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02.01.2010
 

Terrorpropaganda

Wie al-Qaida den Karikaturenstreit ausschlachtet

Von Yassin Musharbash

Pakistanische Studenten verbrennen 2008 eine dänische Flagge: Rache für den ProphetenZur Großansicht
dpa

Pakistanische Studenten verbrennen 2008 eine dänische Flagge: Rache für den Propheten

Der vereitelte Anschlag auf Kurt Westergaard rückt das Thema wieder in den Vordergrund: Bin Laden und andere hochrangige Terrorführer fordern seit Jahren blutige Vergeltung für die Mohammed-Karikaturen. Die Aufforderung, den Propheten zu rächen, fruchtet bei Kadern und Sympathisanten.

Berlin - Also sprach Osama Bin Laden: "Ich richte diese Rede an die islamische Gemeinschaft ... und dränge sie, unseren Propheten Mohammed zu unterstützen und die Verantwortlichen für dieses schreckliche Verbrechen zu bestrafen, das von einigen Kreuzfahrer-Journalisten begangen wurde." Von April 2006 stammt diese Aufforderung des Qaida-Chefs, Rache zu üben für die Karikaturen über den Propheten Mohammed, welche die dänische Tageszeitung "Jyllands-Posten" einige Monate zuvor gedruckt hatte. Man muss Bin Ladens Worte als nach wie vor gültige Order betrachten.

Das beweist nicht zuletzt der neuerliche Anschlagsversuch auf den Karikaturisten Kurt Westergaard, der für eine der Zeichnungen verantwortlich war. Der Angriff eines 28-jährigen Somaliers konnte abgewehrt werden.

In den Jahren seit der Veröffentlichung der Spottbilder hat fast jeder halbwegs hochrangige Terrorführer zur Vergeltung aufgefordert. Qaida-Vize Aiman al-Sawahiri sprach davon, dass sich angesichts dieser "Abscheulichkeiten" jeder Muslim fragen müsse, ob er bereit sei, "das, was wir besitzen, auf dem Wege Gottes zu opfern" - und also Rache zu nehmen.

Die Taliban erklärten ebenfalls, dass Dänemark als Land und die Karikaturisten als Personen bestraft werden müssen. Die irakische Terrorgruppe Ansar al-Islam druckte Namen fast aller europäischen Tageszeitungen, welche die Karikaturen nachgedruckt hatten, darunter auch deutsche Blätter wie "die tageszeitung" oder "Die Welt". In mehreren Propagandavideos von al-Qaidas Medienabteilung al-Sahab wurden die Rachegelüste weiter befeuert, immer wieder, jedes Jahr aufs Neue.

Mit der Karikaturen-Propaganda neue Unterstützer gewinnen

Die Karikaturen eignen sich hervorragend zur Agitation. Denn das Lächerlichmachen des Propheten Mohammed ist nicht nur für Dschihadisten oder radikale Islamisten eine vergeltungswürdige Tat. Viele Muslime fühlten sich durch die Bilder - oder die Gerüchte darüber, was diese angeblich zeigten - verletzt. Al-Qaida und verwandte Gruppen versuchten das für ihre Zwecke auszunutzen, indem sie sich lautstark an die Spitze der Bewegung setzten. Das hatte für sie doppelten Nutzen: Erstens hofften die Terroristen, dadurch neue Unterstützer im gemäßigten Lager zu finden. Zweitens wollten sie zugleich allen übrigen islamischen Gruppierungen und Interessenvertretungen den Stempel der Feigheit und des Duckmäusertums aufdrücken.

Tatsächlich kam es mehrfach zu Versuchen, blutige Rache zu nehmen. Die dänische Botschaft in Afghanistan wurde attackiert, al-Qaida veröffentlichte später ein eigenes Video zur Verherrlichung des Attentäters. In Deutschland versuchte ein pakistanischer Student mit einem Messer bewaffnet, den Chefredakteur der "Welt" anzugreifen, weil dessen Zeitung die Karikaturen nachgedruckt hatte; noch gefährlicher war der Anschlagsversuch der beiden "Kofferbomber", die Sprengsätze in zwei Regionalzügen deponiert hatten - angeblich ebenfalls, weil sie damit gegen die dänischen Karikaturen protestieren wollten.

