ThemaAfghanistan-KriegRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
03.12.2009
 

Afghanistan-Erfahrung

Russland gibt USA Rückzugsnachhilfe

Von Benjamin Bidder, Moskau

Sowjetischer Abzug aus Afghanistan 1989: "Jedes Land muss seine Fehler selbst machen"Zur Großansicht
DPA

Sowjetischer Abzug aus Afghanistan 1989: "Jedes Land muss seine Fehler selbst machen"

Erst die Truppen verstärken, dann schleunigst abziehen: Die neue Afghanistan-Strategie von US-Präsident Obama wird in Russland begrüßt. Man hofft auf eine schnelle Stabilisierung des Landes - und warnt den Westen davor, in die gleiche Falle zu tappen wie die Sowjets.

Wenn der Ex-Kommandeur, ein hochdekorierter ehemaliger General, über den Einsatz in Afghanistan spricht, dann hebt er gern die Rolle des zivilen Aufbaus am Hindukusch hervor. "Wir hatten nicht den Auftrag, militärisch zu siegen", sagt er dann. "Unser Auftrag war, politisch zu siegen." Seine Truppen hätten lediglich "Banditengruppen" zurückgeschlagen, "die uns angegriffen haben" und mit Drogen handelten.

Doch es ist kein Nato-General, der über die Isaf-Operation in Afghanistan philosophiert. Es ist Boris Gromow, Gouverneur des Moskauer Gebietes, "Held der Sowjetunion" - und einst Kommandeur der 40. sowjetischen Armee, die sich neun Jahre lang mühte, in Afghanistan für Sicherheit und Sozialismus zu sorgen. Vergeblich, so wie heute auch ein westliches Bündnis weitgehend erfolglos Stabilität und - wenn möglich - ein wenig Demokratie in Afghanistan zu verbreiten sucht.

Im Februar 1989 führte Gromow die letzten sowjetischen Soldaten über die Grenze in die Sowjetrepublik Usbekistan, mit wehenden roten Fahnen zogen Lastwagen und Panzerfahrzeuge über die Grenzbrücke. Gromow aber hielt eine Minute auf der Brücke nahe Termez inne - und gedachte der gefallenen Freunde und Kameraden. 15.000 sowjetische Soldaten verloren während der Kämpfe ihr Leben, Zehntausende kehrten verletzt und traumatisiert in die Heimat zurück.

Zwei Jahrzehnte, nachdem der letzte russische Soldat die Grenze überschritten hat, sind heute Bundeswehrsoldaten in Termez stationiert. Vom Flugfeld der Stadt versorgen sie die Kameraden des deutschen Kontingents der Isaf-Schutztruppe. Gemeinsam mit Verbänden von Verbündeten, vor allem Amerikanern, versuchen sie, Afghanistan zu befrieden und die Taliban in Schach zu halten. Bislang mit mäßigem Erfolg.

"Mehr Soldaten bedeuten mehr Tote"

In Moskau werden die verzweifelten Anstrengungen der Amerikaner mit besonderem Interesse verfolgt. Die Regierung zeigte sich zufrieden mit Obamas Vorhaben, die US-Truppen in Afghanistan um 30.000 Soldaten aufzustocken. Eine Stabilisierung der Region sei schließlich im Interesse aller, teilte das Außenministerium in Moskau mit. Afghanistan müsse "so schnell wie möglich ein unabhängiger, wohlhabender, sich selbst erhaltender und von Drogenkriminalität und Terrorismus befreiter Staat" werden.

Vor allem die zahlreichen Afghanistan-Veteranen melden sich dieser Tage in Russland zu Wort. "Mehr Soldaten bedeuten schlicht mehr Tote", mahnt etwa Gennady Saizew. Saizew war einst Kommandeur der Elitetruppe "Alfa" des KGB, die 1979 den Palast des afghanischen Präsidenten Amin stürmte und den Staatschef liquidierte.

Die Verlegung weiterer amerikanischer Truppen sei sinnlos, erklärt auch General Igor Rodionow, auch er einst General während des Afghanistan-Feldzuges. "Es ist doch schon alles ausprobiert worden", sagt Rodionow.

Tatsächlich ist das Echo auf Obamas Ankündigung in Moskau geteilt. Mit einer gewissen Genugtuung beobachtete Russland in den vergangenen Jahren das Ausbleiben von Erfolgen der Amerikaner am Hindukusch. Zu sehr schmerzte noch das Gefühl, im Krieg gegen die Mudschahidin in den achtziger Jahren gedemütigt worden zu sein. Man hat nicht vergessen, dass es vor allem die USA und Pakistan waren, welche die Kämpfer damals mit Dollars und Waffen gegen die Sowjets rüsteten.

