Aus Kopenhagen berichtet Gerald Traufetter
Ein Holzofen bullert in der verfallenden Baracke. Im dämmrigen Schein einer Glühlampe liegen zusammengekrümmte Menschen auf Matratzen, abgetrennt durch Vorhänge. Mit leiser Stimme reden sie auf die Personen ein, die neben ihnen knien und geduldig zuhören.
"Wir versuchen, diesen Leuten hier ihre Würde wieder zurückzugeben", flüstert Sally, die nur bei ihrem Vornamen genannt werden möchte. Die junge Dänin leitet das Trauma-Zentrum für die Demonstranten des Kopenhagener Klimagipfels. "Wer hier hinkommt, kriegt zunächst mal ein heißes Getränk, eine warme Decke und frische Kleider", sagt sie. Ihre Schützlinge wurden von der Polizei festgesetzt. Stundenlang hat man sie auf dem Asphalt sitzen lassen. "Die haben sich in der Kälte in die Hosen gemacht", sagt Sally.
"Emotionale Erste Hilfe", steht auf einer Pinnwand neben ihr geschrieben, und die ist in der heißen Phase der Klimaverhandlungen so gefragt wie nie. Das kleine Zentrum in der linksradikalen Kommune von Christiania ist so etwas wie der Gegenpol zur glitzernden Schweinwerferwelt der Klimakonferenz. Nur fünf Stationen mit der U-Bahn ist das Bella Center entfernt, wo sich in diesen Tagen die Staatsführer der Erde zur Rettung selbiger versammelt haben.
In Christiania organisiert sich das Fußvolk der Umweltbewegung. Der autonome Zwergstaat östlich der Kopenhagener Innenstadt ist Rückzugspunkt für Tausende Protestler geworden, die mit zivilem Ungehorsam auf ihre radikalen Positionen aufmerksam machen wollen.
Kopenhagen ist in diesen Tagen eine dreigeteilte Stadt: Da sind die normalen Bürger, die trotz gewaltiger Staus hinter den letzten Weihnachtsgeschenken her sind. Da sind die weit über 10.000 Kongressteilnehmer - Politiker, Beamte, Nichtregierungsorganisationen. Frühmorgens verschwinden sie im Kongresszentrum wie im Bauch eines großen Raumschiffs. Und dann sind da die jungen Klimawilden, von denen kein Verantwortlicher genau weiß, wie viele es sind.
Hass auf den grün angestrichenen Kapitalismus
Frank Schellhorn ist einer der vielen Deutschen, die sich zur Erstürmung des Kongresszentrums aufgemacht haben. Der 52-jährige Bayer weiß, wie man Felder voller Genpflanzen zertrampelt. Das ist Kernziel seines politischen Wirkens in der Heimat. "Gendreck weg" heißt die Organisation, für die er arbeitet.
Auf dem Klimagipfel würden die Politiker von den Lobbyisten der Großkonzerne eingeseift. "Das ist eine vollkommen korrupte Veranstaltung", sagt er während des Marsches durch eine graue Vorstadt Kopenhagens. Für diese Überzeugung übernachtet er auf dem staubigen Boden einer alten Fabrikhalle. "Passt schon", antwortet er auf die Frage, wie sich der Übernachtungskomfort ausnimmt, und es ist ihm dabei Freude anzusehen über das Höchstmaß an Authentizität in seinem Aktivistenleben.
Schellhorn steht auf einer Böschung am Rande des Kanals, das das Gipfelgelände vom Rest der Welt abtrennt. Er beobachtet Demonstranten, die mit einem selbstgebastelten Floß hinüberwollen und lächelt über ihre jugendliche Naivität. "Denen geht es doch nur darum, drüben verhaftet zu werden", sagt Schellhorn abgeklärt.
Neben ihm kniet ein Aktivist, dessen Augen von einer Pfefferspray-Attacke der Polizei tränen. Freunde quetschen eine Zitrone über seinen Augen aus und hoffen auf Linderung. "Ganz ruhig durchatmen", rät Schellhorn dem wimmernden Mann: "Morgen ist alles wieder gut." Was die Demo-Guerilla vereint ist der Hass auf den grün angestrichenen Kapitalismus, wie er sich ihrer Meinung nach im Konferenz-Zentrum versammelt hat. "Was soll denn das Gefeilsche um Prozente, wenn sie nicht die richtigen Maßnahmen zur Reduktion von Kohlendioxid ergreifen", sagt Schellhorn. Biologische Landwirtschaft sei richtig, Fleischverzicht wegen "der furzenden Kühe". Und natürlich: Keinen Rückfall ins längst untergegangen geglaubte Zeitalter der Kernenergie.
