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19.01.2010
 

Ein Jahr Obama

Der einsame Präsident

Ein Kommentar von Gabor Steingart, Washington

Foto: AP

Barack Obamas Magie wirkt nicht mehr. Seine Anhänger, die dem Versprechen von Hope und Change geglaubt haben, sind desillusioniert: Der Präsident hat es in seinem ersten Jahr nicht geschafft, die Wirklichkeit der USA zu verändern. Heute erregt er statt Begeisterung ein anderes Gefühl - Mitleid.

Wer dem amerikanischen Präsidenten in diesen Tagen zuhört, wird von einem unangemessenen Gefühl beschlichen: Mitleid. Wir nennen Barack Obama weiterhin "den mächtigsten Mann der Welt", weil wir aus Routine alle US-Präsidenten so bezeichnen. Aber in Wahrheit stimmt das nicht mehr. Das Größte an ihm ist derzeit seine Ohnmacht.

Rund 200 Interviews hat er in diesem ersten Amtsjahr gegeben, mehr als jeder andere Präsident in seinem ersten Jahr. 160 Grundsatzreden kamen noch hinzu. Er spricht weiter von "Hope" und "Change", aber es wirkt mechanisch. Man hört ihm noch immer zu, aber in den Gesichtern der Zuhörer glüht es nicht mehr.

Die Präsidentschaft des Rhetorikers hat nicht gehalten, was er versprach. Seine Worte waren an keinem einzigen Tag stark genug, die Wirklichkeit zu verändern. Das neue Amerika sieht dem alten sehr ähnlich. Die Massenarbeitslosigkeit ist spürbar gestiegen, die Staatsverschuldung auch. Das Sondergefängnis in Guantanamo und Wall Street haben eines gemein: Sie betreiben Business as usual.

In der Gesundheitspolitik hat sich die Regierungsmaschinerie festgefahren. 47 Millionen Amerikaner sind nicht versichert und warten auf die ihnen versprochene Police. Viele von denen aber, die sich selbst eine Versicherung gekauft haben, grollen. Den Sieg der Unversicherten empfinden sie als ihre Niederlage. Das ist nicht Obamas Schuld, aber es ist sein Problem.

In der Außenpolitik steht der Präsident mit nahezu leeren Händen da. Die Regierungen in Iran und Nordkorea ließen sich durch Worte nicht bewegen, China auch nicht, al-Qaida hört wahrscheinlich nicht mal zu. Der versuchte Weihnachtsanschlag auf das Flugzeug nach Detroit war auch ein Anschlag auf die Präsidentschaft des Barack Obama. "Der Islam ist nicht Teil des Problems," hatte der US-Präsident in seiner Rede an der Kairoer Universität gesagt. Wir können nur hoffen, dass er Recht hat. Aber wir haben am Weihnachtstag gelernt, unseren Hoffnungen zu misstrauen.

Die Obama-Koalition zerfällt

In der Welt der Interessen sind Worte seit jeher eine weiche Währung. Man kann mit ihnen Wahlen gewinnen. Aber anschließend kann man dafür nichts kaufen. Obamas Amerika muss womöglich noch draufzahlen.

Angesichts ausbleibender Erfolge zerfällt die Obama-Koalition, die er so kunstvoll geschmiedet hatte. Eigentlich kennt Amerika ja keine Koalitionsregierung. Die eine Partei führt, die andere opponiert. So ist das nun mal in Ländern mit einem Mehrheitswahlrecht.

Doch um eine Wahl gewinnen zu können, braucht ein amerikanischer Kandidat eine informelle Koalition der verschiedenen Wählergruppen. Obama verdankt seinen Wahlsieg einer Regenbogenkoalition, die es so bisher in Amerika noch nicht gab. Die Jugend des Landes stand hinter ihm. Fast alle Schwarzen haben für ihn gestimmt. Er konnte jene überzeugen, die aus Lateinamerika eingewandert sind. Auch eine Mehrheit der Wechselwähler, die "Independents", ließ sich vom Obama-Fieber anstecken. Sie schenkten ihm zwar nicht ihr Herz, aber doch immerhin ihre Stimme.

