Von Carsten Volkery, London
London - Die Witze über "Mrs. Robinson" sind gemacht, die Melodie des gleichnamigen Hits von Simon and Garfunkel spukt in den Köpfen der Schlagzeilenmacher herum. In der Berichterstattung über die Teenager-Affäre der nordirischen First Lady mangelt es nicht an süffisanten Anspielungen auf den Film "Die Reifeprüfung" aus dem Jahr 1967, in dem ein junger Dustin Hoffman von der verheirateten, reifen Frau Robinson verführt wird.
Doch das wirkliche Leben ist ungleich härter als im Film: Die fünfmonatige Romanze, die sich im Sommer 2008 zwischen der damals 59-jährigen Iris Robinson und dem 19-jährigen Kirk M. entspann, ist längst mehr als eine amüsante Episode aus dem Privatleben der Belfaster Lokalprominenz. Der Sexskandal, der vergangene Woche durch einen BBC-Bericht ans Licht kam, hat sich zur Staatsaffäre ausgewachsen. Die Regierungskoalition wackelt, am Montag legte der Regierungschef Peter Robinson sein Amt als Erster Minister für sechs Wochen nieder. Seine Begründung: Er wolle sich um seine Frau kümmern, die unter Depressionen leidet und inzwischen in psychiatrischer Behandlung ist.
"So etwas hat Nordirland noch nie erlebt", sagte die BBC-Korrespondentin Ruth McDonald. Es waren dramatische Szenen in der nordirischen Hauptstadt am Montag. Nach einer mehrstündigen Krisensitzung hatte die Parteiführung von Robinsons protestantischer Democratic Unionist Party (DUP) ihm einstimmig das Vertrauen ausgesprochen - allerdings nur als Parteichef. Eine Stunde später kam dann die Überraschung: Robinson lässt sein Ministeramt für sechs Wochen ruhen. Damit reagierte er auf die Rücktrittsforderungen vom Wochenende.
"Er wird seinen Namen reinwaschen"
Offensichtlich hofft Robinson, sich zunächst vor dem Sturm wegzuducken, und zurückzukehren, sobald er sich gelegt hat. Tapfer verbreitete seine Statthalterin Arlene Foster, die bisherige Unternehmensministerin, dass sie an Robinsons Comeback nach den sechs Wochen Auszeit glaube. "Er wird seinen Namen reinwaschen", sagte sie.
Robinson beteuert seine Unschuld und hat eine Untersuchung in Auftrag gegeben. Doch selbst wenn er von dem Vorwurf entlastet würde, scheint seine Autorität nachhaltig zerstört. Sein Vorgänger im Amt, Friedensnobelpreisträger David Trimble, hat ihm den Rücktritt nahegelegt, weil er nicht mehr politisch effektiv sein könne.
Doppelmoral eines Bibel-Fans
Die Affäre dürfte noch lange nachwirken. Die größte Regierungspartei hat sie in eine Sinnkrise gestürzt. Die DUP-Führung sicherte ihrem Vorsitzenden am Montag zwar Unterstützung "aus vollem Herzen" zu, doch dürfte Robinson selbst am besten wissen, wie die Eskapaden seiner Frau bei der Basis ankommen. Die fundamentalistisch-protestantische Partei verteidigt Moral und Religion ähnlich eifernd wie die religiöse Rechte in den USA. Die Robinsons galten bislang als christliches Vorzeigepaar: Brav gab Iris Robinson als ihr Lieblingsbuch die Bibel an und hetzte öffentlich gegen Schwule - genau wie der verehrte Parteigründer Ian Paisley.
Auf die Doppelmoral der First Lady reagieren die Parteifreunde ungnädig. Laut der irischen "Sunday Tribune" hatte Robinson nicht nur Sex mit dem Jüngling, den sie seit Grundschulzeiten kannte, sondern in der Vergangenheit auch mit dessen inzwischen verstorbenem Vater, ihrem Metzger. Der greise Prediger Paisley sei "außer sich vor Wut", berichtete die "Tribune". Sein Freund, Pfarrer David McIlveen, sagte, Peter Robinson sei nun "unhaltbar". Iris Robinson hatte bereits am Wochenende den Preis zahlen müssen: Sie wurde aus der Partei ausgeschlossen und muss ihre Abgeordnetenmandate zurückgeben.