In Dänemark selbst war der Anschlag auch nicht der erste - weder gegen "Jyllands-Posten", noch gegen Westergaard. Erst vor wenigen Wochen wurde der US-Bürger Steven Headley festgenommen, der sogar persönlich ein Büro von "Jyllands-Posten" ausgekundschaftet hatte - getarnt als Geschäftsmann, der Anzeigen schalten wollte, und mutmaßlich, um dort einen Anschlag zu verüben.

Der Täter kam mit einer Axt

Viele Details über den Attentäter des gestrigen Anschlags auf Westergaard sind noch nicht bekannt. Aber laut dem dänischen Inlandsgeheimdienst PET hatte er Kontakte zu den Schabaab-Milizen in Somalia, die klar auf Qaida-Kurs sind. Die Arbeitshypothese der Sicherheitsbehörden im Moment ist, dass der Mann persönlichen Kontakt in Somalia selbst hatte, also nicht etwa nur per Internet kommunizierte, heißt es in Kopenhagen. All das wird nun geprüft.

Im Moment hält man es für wahrscheinlich, dass der 28-Jährige sich selbst als Attentäter anbot, heißt es aus dem Umfeld der dänischen Behörden. Besondere logistische Unterstützung scheint er indes nicht bekommen zu haben. Dagegen spricht zum Beispiel, dass er lediglich mit einer Axt ausgerüstet war.

Die Somalia-Connection beunruhigt die dänischen Behörden massiv. Erst vor kurzem hatte sich ein dänischer Bürger in Mogadischu als Selbstmordattentäter zur Verfügung gestellt - die entsprechenden Netzwerke sind vermutlich noch nicht vollständig aufgeklärt.

Weitere Attentate sind wahrscheinlich

Die nunmehr ins fünfte Jahr gehende Kampagne von al-Qaida und Co. wegen der Karikaturen ist ein Beispiel dafür, dass die mentalen Uhren der Dschihadisten anders ticken, zumal als die der westlichen Mediengesellschaft. "Geduld" und das "Warten auf den richtigen Zeitpunkt" sind zwei Tugenden, die sie immer wieder predigen.

Es ist deshalb so gut wie sicher, dass es wegen der Karikaturen noch weitere Attentate geben wird. "Es gibt praktisch keinen Anschlag, der leichter an die Sympathisanten zu verkaufen ist", sagt ein in Kopenhagen lebender Terrorexperte.

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insgesamt 471 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
11.01.2010 von papalutz:

Warum eigentlich hört und liest man in allen Mainstream-Medien nur, dass die USA den Jemen ins Fadenkreuz nehmen, bzw. planen da eventuell und vielleicht tätig zu werden, wenn sie doch schon längst an dortigen Kampfaktionen gegen [...] mehr...

11.01.2010 von Urquhart:

Dazu gab es auch wenig Gelegenheit. Umso mehr holen sie das jetzt nach. mehr...

11.01.2010 von nixkapital: Oh ha...

Dazu muss man jetzt aber nicht Rechtsanwalt sein, um das zu kapieren. Der Forist sprach von britischen "Agents provocateurs", die - als Araber verkleidet - offensichtlich Sprengsätze zünden wollten, um die öffentliche [...] mehr...

11.01.2010 von Urquhart: Liedzeile

Genau das besagt die Liedzeile eben nicht. Wenn Sie das beinhalten würde, was Sie ignorant unterstellen, dann hieße es auch "Deutschland, Deutschland über alle*m*!" oder noch präziser "Deutschland, Deutschland [...] mehr...

11.01.2010 von ergoprox:

So ungefähr. Diese Terrorpanik. Man schaue sich die tatsächlichen Todesfälle in den (angeblich) bevorzugten Zielländern an. In den Staaten kamen auf die letzten 30 Jahre gerechnet wahrscheinlich 500x mehr Menschen in [...] mehr...

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