Amsterdam - Die in Österreich geborene Wahl-Holländerin Miep Gies starb am Montagabend - einen Monat vor ihrem 101. Geburtstag - in einem niederländischen Pflegeheim, wie ihr Sohn Paul Gies mitteilte. Sie war die letzte noch lebende Helferin der jüdischen Familie Frank, die sich im Zweiten Weltkrieg in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckt hatte, bis sie verraten und von den Nazis in Konzentrationslager deportiert wurde.
Gies war die ehemalige Sekretärin von Anne Franks Vater - unter ständiger Lebensgefahr hatte sie die Franks und weitere versteckte Juden im Krieg versorgt. Im Juli 1942 bat Otto Frank Gies, der bedrängten Familie Unterschlupf zu bieten. "Ich antwortete: Ja, natürlich!" erinnerte sich Miep Gies Jahre später. Miep und ihr Ehemann Jan Gies halfen zusammen mit vier weiteren Mitarbeitern des Unternehmens von Otto Frank, dessen Familie in einem Gebäude in der Prinsengracht 263 zu verstecken.
Anne Frank hatte am 11. Juli 1943 über die Helferin in ihr Tagebuch geschrieben: "Miep schleppt sich ab wie ein Packesel. Fast jeden Tag treibt sie irgendwo Gemüse auf und bringt es in großen Einkaufstaschen auf dem Fahrrad mit. Sie ist es auch, die jeden Samstag fünf Bücher aus der Bibliothek bringt. Sehnsüchtig warten wir immer auf den Samstag, weil dann die Bücher kommen, wie kleine Kinder auf ein Geschenk."
Anne Frank starb Anfang März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus - kurz vor ihrem 16. Geburtstag und nur wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Krieg übergab Miep Gies das Tagebuch an Anne Franks Vater Otto, der als einziges Familienmitglied überlebt hatte. Er sorgte Jahre später für die Veröffentlichung der Aufzeichnungen seiner Tochter, die seitdem immer wieder Menschen in aller Welt tief bewegen.
Geboren wurde Miep Gies am 15. Februar 1909 mit dem Namen Hermine Santrouschitz in Wien. Wegen der damals herrschenden Lebensmittelknappheit in Österreich zog sie 1922 nach Amsterdam um. Ihre Gastfamilie gab ihr den Spitznamen Miep. 1933 nahm sie eine Arbeit als Büroassistentin im Gewürzhandelsunternehmen von Otto Frank an. Nachdem sie sich 1941 geweigert hatte, einer NS-Organisation beizutreten, entging sie der drohenden Deportation nach Österreich durch die Heirat mit ihrem niederländischen Freund Jan Gies. Jan Gies starb 1993. Das Paar hinterlässt einen Sohn und drei Enkel.
Miep Gies wurde vielfach geehrt - unter anderem durch den Staat Israel, mit dem niederländischen Ritterorden von Oranien-Nassau sowie mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Im Oktober vergangenen Jahres benannte die Internationale Astronomische Union einen Asteroiden nach Miep Gies.
Die 100-jährige lebte seit einiger Zeit zurückgezogen in ihrem Haus in der niederländischen Provinz Friesland. Zu ihrem letzten Geburtstag hatte sie Grüße und Glückwünsche aus allen Teilen der Welt bekommen. Bis ins hohe Alter berichtete sie immer wieder auch bei öffentlichen Auftritten über ihre Erlebnisse mit Anne Frank und die Verfolgung der Juden in den Niederlanden durch die deutschen Besatzer.
anr/dpa/AFP/APN
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