Diese ungewöhnliche Versammlung aus Menschen verschiedener Hautfarben und sozialer Herkünfte löst sich derzeit wieder auf. Obama kann es keinem mehr recht machen. Vielleicht war in einer Koalition dieser enormen Spannbreite bereits der Misserfolg angelegt.

Der Prozess der Enttäuschung ist vor allem bei den treusten der Treuen weit fortgeschritten. Viele Jugendliche wenden sich von ihrem Idol ab. Seit der Hundert-Tage-Bilanz ist in diesem Unterstützerkreis die Zustimmung um 14 Prozentpunkte gesunken, wie die jüngste Gemeinschaftsumfrage der "Washington Post" mit dem Fernsehsender "ABC News" ergab. Die Jungen fühlen sich betrogen, weil Obama im Afghanistan-Krieg den Truppeneinsatz gegenüber der Bush-Zeit verdreifacht hat.

Die Schwarzen sind nicht minder ernüchtert, wenn auch aus anderen Gründen. Sie sind die wahren Opfer jener schweren Sozialkrise, die der Finanzkrise folgte. Jeder zweite schwarze Jugendliche hat keinen Job.


Weitere Staatsprogramme aber kann sich Obama nicht leisten. Damit würde er seiner empfindlichsten Wählergruppe vor den Kopf stoßen: die Unabhängigen. Ihre Zustimmung zu Obama Politik lag nach den ersten 100 Tagen bei 67 Prozent. Nun ist sie auf 49 Prozent geschmolzen, ein Minus von 18 Prozentpunkten. Sie sind entsetzt, was da mit ihrer Wählerstimme geschieht. Obamas Amerika ist von allen großen Industriestaaten das Land mit der am schnellsten wachsenden Kreditaufnahme.

Schatten des Scheiterns

Obama ist heute ein einsamer Präsident. Nur 37 Prozent der Amerikaner sehen ihr Land auf dem richtigen Weg. Seine Demokraten wirken ermattet. Ein Gouverneur sowie mehrere demokratische Senatoren und Kongressabgeordnete haben in den vergangenen Wochen den Kampf um ihre Wiederwahl aufgegeben oder ihr Ausscheiden aus der Politik angekündigt. Zwei Gouverneurswahlen gingen im November 2009 bereits verloren. Sollte die Partei Obamas am Dienstag die Senatorenwahl in Massachusetts verlieren, wo die Nachfolge des verstorben Edward Kennedy bestimmt werden muss, steht Obamas Reformagenda 2010 auf der Kippe.

Die in entscheidenden Momenten so wichtige 60. Stimme im Senat, mit der die Demokraten eine Blockade der Republikaner brechen können, wäre dahin. Das Großvorhaben Gesundheitsreform und die noch ausstehende Finanzmarktreform wäre ohne Zustimmung der Konservativen nicht mehr zu haben. Die Republikaner würden de facto über ein Veto verfügen. Auf dem Wahljahr 2010 (zum Jahresende werden ein Drittel der Senatoren und alle Abgeordnete des Repräsentantenhauses neu gewählt) läge schon jetzt der Schatten des Scheiterns.

Noch fehlt den Konservativen das Wichtigste, um Obama 2012 ernsthaft herausfordern zu können: eine personelle Alternative. Aber Gelegenheit macht Kandidaten. Je angeschlagener der 44. Präsident, desto mutiger werden jene, die jetzt noch das Risiko scheuen.

Einer von ihnen könnte General David Petraeus sein, der Oberkommandierende der militärischen Einsätze in Irak, Afghanistan und Pakistan. Er ist Republikaner. Er wird von den Seinen ermuntert, anzutreten. Er zaudert noch, doch in ihm brenne "politischer Ehrgeiz", sagt ein republikanischer Senator, der ihn gut kennt. Am Donnerstag, einen Tag nach dem einjährigen Geburtstag der Obama-Regierung, wird Petraeus in Washington einen öffentlichen Auftritt haben, Aufmerksamkeit ist garantiert. Vielleicht ist das das wirklich Neue: Das Publikum schaut wieder hin, was Obamas Konkurrenz zu bieten hat.

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insgesamt 216 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
22.01.2010 von nixkapital: Nun ja...