Fragile Regierungskoalition wackelt
Noch schwerwiegendere Konsequenzen befürchten Beobachter jedoch für die fragile Regierungskoalition in Belfast. Seit dem Ende des Bürgerkriegs 1998 regiert die protestantische DUP gemeinsam mit der katholisch-nationalistischen Sinn Fein nach dem Konsensprinzip. Die Stimmung in dem historischen Bündnis ist schon seit längerem auf dem Nullpunkt, weil die DUP eine Kernforderung der Sinn Fein, die Übertragung der Justiz- und Polizeihoheit von London nach Belfast, seit drei Jahren blockiert.
Die Robinson-Affäre bringt nun zusätzliche Instabilität. Der Koalitionspartner Sinn Fein gab sich am Montag zwar verständnisvoll. Robinson verdiene eine Auszeit, um seine persönlichen Dinge zu regeln, sagte der Abgeordnete Gerry Kelly. Doch gleichzeitig drängte er darauf, die Gespräche zur Polizei- und Justizhoheit endlich zum Abschluss zu bringen. Sinn Fein fürchtet, dass der Skandal nur weitere Verzögerung bedeutet. Geht den Katholiken die Geduld aus, könnten sie die Koalition platzen lassen.
Tatsächlich schafft Robinson mit seinem halben Rücktritt ein politisches Vakuum, das für alle Seiten unkalkulierbar ist. Es sei keine "befriedigende Situation", sagte der Chef der nordirischen Sozialdemokraten, Mark Durkan. Die Interims-Regierungschefin Foster habe keine wirkliche Macht, um Dinge zu bewegen. Und was solle nach den sechs Wochen passieren?
Gewinner der Krise ist Sinn Fein
Für Verwirrung sorgte Robinsons Ankündigung, sich auf die Familie konzentrieren zu wollen, gleichzeitig aber in seiner Auszeit auch die Polizei- und Justizfrage voranbringen zu wollen. Obendrein gibt es Zweifel, ob er wirklich in sechs Wochen zurückkommt. Vielen Beobachtern gilt er bereits als "lame duck", als politisch entmachtet. Das frühere DUP-Mitglied Jim Allister vermutete, die Auszeit sei nur ein erster Schritt auf dem Weg zum endgültigen Rücktritt.
Der Gewinner der Krise ist Sinn Fein. Nicht nur ist die Partei mit Robinson einen der Hauptblockierer in der Justizfrage los - vielleicht sogar für immer. Die drohende Instabilität bringt auch die britische und irische Regierung dazu, sich wieder stärker für Nordirland zu interessieren. Laut "Irish Times" treffen sich der britische Nordirland-Minister Shaun Woodward und der irische Außenminister Micheál Martin am Dienstag in Dublin, um die Übertragung der Justiz- und Polizeihoheit von London an Belfast zu besprechen. London und Dublin sind die Garantiemächte des nordirischen Friedensabkommens.
Wie es mit dem Friedensprozess und der Koalition weitergeht, steht in den Sternen. Die Konflikte reichen weit über die Person Robinson hinaus. Die politische Karriere des Power-Paars Robinson allerdings scheint vorbei zu sein. Robinsons Glaubwürdigkeit sei zerstört, sagt Sozialdemokrat Durkan, "und sie bleibt zerstört".
Auf anderen Social Networks posten:
Gut. Dann wünsch ich ihr viel Spaß beim politischen Abstieg. :o) Danke für Ihre Aufklärung. Ich wollte nur allgemein diese besagte Doppelmoral kritisieren. mehr...
Ne, das ist schon etwas komplizierter. Denn Iris Robinson gehört einer christlich-fundamentalistischen Gemeinde an und hat in aufdringlicher Weise gegen "Unmoral", besonders gegen Homosexualität gehetzt hat. [...] mehr...
Schrecklich diese Doppelmoral. Einerseits fragt man sich, warum überhaupt noch jemand auf diesen Quatsch... "Die fundamentalistisch-protestantische Partei verteidigt Moral und Religion ähnlich eifernd wie die religiöse [...] mehr...
und was fang ich jetzt mit Ihrem Kommentar an? mehr...
Ist aber doch auch irgendwie peinlich - die Dame ist eine würdige Nachfolgerin Messalinas im Geiste unserer Zeit: Während die "meretrix augustana" sich wenigstens dafür bezahlen ließ, zahlt diese Dame selbst, und das [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Peter Robinson | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH