Aus Kopenhagen berichten Roland Nelles, Christoph Seidler und Markus Becker
Knapp fünf Stunden Schlaf im Hilton Hotel am Kopenhagener Flughafen waren drin für Angela Merkel, nicht mehr. Gemeinsam mit anderen Staatschefs wie dem Briten Gordon Brown oder dem Franzosen Nicolas Sarkozy ringt die deutsche Regierungschefin in der dänischen Hauptstadt seit den frühen Morgenstunden um ein Klimaabkommen. Die Verhandlungen waren in der Nacht zu Freitag um zwei Uhr morgens unterbrochen worden.
Erstmals zeichnet sich ein möglicher Weg für eine Lösung ab. Der Optimismus der Verhandler, zu einem Abkommen zu kommen, hält sich zwar in Grenzen. Aber im Kreis von rund 30 ausgewählten Staaten wurde ein Textentwurf erarbeitet, der den anderen Staaten vorgelegt wurde. Dieser sogenannte Chapeau-Text soll als verbindliche Richtschnur für eine Fortsetzung detaillierter Klimaverhandlungen in den kommenden Monaten dienen. Danach könnten dann endgültige Abkommen vorliegen.
Absichtserklärungen, weitere Verhandlungen, kein konkretes Ziel
Der Entwurf des Chapeau-Textes, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, enthält folgende Eckpunkte:
Allerdings gibt es immer noch heftigen Streit zwischen Industrie- und Schwellenländern. "Es gibt viele Spannungen", sagte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy in einer Verhandlungspause. China weigere sich noch immer, die internationale Überprüfung seiner Treibhausgas-Emissionen zu akzeptieren.
Angela Merkel hat sich vorgenommen, in Kopenhagen eine entscheidende Rolle zu übernehmen. Für sie steht viel auf dem Spiel: Seit Jahren präsentiert sie sich in Deutschland und in der Welt als Klima-Kanzlerin. Ein Scheitern in Kopenhagen wäre für sie eine bittere Schlappe. Dazu kommt: Der studierten Physikerin und früheren Umweltministerin liegt der Klimaschutz auch persönlich am Herzen. Selten erlebt man die Kanzlerin so leidenschaftlich streiten wie bei diesem Thema. "Wir müssen unseren Lebensstil ändern", rief sie den Delegierten bei einer kurzen Rede in Kopenhagen zu. "Wir brauchen hier eine Einigung."
Berlusconi vertraut der Kanzlerin
Merkel hat wenig Lust, dass das Klimaabkommen am Egoismus einzelner Staaten scheitert. Deshalb drückt sie aufs Tempo. Der Vorteil der Kanzlerin ist, dass sie durch ihre Erfahrung als Umweltministerin im Gegensatz zu den meisten anderen Regierungschefs mit der hochkomplexen Materie vertraut ist. Ihr Wort hat Gewicht. Ihr Kollege Silvio Berlusconi hat deshalb sogar vom Krankenbett in Italien aus sein Stimmrecht auf Merkel übertragen. Wegen des Angriffs auf ihn in Mailand kann er nicht am Gipfel teilnehmen.
Die Idee für einen Chapeau-Text wurde im Wesentlichen in Berlin geboren. Schon kurz nach ihrer Ankunft am Verhandlungsort suchte Merkel am Donnerstag mögliche Verbündete, um den festgefahrenen Verhandlungsprozess wieder in Gang zu bringen. Sie traf sich mit dem britischen Premierminister Gordon Brown, sprach mit Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao.
Auch beim anschließenden Dinner der Staatschefs mit der dänischen Königin vertiefte sich die Kanzlerin in Vieraugengespräche mit anderen Staats- und Regierungschefs. Um 23 Uhr zog sie sich dann gemeinsam mit 30 Top-Verhandlern aus unterschiedlichen Staaten im Bella Center, dem Verhandlungsort, zu einem sogenannten High-Level-Meeting zurück. Dabei waren außer den Vertretern der wichtigsten Industriestaaten auch Repräsentanten von Schwellen- und Entwicklungsländern wie Indien oder den Malediven.
Doppelte Verhandlungen
In ähnlicher Runde soll nun den gesamten Vormittag weiterverhandelt werden. Merkel hat einen Rückflug für 17 Uhr geplant. Bis dahin soll ein fertiger Text vorliegen. Beobachter sind allerdings sehr pessimistisch, ob das gelingen kann. Zwar hat das Versprechen von US-Außenministerin Hillary Clinton, ihr Land werde sich an Hilfszahlungen von jährlich 100 Milliarden Dollar für Entwicklungsländer beteiligen, etwas Bewegung ausgelöst. Doch die Machtkonstellationen beim Klimagipfel bleiben so festgefahren wie seit Tagen, Wochen, Monaten.
