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08.12.2009
 

Debatte über Minarett-Verbot

"Der Islam ist in Europa wichtiger als das Christentum"

Minarett in Rendsburg: "Es ist ein Fehler, die Religiosität der Muslime zu verachten"Zur Großansicht
DPA

Minarett in Rendsburg: "Es ist ein Fehler, die Religiosität der Muslime zu verachten"

Die Integration der Muslime gelingt nicht so, wie es sich die Europäer vorstellen. Schuld daran ist die Mehrheitskultur selbst, meint Einwanderungsexperte Christopher Caldwell im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Sie setzt sich mit dem Islam zu wenig auseinander - und kommt ihm zu weit entgegen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Caldwell, die Schweiz hat in einer Volksabstimmung Minarette verboten. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie davon hörten?

Caldwell: Für mich war das Faszinierendste die Kluft zwischen der deutlichen Ablehnung des Verbots in den Umfragen und der großen Zustimmung in der Abstimmung. Das bedeutet, dass es eine offizielle Islam-Diskussion gibt und eine verdeckte. Und das sollte den Europäern Sorgen machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, dass es in Europa keine offene Diskussion über den Islam gibt?

Caldwell: Ja, es hat sich allerdings schon einiges getan. Heute wird wesentlich offener debattiert als noch vor einigen Jahren. In den Niederlanden oder in Dänemark gibt es sogar eine sehr heftige Debatte. Ich glaube zwar nicht, dass viele Dänen oder Niederländer stolz darauf sind, wie ihre populistischen Parteien das Thema Einwanderung debattieren. Dennoch glaube ich, dass es besser ist, wenn offen darüber gesprochen wird.

SPIEGEL ONLINE: Wo kann denn ihrer Meinung nach nicht offen gesprochen werden?

Caldwell: In Ländern wie Frankreich bestehen Gesetze gegen alle möglichen Arten von Meinungsäußerungen. Das hat eine sehr abschreckende Wirkung. Viele Menschen haben Angst zu sagen, wie sie wirklich denken. Manchmal offenbar sogar bei Umfragen, wie das Beispiel der Schweiz zeigt.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch "Reflections on the Revolution in Europe" werfen sie einen skeptischen Blick auf Europas Verhältnis zu seinen muslimischen Einwanderern. Bedrohen muslimische Einwanderer in Ihren Augen also den Kontinent?

Caldwell: Ich spreche nicht von einer Bedrohung. Das ist mir sehr wichtig. Diese Debatte wurde bisher zwischen zwei Extremen geführt. Auf der einen Seite die Schwarzseher, die sagen, der Islam werde die Macht in Europa übernehmen. Auf der anderen Seite die Leute, die sagen, es gebe kein Problem, das einzige Problem sei der Rassismus. Beide Positionen halte ich für falsch. Ich habe versucht, einen neuen Ton anzuschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch gewinnt man beim Lesen Ihres Buches den Eindruck, dass Sie es für schwierig halten, dass Europa seine muslimischen Zuwanderer jemals ganz wird integrieren können.

Caldwell: In der Tat glaube ich, dass sich mit dem Islam Schwierigkeiten ergeben, die andere Gruppen von Einwanderern nicht haben. Zum einen ist da die wachsende Bedeutung des politischen Islam in den letzten 50 Jahren. Eine bedeutende Minderheit der europäischen Muslime fühlt sich mit der muslimischen Welt solidarisch, und sie hat das Gefühl, dass der Westen mit dieser Welt im Krieg ist. Das macht es schwieriger für sie, die europäische Identität vollständig anzunehmen. Aber wichtiger scheinen mir die kulturellen Schwierigkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Caldwell: Viele Menschen sind zu optimistisch, wenn sie glauben, dass die Muslime in Europa ihre Religion mit der Zeit gewissermaßen aufgeben werden. Ihre Religion wird vielleicht milder werden, sie wird sich verändern, aber wir wissen nicht genau wie. Mit Religion gehen gewisse Haltungen einher, und genau damit gibt es die meisten Probleme - mit der Einstellung von Muslimen zu Frauen, zu familiären Beziehungen, zu Sex oder zu Rechten von Schwulen.

SPIEGEL ONLINE: Der Anteil der Muslime an der europäischen Bevölkerung ist sehr gering. Er beträgt ungefähr fünf Prozent.

Caldwell: Das akzeptiere ich durchaus. In meinem Buch schätze ich die Gesamtbevölkerung Westeuropas auf 400 Millionen und die Zahl der Muslime auf etwa 20 Millionen, sie wächst allerdings weiterhin.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr wächst sie denn wirklich? Sie argumentieren mit der höheren Geburtenrate, aber die nähert sich laut vielen Studien in der zweiten und dritten Generation der Einwanderer dem Landesdurchschnitt an.

