmal, bei den Klimaverhandlungen in Kyoto 1997, hatte die US-Regierung etwas versprochen, was der Senat nicht unterstützen wollte. Obama orientiert sich diesmal an Gesetzesvorlagen, deren Verabschiedung nicht gesichert ist. Das alles tut er, weil er Klimaschutz als Kern seiner politischen Agenda begreift.

Am 9. Dezember wird er nach Kopenhagen reisen und sein internationales Prestige einsetzen, um die Konferenz zu einem Erfolg zu machen. Er übernimmt jene Führung, die die Welt von ihm erwartet. Die Europäer haben die Wahl, auf Obama zuzugehen und damit die Chancen auf eine Verabschiedung des Klimapakets im Kongress zu erhöhen. Oder sie können die USA wegen mangelnder Ambition schelten und damit einen klimapolitischen Rückschlag riskieren.

Obama hat jedenfalls bisher getan, was einem einzelnen Menschen möglich war. Er ist der grünste Präsident der Geschichte seines Landes.

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Die neuesten Beiträge:
16.12.2009 von rkinfo:

Biogas liegt bei ca. 5 Cent/kWh und nach Umwandlung zu Wasserstoff plus CO2-Abscheidung kommen wir auf die 10 Cent/kWh Brennstoffpreis. Im Mix mit Braunkohle und Umwandlung zu Wasserstoffe abzgl. CO2 dann eher 7-9 Cent/kWh. [...] mehr...

16.12.2009 von katzenjäger:

Auch hier gilt: Großkraftwerke (Kohle) fahren mit einem realen Wirkungsgrad von maximal 50 %. Sie bezahlen die Verluste freiwillig - und den Gewinnzuschlag der EVU noch dazu. Nur zu also. Ihre Schuld, wenn Sie daran nichts [...] mehr...

16.12.2009 von Johanna.1.15:

Na ja, real bei <60% Wirkungsgrad. Dafür mit elend hohen Kosten. Auch hier gilt: wenn Sie es bezahlen wollen, nur zu! mehr...

16.12.2009 von Johanna.1.15:

Dann liegt der reine Brennstoffpreis bei 30 Cent/kWh, plus Fixkosten natürlich. Das scheint mir arg weit entfernt von Ihren "3-5 Cent/kWh". mehr...

16.12.2009 von katzenjäger:

Das ist die typische Nebelkerze der Energieversorgungsunternehmen, die vernebelt, daß ein Großkraftwerk mit einem energetischen Wirkungsgrad von maximal 45 % arbeitet. Von Rentabilität müssen Sie mir nichts erzählen. Lesen Sie - [...] mehr...

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Zum Autor

Thomas Kleine-Brockhoff ist Mitglied der Geschäftsleitung des German Marshall Fund of the United States in Washington. Er hat zuvor als Journalist unter anderem für die "Zeit" in der US-Hauptstadt gearbeitet. In diesem Beitrag gibt er seine persönliche Meinung wieder.

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Fotos Action Press (2), AP, Getty Images

Heft 50/2009:
Das verlorene Jahrzehnt

Was die Welt aus einer Dekade der Unvernunft lernen muss

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Weltklimaverhandlungen

Wichtige Punkte

Die G-8-Staaten haben sich grundsätzlich zu dem Ziel bekannt, den globalen Temperaturanstieg im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Auch die Schwellenländer haben sich dem jetzt angeschlossen. Doch konkrete Vorgaben und Zusagen zur Finanzierung fehlen noch - deshalb könnte es beim bloßen Lippenbekenntnis bleiben.

Worum geht es?

Wer sind die wichtigsten Akteure?

Wie ist der Stand in Europa?

Was sind die Knackpunkte der Verhandlungen?

Was, wenn die Verhandlungen scheitern?


Wer wie viel CO2 reduzieren will

EU

Die Staaten der Union haben sich verpflichtet, ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 um mindestens 20 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Wenn andere Staaten mitziehen, versprechen die Europäer sogar ein Minus von 30 Prozent. Die Aufteilung der EU-weiten Ziele auf Mitgliedstaaten ("Effort Sharing") wird unter Berücksichtigung der Wirtschaftsleistung pro Kopf und der nationalen Voraussetzungen vorgenommen.

Russland

USA

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China

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Der lange Weg zum Klimaschutz

1988

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gründen den Weltklimarat (IPCC). Der IPCC selbst betreibt keine Wissenschaft, er sammelt stattdessen Daten zum Klimawandel und entwickelt Strategien zur Anpassung. Das Gremium hat bisher vier sogenannte Sachstandsberichte verfasst, der nächste ist für 2014 geplant. Der IPCC ist nicht direkt in das Klimasystem der Uno eingebunden, liefert aber den wissenschaftlichen Hintergrund für die Verhandlungen.

1992

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