Die Entwicklungs- und Schwellenländer haben immer wieder klargemacht, dass sie um jeden Preis auf eine Fortschreibung des Kyoto-Protokolls drängen werden. Das sorgt dafür, dass sich auch auf lange Sicht nur die Industrieländer zur CO2-Reduktion verpflichten müssen. Die USA versuchen im Gegenzug um jeden Preis zu verhindern, in die Kyoto-Regeln eingebunden zu werden. Sie verhandeln unter dem Dach der Uno-Klimarahmenkonvention, und nur dort. Deswegen müssen in Kopenhagen viele Verhandlungsprozesse doppelt stattfinden.
Das bringt zusätzliche Probleme - die auch nach Kopenhagen bestehen bleiben. Die deutsche Delegation spricht von einer Zusammenführung der beiden Verhandlungsstränge Kyoto und Klimarahmenkonvention innerhalb von sechs Monaten. Doch es ist schwer vorstellbar, dass sich die Schwellen- und Entwicklungsländer (G-77) darauf einlassen werden.
Die Entwürfe für die beiden Abschlussdokumente sind noch immer weit von einer Fertigstellung entfernt. Eine hohe zweistellige Anzahl strittiger Textpassagen gebe es noch, heißt es aus der deutschen Delegation. So sperrt sich China vehement dagegen, dass die Reduktionsverpflichtungen international kontrolliert werden. Das Land fürchtet eine Einmischung in seine inneren Angelegenheiten.
Anweisungen aus dem Hotel
China habe eine extrem festgefügte Verhandlungsposition, kritisieren die Europäer hinter vorgehaltener Hand. Die Diplomaten des Landes säßen in ihrem Hotel und schickten von dort ihre Emissäre mit sehr rigidem Mandat ins Konferenzzentrum. Der chinesische Ministerpräsident lasse andere Staatschefs zu sich kommen, auch Merkel. Die Kanzlerin nimmt solche Gepflogenheiten hin.
Wenn die Gipfeltexte der beiden Verhandlungsstränge nicht fertig werden, dürfte es auch schwierig sein, den geplanten politischen Überbau zu verabschieden, an dem die Staats- und Regierungschefs in der Kleingruppe arbeiten. Für einen solchen Beschluss im Uno-Rahmen ist ein einstimmiges Votum aller 192 Staaten nötig.
Die Berichte aus den nächtlichen Verhandlungen der Chefrunde lassen zweifeln, ob diese Vorstellung realistisch ist. So ist zu hören, dass "ein wichtiges Entwicklungsland" kurz vor zwei Uhr morgens darum gebeten habe, die Zwischenergebnisse des Spitzentreffens im Kreis aller 192 Staaten zu besprechen. De facto wäre das schon das Ende der ernsthaften Verhandlungen in Kopenhagen gewesen, sagen Insider.
"Die Verhandlungen gehen gerade den Bach hinunter"
Immer wieder war die Debatte im Plenum in den vergangenen Tagen angehalten worden, weil die Fronten so verhärtet waren. Es bleibt also nur eine Minimalchance auf einen Kompromiss in Kopenhagen.
Beobachter sind enttäuscht. "Die Verhandlungen gehen gerade den Bach hinunter", sagt Martin Kaiser von Greenpeace. "Wenn am Ende nicht die Zusage steht, einen rechtsverbindlichen Vertrag in den kommenden Monaten zu unterschreiben, dann ist das Kopenhagener Treffen gescheitert." Derzeit sehe alles nach einer windelweichen politischen Absichtserklärung aus. "Aber die hatten wir schon im Juli nach dem G-8-Treffen. Und daraus gefolgt ist rein gar nichts."
Ein schlechtes Omen gab es übrigens schon bei der Ankunft der Kanzlerin am Donnerstag. Die Tür ihres Fliegers klemmte. Sie musste - ganz unprotokollarisch - den Hinterausgang nutzen.
Mitarbeit: Gerald Traufetter
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ich arbeite in der Wissenschaft (nicht in der Klimaforschung). Das sich die Wissenschaft weiterentwickelt und manche Theorien sich nach später als falsch herraustellen ist richtig und zeigt gerade das eben nicht dogmatisch an [...] mehr...
Die Natur wird NUR ohne homo sapiens (sapiens ?) überleben ! mehr...
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