...vielleicht haben Sie mit Ihrem Vorwurf ja Recht. Bleibt aber dennoch festzustellen, dass die CDU hierzulande mit jeder Partei "ins Bett steigen würde", nur um an der Macht zu bleiben - mit der sie dann aber auch gar [...] mehr...

20.01.2010 von cosmo72: ach die freundlichen Landminen, tagtäglich nuklear ist übler

Na dann schauen Sie sich mal unten an welcher Waffeneinsatz tagtäglich noch vom hier im Forum so genannten "Lichtbringer" (http://video.google.com/videoplay?docid=-677452080360739397) verantwortet wird! [...] mehr...

20.01.2010 von cosmo72: gegenseitiges Ausnehmen durch Obama und Merkel

Naja trösten Sie sich damit das die HRE aufgrund Ihrer Eignerschaft sauer verdiente Euro zur Obamas Unterstützungsprogramm gen USA gepumpt haben! Aber gut, die DB hat bei AIG auch ordentlich abgegriffen - nur leider sind das [...] mehr...

20.01.2010 von Emil Peisker: FOX, Glenn Beck und Co.

Nein, da ist die monatelange Saat der vorsätzlichen Desinformation und Diffamierung von FOX, Glenn Beck und Co. aufgegangen. mehr...

20.01.2010 von Schleswig: Massachusetts

Was heißt hier diverse Unwahrheiten. Nennen doch bitte Ross und Reiter. Die Wähler in Massachusetts die nach 47 Jahren das erste Mal die Republikaner gewählt haben, sind demnach auch alles "willentliche Ignoranten". mehr...

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Obamas erstes Jahr - Das sagen die Kommentatoren

USA - "Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf"

"Washington Post" "Der Erfolg der Konservativen sollte Liberale und die Obama-Regierung beunruhigen. Der Präsident hätte die wirtschaftliche Katastrophe viel früher zur Chefsache erklären müssen. Die meisten Amerikaner verstehen, dass diese Probleme begonnen haben, bevor er ins Weiße Haus eingezogen ist. Aber viele von ihnen, vor allem Wechselwähler, sind wütend, dass die Regierung so viel Geld ausgeben musste - und dass die Erfolge nicht so schnell eintreten wie erhofft."

"The Daily Beast" "Obama hat den Charakter des Landes völlig falsch eingeschätzt. Es gibt das Sprichwort: Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf. Das hat er nicht verstanden. Er war entschlossen, eine ganz neue Agenda zu verabschieden - um das wichtigste Anliegen hat er sich nicht gekümmert. Die Gesundheitsreform wird ein Haushaltsdesaster für das Land. Der Großteil der Amerikaner wollte die steigenden Kosten angehen, nicht mehr Versicherungsschutz bieten. Das wird die Kosten dramatisch erhöhen. (...) Obamas Fähigkeit, mit Wählern zu kommunizieren, hat ihn erst groß gemacht. Am meisten hat mich überrascht, dass er diese Fähigkeit verloren hat. Er tritt viel zu oft auf - und jetzt hören ihm die Leute nicht mehr zu."

"New York Observer" "Es ist nicht die Zeit für Totsagungen. (...) Zu viele Amerikaner glauben, dass er wenig erreicht hat und ihr Vertrauen verloren hat. Sie täuschen sich aber - genauso, wie sich diejenigen getäuscht haben, die Bill Clintons Präsidentschaft zur Hälfte seiner ersten Amtszeit schon abschrieben. Mit Blick auf seine Gesetzgebungsarbeit ist Barack Obama ein sehr effektiver Präsident. Das betont unparteiische Fachblatt 'Congressional Quarterly' beurteilt ihn als den effektivsten Präsidenten der vergangenen fünf Jahrzehnte."

Großbritannien - "Knöpf Dir die bösen Jungs vor, Barack!"

Frankreich - " Lassen wir ihm noch ein wenig Zeit"

Russland - "Moskau ist enttäuscht"

Arabische Presse - "Er hat den Muslimen die Hand gereicht"

Spanien - "Der Politiker verblasst hinter seinem Mythos"

Italien - "Das Image ist wiederhergestellt, nun ist Entschlossenheit nötig"

Schweiz - "Ton und Mimik haben sich verändert"

Dänemark - "Unterwegs haben ihn die Realitäten eingeholt"

Ungarn - "Es geht um die Macht des Symbolischen"






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