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01.01.2010
 

Detroit-Attentäter Abdulmutallab

"Wir nannten ihn Papst"

Umar Faruk Abdulmutallab (l.) mit einem Freund: "Wir nannten ihn Papst"Zur Großansicht
AFP

Umar Faruk Abdulmutallab (l.) mit einem Freund: "Wir nannten ihn Papst"

Warum wurde ein junger Mann aus reichem Hause zum Flugzeugattentäter? Ein früherer Freund des Nigerianers Umar Faruk Abdulmutallabs schildert nun, wie sein Schulkamerad sich in London immer mehr zum radikalen Islam hingezogen fühlte. Aufgetaucht sind auch Abdulmutallabs letzten SMS an den Vater.

London/Berlin - Kwesi Brako ist Christ. Zusammen mit dem Muslim Umar Faruk Abdulmutallab hat er die englische Boarding School in Togo besucht. Beide haben später in London studiert, verloren sich dort aber eine Zeitlang aus den Augen, bis sie über gemeinsame Freunde wieder Kontakt aufnahmen. Da war der junge Mann aus einer wohlhabenden Familie in Nigeria bereits ein streng gläubiger Muslim.

Im Juni 2006 war Abdulmutallab Präsident der "Islamic Society" am University College. "Er begann, traditionelle muslimische Kleidung zu tragen mit Hosen, die unten an den Fußgelenken aufgerollt waren. Sogar im Winter trug er Sandalen", berichtete Brako jetzt dem US-Nachrichtensender CNN. Früher, in Togo, habe er sich nur mit Jeans und T-Shirt bekleidet.

Die Schilderungen Brakos geben weitere Hinweise darauf, wie sich der junge Mann zu jenem Terroristen wandelte, der über Weihnachten versucht hatte, einen US-Passagierjet bei Detroit in die Luft zu sprengen.

Der junge Nigerianer Abdulmutallab, der nun in den USA in Haft sitzt, kommt aus vermögenden Verhältnissen. Der Reichtum der Eltern machte es möglich, dass er nach der Schule nach London gehen konnte. 2005 bis 2008 lebte er in einer Luxuswohnung im noblen Diplomatenviertel Bloomsbury, studierte am renommierten University College Maschinenbau. Die Universität beschreibt Abdulmutallab als "wohlerzogen, freundlich und begabt". Er sei während des Studiums Vorsitzender der islamischen Gemeinschaft der Universität gewesen, teilte die Hochschule mit. Nie aber habe er seinen Dozenten Anlass zur Sorge gegeben.

Ein einsamer Student?

Die Interneteinträge des Täters, die in den letzten Tagen öffentlich wurden, zeichneten hingegen das Bild eines einsamen Einzelgängers.

Er widmete sich verstärkt religiösen Themen, gab anderen Mitgliedern im Internetforum Tipps dazu, wie sie am besten den Koran auswendig lernen können, suchte selbst nach Rat. Und er verfasste Einträge wie diesen: "Lasst uns unsere Ehre und Religion retten, lasst uns auf Fußball verzichten und Sportarten treiben, die dem Islam förderlich sind." Abdulmutallab ließ sich über seine Phantasiewelt aus: "Ich stell mir vor, wie der große Dschihad stattfindet, wie die Muslime - groß ist Allah - siegen und die Welt beherrschen werden und wieder einmal das größte Reich errichten!!!"

Das Bild eines einsamen Jungen, der im Internet anderen religiöse Ratschläge erteilt und offenbar auch Kontakt zu einem radikal-islamischen Prediger im Jemen unterhielt, kontrastiert mit dem Eindruck, den sein früherer Schulfreund Brako hat. Zumindest in Togo, so erzählt er, seien sie alle Teil eines engen Freundeszirkels gewesen. Bereits in der dortigen Highschool zeigte Abdulmutallab allerdings erste Zeichen eines religiösen Wandels. Er betete fünfmal am Tag. "Wir nannten ihn Papst, weil er so religiös war", sagt der frühere Freund. Anfangs hätte er diesen Spitznamen abgelehnt, aber mit der Zeit habe er ihn akzeptiert, erinnert sich Brako. "Er war der Junge, der nie die Regeln brach", so Brako. Er und seine Freunde hätten ihn als moralischen Kompass angesehen. Nie habe er ihn ärgerlich erlebt.

Ein Einschnitt war für den heute 23-Jährigen offenbar der von den USA geführte Feldzug der Alliierten gegen den Irak im Frühjahr 2003. "Umars Sichtweise war die, dass unschuldige Menschen litten ohne eigenes Zutun", so Brako. Auch habe Abdulmutallab die Taliban in einer Diskussion im Klassenraum verteidigt. Er glaube, Abdulmutallab habe versucht, für die Muslime einzustehen, sagt der frühere Weggefährte. "Er versuchte, das Gesicht seiner Religion zu wahren."

Ein Kommilitone von der Londoner Universität hatte bereits der "Washington Post" erklärt, er habe bei Abdulmutallab bis zu dessen Abschluss im Mai 2008 keine Sympathien für al-Qaida oder andere Hinweise auf eine Radikalisierung erkennen können. "Er tat immer nur so viel wie nötig", sagte Fabrizio Cavallo Marincola, 22, der Zeitung. "Wenn wir gelernt haben, ging er beten."

Abschieds-SMS an den Vater

Am Ende führte der Weg den jungen Nigerianer in den Terrorismus. Eine Ahnung beschlich seinen Vater, Alhaji Umaru Mutallab, schon länger. Sein Sohn schickte ihm SMS, wie der britische "Mirror" am Freitag berichtete. "Ich habe eine neue Religion gefunden, den echten Islam", schrieb er ihm etwa. Sein Vater versuchte, ihn umzustimmen. Offenbar vergeblich, denn er antwortete ihm: "Du solltest mich einfach vergessen, ich komme nie wieder!"

Gleichzeitig bat Umar Faruk Abdulmutallab seinen Vater: "Vergib mir, falls ich etwas Falsches tue. Ich bin nicht länger dein Kind." Es war eine Nachricht, die den Vater erschreckte und ihn tätig werden ließ. Am 19. November 2009 informierte er die US-Botschaft in Nigeria: Sein Sohn habe sich radikalisiert und stelle ein Sicherheitsrisiko dar.

Doch der Hinweis ging im Terrorabwehrnetz der USA offenbar verloren. Der Fall des jungen Nigerianers beschäftigt kommende Woche auch einen Krisengipfel der US-Geheimdienste, zu dem US-Präsident Barack Obama geladen hat.

sev

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