Ein Kommentar von Gabor Steingart
An der Leitung der Militärakademie hat es nicht gelegen. Die Armeeoberen gaben sich alle Mühe, dem Präsidenten und obersten Befehlshaber der US-Streitkräfte einen glänzenden Auftritt zu verschaffen.
Wenige Minuten, bevor Barack Obama die General-Eisenhower-Halle von West Point betrat, wurden die anwesenden Kadetten ermahnt, "enthusiastisch" auf seine Rede zu reagieren. Doch das nützte nichts. Die Soldaten blieben kühl.
Man musste kein Kadett sein, um Unwohlsein zu empfinden. Diese Rede war die unwahrhaftigste, die Barack Obama je gehalten hat. Er sprach von Verantwortung. Aber jeder Satz roch nach Parteitaktik. Er verlangte Opfer, aber er konnte nicht begründen, wofür.
30.000 zusätzliche US-Soldaten sollen in Afghanistan einmarschieren und gleich wieder hinaus. Amerika zieht in den Krieg - und von dort weiter in Richtung Frieden. Es sprach ein Kriegsnobelpreisträger.
Für beide Truppenbewegungen hatte der Präsident die passenden Zahlen zur Hand: Die Mannstärke in Afghanistan wird gegenüber der Bush-Zeit verdreifacht. Das sollte die Falken im Lande beeindrucken. Nach 18 Monaten, also pünktlich zum nächsten Präsidentschaftswahlkampf, ist der Schrecken des Krieges vorbei, und der Rückmarsch kann beginnen. Diesmal sollten die Friedenstauben gurren.
So ging es die ganze Zeit. Es wirkte, als habe der US-Präsident sein altes Redemanuskript aus dem Wahlkampf mit einem Text aus der Bush-Bibliothek verschmolzen. Extremisten würden Unschuldige im Namen ihrer Religion abschlachten. Aber der Islam sei "großartig". Bald schon werde man die Verantwortung an die Regierung von Hamid Karzai übergeben. Die allerdings sei "korrupt". Der Taliban sei gefährlich und gewinne an Kraft. Amerika aber müsse seine Stärke "auch beim Beenden von Kriegen zeigen".
In dieser Geschwindigkeit von Beginnen und Beenden, von Auf- und Abmarsch konnte einem schwindelig werden. Das kannte man in dieser Rasanz bisher nur vom französischen Revolutionstheater, Truppenaufmarsch von rechts, schwerer Kanonendonner, Abzug nach links. Und zum Schluss winken auch die Toten wieder vom Bühnenrand.
Zwei Reden in einer - deshalb unwahrhaftig
Doch das Publikum ist in diesem Fall nicht fasziniert, sondern verstört. Vielerorts konnte es in den vergangenen Wochen schon beobachten: Obamas Zauber wirkt nicht mehr. Die Anziehungskraft seiner Worte wird schwächer.
Nicht er hat sich verändert, wohl aber der Maßstab, an dem er gemessen wird. Für Präsidenten gilt als Maßeinheit das wahre Leben. Entscheidend für einen Regierungschef sind die Bedingungen am Erstwohnsitz der Bürger; da, wo sich der Arbeitsplatz befindet und die Familienkasse steht; da, wo gelebt, gelitten und - im Falle des Anti-Terror-Krieges - auch gestorben wird.
Der Zweitwohnsitz, also das Reich der politischen Träume und Sehnsüchte, ist ein davon entfernter Ort, eine Art Urlaubsadresse. Das war der Ort, wo der politische Charmeur Obama seinen Wählern so erfolgreich nachstellte. Das Wolkenkuckucksheim ist für alle Wahlkämpfer, erst recht die phantasie- und sprachbegabten unter ihnen, ein dankbares Terrain. Hier hatte Obamas sein Wahlkampfquartier aufgeschlagen, ein großes Zelt namens "Hope".
Mit seiner Rede zur neuen Afghanistan-Strategie versuchte der Präsident, es den Bewohnern beider Wohnsitze recht zu machen. Deshalb hielt er zwei Reden in einer. Deshalb wirkte er so unwahrhaftig. Träumer wie Realisten sind nun gemeinsam verstört.
Der amerikanische Präsident braucht derzeit keinen Gegner. Er hat ja sich selbst.
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manchmal ist es besser, etwas besser zu wissen, als besser tot zu sein. (und wofür - diese frage blieb unbeantwortet) mehr...
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