Während im Kongresszentrum Politiker und Beamte auch darum ringen, den Komfort und den Luxus der Wohlstandsgesellschaft zu verteidigen, geht man auf dem Gegengipfel in der Alternativ-Kolonie Christiania ganz andere Wege.
In einem Zirkuszelt referiert die finnische Anthropologin Aili Pyhälä zum Thema "Was können wir Hochkonsumenten von den Ureinwohnern lernen". Um den politischen Eifer noch ein wenig weiter zu stimulieren, fordert sie ihre Zuhörer zu einem kleinen Tanz auf und dazu, den Sitznachbarn zu massieren. Dann predigt sie Verzicht auf Sinnesfreuden - jedenfalls alle, die mit dem Einkauf abfallintensiver Produkte zu tun haben. "Müll ist ein anthropogenes Konzept", doziert sie und zeigt Bilder aus einem Pygmäendorf. "Wir müssen davon wegkommen zu glauben, dass wir alles besser wissen", sagt sie und präsentiert dann noch weitere Bilder. Eines von einer Kinderwippe, die als Wasserpumpe dient, einer Komposttoilette und schließlich das eines Mixers, der von einem alten Fahrrad angetrieben wird.
"Gummistiefel für Bangladesch"
Die Vorschläge zur Rettung der Welt sind in Kopenhagen vielstimmig. Auri, eine finnische Straßenschauspielerin, findet die Ideen ihrer Landsmännin nicht ganz so spannend. Sie bricht mit ihren fünf Freundinnen lieber auf. Raus in den dichten Schneeregen, der Kopenhagen zu einem unwirtlichen Ort für eine Konferenz über die globale Erwärmung gemacht hat.
Auri und ihre Freundinnen sind auf künstlerischer Protestmission. Die 31-jährige will auf dem Rathausplatz in ein Pinguinkostüm schlüpfen. "Wir spielen, ich sei der letzte meiner Art", erklärt die 31-jährige. Ihre Freundinnen mimen fette Konzernbosse, die den letzten Pinguin dieser Erde wie einen Zirkusbären durch die Stadt treiben.
Viele Menschen stecken in diesen zwei Wochen Klimagipfel in Tierkostümen. Die Zahl der Eisbären in Kopenhagen liegt ungefähr gleichauf mit denen von Weltkugeln. Und die Aktivisten, denen das zu langweilig ist, greifen auf Rettungsringe als symbolische Waffen gegen den Weltuntergang zurück oder Transparente mit der Aufschrift: "Gummistiefel für Bangladesch".
Die Kopenhagener erdulden das Treiben in ihrer Stadt mit auffallender Geduld. Besinnliche Weihnachtsstimmung haben sie eingetauscht gegen das Knattern des Polizeihubschraubers und die Kakophonie der Martinshörner.
Es ist schon weit nach Mitternacht, da tanzt ein Trupp Klima-Aktivisten vor einem schweren Geländewagen von BMW, dessen Fahrer mit laufendem Motor vor dem Hauptbahnhof wartet. Gestenreich bedeuten sie ihm, den Zündschlüssel abzuziehen. Zumindest diese Aktion zur Rettung des Weltklimas funktioniert: Der Mann schaltet den Wagen ab.
Auf anderen Social Networks posten:
Tja, was man Sie was schlimmer wird, Wortklauben oder Datenklauben..... Keine Ahnung was Sie meinen, der lineare Trend zeigt einen Anstieg von etwas mehr als 0.4 Grad Celsius Warum 1940 oder 1970? Von 1930-1970 ist [...] mehr...
Kausalketten im Nachhinein konstruieren zu können, heißt nicht in jedem Fall, dass die Ereignisse tatsächlich in der Abfolge als solche im Vorhinein geplant waren (schönes Beispiel wäre das Minenfeld der Evolution). Ich hatte [...] mehr...
... und falls das Klima sich nicht reglementskonform entwickeln will, dann ist fristgemäß bis spätestens 31.12.09... Beamtenspeech pur ... hoffentlich kriegen Sie Ihre Kaffeepause eben so zuverlässig geregelt mehr...
[QUOTE=Blackjack51;4733832][QUOTE=denkmal!;4733314]Also ich bin meinen chinesischen Solarzellen absolut zufrieden. Sie überteffen sogar die angegebenen Werte. ---Zitat--- Hast du die Panels messen lassen? Das können nur wenige [...] mehr...
Ich weiß nicht wie ehrlich "Die Welt" ist. Ich weiß nicht mal ob die Welt weiß was PR ist und was nicht. (hoffentlich erscheint nur dieses) mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Uno-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH