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14.01.2010
 

Afghanistan-Mission

Deutscher Kommandeur fordert mehr Soldaten für den Norden

Aus Kabul berichtet Matthias Gebauer

Leidenberger (r.) mit Verteidigungsminister Guttenberg (Mtte) und den Abgeordneten Rainer Arnold (SPD, l.) und Henning Otte (CDU): Mehr Soldaten für mehr SicherheitZur Großansicht
DPA

Leidenberger (r.) mit Verteidigungsminister Guttenberg (Mtte) und den Abgeordneten Rainer Arnold (SPD, l.) und Henning Otte (CDU): Mehr Soldaten für mehr Sicherheit

Überraschend offen hat der deutsche Regionalkommandeur in Nordafghanistan mehr Truppen für sein Einsatzgebiet verlangt. Brigadegeneral Leidenberger begrüßte die massive Aufstockung der US-Einheiten im Bundeswehrgebiet - vorausgesetzt, sie unterstehen seinem Kommando.

Die schwarz-gelbe Koalition streitet vor der Afghanistan-Konferenz in London Ende Januar weiter um die Linie für die deutsche Mission. Der Kommandeur des deutschen Einsatzgebiets in Nordafghanistan hat jedoch schon erstaunlich deutlich seine Position klar gemacht: Er sprach sich für eine Aufstockung des deutschen Truppenkontingents aus.

"Als Deutscher hoffe ich, dass meine Regierung mehr Soldaten in diese Region schicken wird, um die Sicherheitslage zu verbessern", sagte Brigadegeneral Frank Leidenberger nach Informationen von SPIEGEL ONLINE Mitte dieser Woche bei einem Gespräch mit mehreren afghanischen Journalisten im deutschen Lager in Masar-i-Sharif.

Inhaltlich überrascht die direkte Forderung nicht. Seit Monaten setzen sich leitende Offiziere in internen Dokumenten für eine deutliche Aufstockung der deutschen Truppen besonders für die Unruheregion rund um Kunduz ein, wo die Bundeswehr ihr zweitgrößtes Feldlager hat. Öffentlich hingegen halten sich Offiziere wie Leidenberger normalerweise zurück, da sie sich nicht in die hitzige politische Debatte in der Heimat einmischen wollen.

Bisher hat sich die Regierung trotz Drucks aus den USA noch nicht zu einer Truppenaufstockung durchgerungen. Vor allem der liberale Außenminister Guido Westerwelle blockierte dies in den jüngsten Gesprächsrunden im Kanzleramt energisch.

Benötigte Soldaten kommen zurzeit aus den USA

Die USA haben signalisiert, dass sie von Berlin rasch rund 2000 zusätzliche Soldaten erwarten. Dies gilt im Verteidigungsministerium als machbar - wenn da nicht der Widerstand Westerwelles wäre. Der würde lieber die Zahl der Polizeiausbilder erhöhen - was jedoch technisch schwierig wäre, da die Länder für die Entsendung von Polizeiausbildern zuständig sind.

Recht offen sprach Leidenberger während des Termins in Masar-i-Sharif, bei dem er sich der lokalen Presse vorstellen wollte, auch über ein weiteres heikles Thema für die Bundeswehr - die deutliche Aufstockung der US-Armee im Regionalkommando Nord. Leidenberger bestätigte in der Gesprächsrunde, dass insgesamt rund 2500 US-Soldaten im Bundeswehrgebiet stationiert werden. Er betonte, dass diese als Teil der Schutztruppe Isaf kommen und unter seinem Kommando stehen werden.

Über die Pläne der US-Armee für den Norden hatte SPIEGEL ONLINE bereits Anfang Januar berichtet, die Bundeswehr wollte die Zahlen jedoch bisher nicht öffentlich bestätigen.

Leidenberger lobte die Pläne von US-General Stanley McChrystal nun ausdrücklich: "Wir glauben, dass es ein großer Schritt voran ist, da Teile der US-Einheiten die Polizeiausbildung unterstützen werden", so der Brigadegeneral. "Wir werden sehr viel zusätzlichen Luftverkehr sehen, weil die Amerikaner in den Norden kommen", sagte Leidenberger in Bezug auf den Flughafen in Masar.

US-Armee baut großes Lager in Kunduz

Mittlerweile kennt die Bundeswehr nach Informationen von SPIEGEL ONLINE durchaus Details der US-Mission: So werden zwei größere US-Kontingente nach Masar-i-Sharif und Kunduz entsandt. In Kunduz hat die US-Armee dafür bereits ein Camp fertiggestellt, das viermal so groß ist wie das deutsche Feldlager, hier sollen die US-Soldaten 4000 Rekruten der afghanischen Armee trainieren.

Zudem sollen zwei etwas kleinere Einheiten in zwei weiteren Unruheherden südlich von Kunduz und im Westen des Regionalkommandos eingesetzt werden. Grundsätzlich sieht das Bundesverteidigungsministerium die Stationierung im Norden, wo derzeit 4500 deutsche Soldaten und kleinere Kontingente aus Schweden und Norwegen eingesetzt sind, positiv, da die US-Einheiten auch die Sicherheitslage für die Deutschen verbessern könnten.

Die US-Einheiten, die neben der Ausbildung der Polizei auch gemeinsam mit afghanischen Einheiten gegen die an Boden gewinnenden Taliban vorgehen sollen, werden den Einsatz der Bundeswehr in jedem Fall sehr schnell verändern. So verlegen die USA neben den Soldaten auch eine Kampfhubschrauberstaffel in den Norden.

Das Fehlen von Hubschraubern gilt bisher als eines der größten Mankos der Bundeswehr, gerade Kampfhelikopter gehören zu den Wünschen von vielen deutschen Offizieren. Regionalkommandeur Leidenberger bemüht sich zurzeit darum, dass die US-Staffel in Masar stationiert wird, damit er mehr Kontrolle über sie hat.

Fast jede Nacht auf Taliban-Jagd

Gleichzeitig versuchen die Deutschen auf allen Kanälen, eine bessere Kommunikation mit den US-Einheiten zu etablieren. Bei vergangenen Missionen nahe Kunduz, vor allem bei Einsätzen von Spezialeinheiten der US-Armee, die in den vergangenen Wochen fast jede Nacht im Raum Kunduz auf Taliban-Jagd gingen, wurden die Deutschen oft nur bruchstückhaft informiert. Dies soll sich in jüngster Zeit jedoch deutlich gebessert haben, so deutsche Offiziere.

Brigadegeneral Leidenberger ist seit Ende des vergangenen Jahres Regionalkommandeur Nord (COM RC NORTH) in Afghanistan. Er ersetzte spontan seinen Vorgänger Jürgen Setzer, der wegen eines Bandscheibenleidens kurzfristig seinen Posten in Masar-i-Sharif verlassen musste.

Zumindest das Parlament hat die Bundesregierung an diesem Donnerstag nach langem Schweigen über die US-Pläne vertraulich unterrichtet. In der Unterrichtung des Parlaments, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, beziffert das Verteidigungsressort die Zahl der zusätzlichen US-Truppen für den Norden auf " rund 2400 Soldatinnen und Soldaten", die "in drei Phasen im Zeitraum von Januar bis August 2010" dorthin kommen werden. Auch die verschiedenen Standorte werden in dem Bericht bestätigt.

Gestellt werden die US-Kräfte demnach durch die ein "Infantry Brigade Combat Team", das Trainingseinheiten mit der afghanischen Armee und der Grenzpolizei mitschicken wird und diese in Gefechten praktisch ausbilden soll. Die Bundeswehr-Dokumente bestätigen auch, dass die US-Kräfte mit "Kampfhubschraubern, Transporthubschraubern sowie Medevac-Hubschraubern" kommen werden. Die Abkürzung Medevac steht für Rettungshubschrauber mit denen verletzte Soldaten aus Kampfgebieten gerettet werden können.

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