Caldwell: Das ist richtig. Die Zahl nimmt dennoch zu, weil erstens weiterhin Einwanderer kommen, und weil zweitens ihre Geburtenrate trotzdem immer noch leicht höher liegt. Viel entscheidender ist aber, dass die Muslime mit ihrer Kultur in einer Weise beherbergt werden müssen, die Europa nötigt, seine Strukturen zu verändern. Die Mehrheitsgesellschaft ist den Einwanderern in den letzten 20 Jahren in vielen Fragen entgegenkommen. Manchmal geht es um kleine Dinge wie Gebetsräume am Arbeitsplatz. Es geht aber auch um große Fragen, das zeigt das Urteil eines französischen Gerichts, das eine gerade geschlossene Ehe annullierte, weil die Frau nicht mehr Jungfrau war.

SPIEGEL ONLINE: Und dadurch verändert sich der Charakter Europas?

Caldwell: Wenn eine unsichere Mehrheitskultur, die alles relativiert, auf eine Kultur trifft, die zwar in der Minderheit ist, aber ein großes Selbstvertrauen und Dynamik hat, dann ist es normalerweise die Mehrheitskultur, die sich der Minderheitskultur anpasst.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie die europäische Mehrheitskultur für so schwach, weil sie säkular ist?

Caldwell: Der Islam ist in Europa die zweitgrößte Religion. Aber das ist nur statistisch richtig. Wenn man die Lebendigkeit seiner Ideen betrachtet, ist der Islam in Europa die viel wichtigere Religion als das Christentum. Es gibt so viele Artikel in Zeitungen, so viele Debatten zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, die sich mit der Frage beschäftigen, was der Koran zu Ehrenmorden oder zum Kopftuch sagt. Was das Christentum dazu sagt, scheint für niemanden von großer Wichtigkeit zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Da höre ich ein gewisses Bedauern.

Caldwell: Ich will Europa keine Ratschläge erteilen. Mir fällt nur auf, dass viele Europäer sich selbst für aufgeklärt halten und den Islam für barbarisch. Es ist ein Fehler, die Religiosität der Muslime zu verachten. Mein Eindruck ist, dass sie ihnen etwas gibt, das den Europäern fehlt. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Präsenz so weniger Muslime viele Europäer so nervös macht.

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Die neuesten Beiträge:
10.12.2009 von MarkH: was die Religionsdebatte verdeckt

ist, dass es nicht hinnehmbar ist, dass Transferleistungen (Renten etc.) aus Deutschland in Schwellenländer abfliessen. D.w. ist nicht hinnehmbar, dass wie Menschen in Deutschland Hartz4 bezahlen, wenn deren Länder nichts [...] mehr...

10.12.2009 von Argosch: Eine...

... andere Antwort bzw. Grundhaltung hatte ich, von Ihnen, auch nicht erwartet. (im positivem Sinne) Ich bin so frei und verändere etwas... Zitat: "Denn Religion ist ja letztlich nichts anderes als jede andere [...] mehr...

10.12.2009 von wasissn: Menschenrechte

Dies wird ja auch dokumentiert durch die Haltung zu den Menschenrechten. Während sogar ein Ahmadinedschad sich in diesen Tagen berufen fühlt, die Schweiz und Europa in Sachen Menschenrechte zurecht zuweisen, sollte man einmal [...] mehr...

10.12.2009 von TC Matic: .

Damit hat es sich dann aber auch schon, was "religiöse Gesetzgebung" in D betrifft. Besonders "Islam-Hörige" wünschen sich aber eine einhundertprozentige religiöse Gesetzgebung, die Nichtreligiöse nicht nur [...] mehr...

10.12.2009 von Argosch: Und?

Ist das bei der christlichen Kirche, egal welcher Konfession, anders? Was wird in christlichen Kindergärten, Waisenheime, Gymnasium, usw. den nebenbei gelehrt? Ist zu diesen Einrichtungen jedem Fremd- oder Nichtreligiösem [...] mehr...

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Zur Person

Brendan Hoffman / WpN
Christopher Caldwell, ist Senior Editor beim "Weekly Standard" und schreibt für die "Financial Times", das "Wall Street Journal" und die "New York Times". Er ist Autor des Buches "Reflections on the Revolution in Europe" über die muslimische Einwanderung in Europa.

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Fotos Action Press (2), AP, Getty Images

Heft 50/2009:
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