Ein Interesse am Scheitern des Westens in Afghanistan hat Russland aber nicht - schon wegen der direkten Nachbarschaft zum eigenen Land und den zentralasiatischen Staaten Usbekistan, Kirgisien und Tadschikistan. "Eine Stabilisierung der Situation in Afghanistan ist sehr wichtig für uns", kommentierte auch Russlands Nato-Botschafter Dmitrij Rogosin die Entscheidung des US-Präsidenten.

Haben die Afghanen unter den Sowjets besser gelebt als heute?

Obama hat versprochen, er wolle den Feldzug in Afghanistan zu einem "erfolgreichen Ende" führen. In Moskau aber fragt man sich, worin der Erfolg bestehen soll. "Um einen Erfolg zu bemessen, müsste man ja wissen, welches Ziel erreicht werden soll", sagt Fjodor Lukjanow, Herausgeber der einflussreichen Zeitschrift "Russia in Global Affairs". "Die Sowjetunion wollte den Sozialismus in Afghanistan errichten. Es wurde viel in Infrastruktur investiert. Die USA wollten dagegen lediglich die Taliban vertreiben." Eine langfristige Zielsetzung, ein Konzept für das Land habe es aber nie gegeben.

Heute höre man daher mit Genugtuung von Afghanen, sie hätten unter den Sowjets gar besser gelebt als heutzutage. Doch jetzt ist es zu spät, um die Strategie für den Aufbau zu überdenken: Obama hat bereits einen zügigen Abzug aus Afghanistan versprochen. Ein Rückzug möglichst ohne Gesichtsverlust - in Russland hält man das für den größten Erfolg, den der Westen in Afghanistan noch erringen kann.

Und was wird danach aus Afghanistan? Die Sowjets installierten nach ihrem eigenen Rückzug mit Mohammed Nadschibullah in Kabul einen treuen Vasallen. Der konnte sich dank Unterstützung aus Moskau auch ohne General Gromow und dessen Truppen mehrere Jahre an der Macht halten. Erst als die Sowjetunion zusammen- und der Rückhalt für Nadschibullah im neuen Russland wegbrach, wurde er 1992 gestürzt. Vier Jahre darauf wurde Nadschibullah von den Taliban bestialisch gelyncht.

"Der Westen braucht jetzt einen fähigen Politiker, eine Art zweiten Nadschibullah", glaubt Experte Lukjanow. Doch es gebe Zweifel, ob Präsident Hamid Karzai für den Posten wirklich geeignet sei. Auf keinen Fall aber dürften die USA und Europa seine Regierung in Kabul nach einem Truppenabzug im Stich lassen.

Das wäre die Lektion, die Obama jetzt von den gescheiterten Sowjets lernen könnte. Außenpolitikkenner Lukjanow ist jedoch skeptisch. "Die Geschichte zeigt: Jedes Land muss seine Fehler selbst machen."

mit Material von AP

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 673 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
08.01.2010 von Kamerad aus Rußland: Keine Aussichten mit dem großen Bruder aus der Übersee

Je schneller Ihr das begreift, Kameraden, desto besser. Für alle. Ihr schützt da nichts anderes als US-amerikanische Möhnplantagen, welche zur Zeit der UdSSR-Invasion fast allersamt vernichtet worden waren. Seit Anfang der [...] mehr...

01.01.2010 von Paul Max: manchmal

manchmal ist es besser, etwas besser zu wissen, als besser tot zu sein. (und wofür - diese frage blieb unbeantwortet) mehr...

01.01.2010 von Alpin:

Ist das wirklich alles, was sie meinem Beitrag entgegen setzen können? Der Hinweis auf einen Rechtschreibfehler, weil bei "Afghane" das H an der falsche Stelle steht? Über die Stammesgeschichte der Paschtunen weiß ich [...] mehr...

01.01.2010 von Alter_Reservist:

Fragen Sie mal die Volksvertreter Ihres Vertrauens.. Uuuups die haben dagegengestimmt ? Na gut dann Fragen Sie mal einen oder mehrere die dafür gestimmt haben. Nö, die Kritik könnte noch harscher ausfallen. Und ich sehe [...] mehr...

01.01.2010 von Rainer Daeschler:

Was denn, Lebensraum für das deutsche Volk und ein 17. Bundesland? mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Afghanistan-Krieg

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Auszüge aus Obamas Rede

Klicken Sie auf die Überschrift für den Wortlaut

"Wir haben nicht um diesen Kampf gebeten"



Karzai und Afghanistan

Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren

Hamid Karzai

Präsidentschaftswahlen

Isaf-Einsatz

Probleme in Afghanistan

Opium-Wirtschaft

Afghanistan-Krieg




TOP



TOP