Aus Oslo berichtet Gerald Traufetter
Irgendwann hörte Norwegens Kronprinzessin auf, ihre Tränen zu verstecken. Mette-Marit nestelte ein Taschentuch aus dem weißen Handtäschchen. Schnell umklammerte ihr Mann, Kronprinz Haakon, ihre linke Hand. Die norwegische Kronprinzessin gab dem Drang nach, vor Ergriffenheit zu weinen.
Es war jener Moment der großen Gefühle bei Barack Obamas Rede vor den vielen hundert Ehrengästen, die zur Verleihung des Friedensnobelpreises an den US-Präsidenten ins Rathaus von Oslo gekommen waren. "Irgendwo heute, in dieser Welt, sieht sich eine junge Demonstrantin mit der Brutalität ihrer Regierung konfrontiert - hat aber den Mut, weiterzumarschieren", sagte Obama und zog seine Mundwinkel zu seiner typisch ernsten, staatsmännischen Miene herunter.
Und brachte dann noch etwas mehr Pathos an: "Irgendwo jetzt nimmt sich eine Mutter, die in Armut lebt, die Zeit, ihrem Kind beizubringen, dass die grausame Welt auch einen Platz für seine Träume hat", sagte der Besucher aus dem Weißen Haus und senkte dabei demutsvoll und bescheiden seine Augenlider.
Plötzlich war sie wieder da: die verführerische Kraft Obamas. Hier in Norwegen, an diesem bleiern schweren Wintertag, in dem Marmor-Saal mit den riesigen Wandmalereien voll harmonischen Menschenlebens. In diesem Raum schien vergessen, dass er daheim die Herzen seiner Bürger verliert.
Der Applaus nach seiner Rede überstieg denn auch die protokollarische Zurückhaltung, die gewöhnlich auf dieser für Norwegen wichtigsten internationalen Veranstaltung herrscht. Obama entging nicht, wie aufgelöst die Kronprinzessin durch seine Rede war. Er tätschelte sie bei der Verabschiedung aufmunternd am Unterarm.
Waren die Norweger vor der Zeremonie noch ein wenig beleidigt, dass der Präsident nur 24 Stunden in ihr Land kam, so dürfte er mit seinem Auftritt unter den vier Millionen Einwohnern in bester kollektiver Erinnerung bleiben.
Indiskretionen aus dem verschwiegenen Fünfergremium
Dabei war die Entscheidung, dem Präsidenten aus Washington die Medaille im Andenken an Alfred Nobel zu überreichen, heftig umstritten gewesen. Seit Jahrzehnten gab es erstmals sogar Indiskretionen aus dem fünfköpfigen Komitee, die sich sogleich in den Medien des Landes wiederfanden. Im Zentrum der Kritik stand dabei Thorbjørn Jagland, der Vorsitzende der Jury, Ex-Premier und bis dato hochgeschätzte Botschafter seines Landes für Frieden und Verständigung.
Die Rede des Sozialdemokraten geriet deshalb zu einer einzigen Rechtfertigung. Schon immer in der 108-jährigen Geschichte der Friedensnobel-Stiftung sei der Preis an Menschen gegangen, die erst am Anfang oder zumindest mitten drin in ihrem Freiheitskampf steckten: Carl von Ossietzky und Lech Walesa bemühte Jagland dafür als Beispiel, Nelson Mandela und Martin Luther King. "Wir sind so glücklich, dass durch ihre Anwesenheit so viel von seinem Traum wahrgeworden ist", schmeichelte Jagland dem ersten US-Präsidenten afroamerikanischer Herkunft - und es ist nicht wirklich sicher, dass er mit diesen Worten Obama auf seiner Mission innenpolitisch wirklich eine Hilfe ist.
Eitelkeit hatte man Jagland vorgeworfen, dem Elder Statesman Norwegens. Er wolle sich einen Tag lang in Obamas Sonne spiegeln. Diese Strategie Jaglands ist sicher aufgegangen.
Als er Obama schließlich die goldene Medaille mit dem Konterfei Nobels überreichte, applaudierte ein Mitglied der Jury mit versteinerter Miene: Inger-Marie Ytterhorn von der rechtspopulistischen Fortschrittspartei. Sie hatte den entschiedensten Widerstand gegen den Vorschlag geleistet, Obama zum Friedensnobelpreisträger zu machen. Man solle abwarten, bis er Ergebnisse abgeliefert habe, ätzte die Politikerin. Daraufhin konterte Jagland in den geheimen Treffen, bei denen sich die Teilnehmer auf 50 Jahre zur Verschwiegenheit verpflichten: "Wer hat in diesem Jahr mehr getan als er?"
Obama verzeihen sie den peinlichen Versprecher
Jaglands Rede an diesem Tag geriet zu einer einzigen Wunschliste geopolitischer Wohltaten, die Präsident Obama in den nächsten Jahren mit der Autorität des Friedensnobelpreises im Rücken erbringen soll: die Atomwaffen abschaffen, das Klima retten, die Armut besiegen, die Chinesen zähmen.
Wie soll er das alles schaffen?
Am Ende gelang es Barack Obama auf seine Weise, eine Antwort zu geben - die vielleicht anders ausfiel, als mancher ersehnt hatte. Als er wie ein Entertainer auf die Bühne hüpfte und wie ein Showstar ansetzte, der sein Publikum mit dem falschen Städtenamen begrüßt ("Bürger Amerikas, Bürger dieser Welt"), machte er seinem Publikum gleich klar: "Ich bin Oberbefehlshaber von Truppen, die sich in zwei Kriegen befinden."
Und weiter mit der Vorwärtsverteidigung:"Manche meiner Soldaten werden töten, manche von ihnen werden getötet werden."
Da hatte Obama zumindest in Oslo die Schlacht um den Kriegsnobelpreis gewonnen.
Auf anderen Social Networks posten:
Richtig. Es waren schon großartige Momente in der Geschichte der Menschheit, als manche Staatsmänner den Hass und den Krieg zwischen den Nationen, mit einem Handschlag überbrückten, oder dies zumindest versuchten. Dafür ist [...] mehr...
Wie peinlich das Ganze, wie die Europäer dem Mann Honig um den Mund schmieren, wo er nicht einmal Gelegenheit hatte, sich als Friedensstifter wahrhaftig zu bewähren. Ich glaube, er selbst war froh, als er von dieser Veranstaltung [...] mehr...
The Times had the documents, which were originally written in Farsi, translated into English and had the translation separately verified by two Farsi speakers. While much of the language is technical, it is clear that the [...] mehr...
Glauben Sie ruhig dem Willie. die Google- und Wikileute schreiben alle voneinander ab. Topagenten outen sich gewöhnlich erst nach 30 Jahren. mehr...
Natürlich gibt es die: BEIDE gewinnen - und zwar in dem KEINER den anderen angreift. So einfach ist das. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Barack Obama | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH