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10.02.2010
 

Neue Supermacht

"China ist nicht bereit für seine Führungsrolle"

Alle Welt spricht ehrfurchtsvoll von "G2" - so mächtig sind die USA und China, wenn sie gemeinsam agieren. Doch die Allianz zeigt Risse, wie US-Experte Andrew Small im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt: In den USA wächst der Frust über Pekings mangelndes Entgegenkommen in Wirtschaftsfragen.


SPIEGEL ONLINE: Auf dem Weltklimagipfel in Kopenhagen hat die chinesische Delegation sehr aggressiv agiert. Sie verweigerte beinahe jedes Zugeständnis beim Klimaschutz. Nun protestiert China lautstark gegen US-Waffenverkäufe an Taiwan und kündigt die militärische Zusammenarbeit auf. Viele Beobachter sagten danach: " Das ist das neue starke China. Daran müssen wir uns gewöhnen." Wirklich?

Small: Die chinesische Regierung fühlt sich nun stark genug, um so kompromisslos und selbstbewusst aufzutreten. Aber sie könnte den Bogen überspannt haben und eine Gegenbewegung auslösen. In Kopenhagen überschritten die Chinesen bisweilen die Grenze zur diplomatischen Aggression - und das bei einem Treffen mit fast allen führenden Weltpolitikern.

SPIEGEL ONLINE: Die Finanzkrise hat Chinas Aufstieg weiter beschleunigt. Sind die Chinesen ihrer neuen globalen Führungsrolle noch nicht gewachsen?

Small: Die Chinesen geben selber zu, dafür noch nicht bereit zu sein. Sie hätten sich lieber weiter in Ruhe auf ihren wirtschaftlichen Aufschwung und ihre riesigen internen Probleme konzentriert. Aber ein Land mit so großem weltweitem Einfluss trägt einfach viel mehr Verantwortung als kleinere Nationen. Es gibt Grund zur Sorge, dass China das globale System bloß für seine Zwecke ausnutzen will, ohne Verantwortung zu übernehmen. Aber die internationale Gemeinschaft kann sich ein Land von Chinas Größe, das so handelt, einfach nicht leisten.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die US-Delegation auf die chinesischen Provokationen in Kopenhagen reagiert?

Small: Der Rahmen der Kopenhagen-Konferenz kam den Chinesen überhaupt nicht entgegen. Eine Gruppe führender Staatsmänner versuchte, eine Übereinkunft zu erzielen, die sie ihren Bürgern daheim verkaufen können. Seit Deng Xiaoping ist dazu kein chinesischer Politiker mehr in der Lage gewesen. Der konsensorientierte Führungsstil der chinesischen Staatsspitze lässt ihren Vertretern auf der internationalen Bühne einfach zu wenig Spielraum.


SPIEGEL ONLINE: War Barack Obamas Reise nach China im November 2009 ein Fehlschlag?

Small: Leider sahen die Chinesen seine Annäherungsversuche eher als Zeichen der Schwäche. Sie waren während oder nach dem Besuch Obamas kaum zu Zugeständnissen bereit. Ich frage mich nur, ob das ein kluger Schachzug ist. China ist mittlerweile viel stärker geworden, aber die USA haben noch viele Vergeltungsmöglichkeiten. Peking hat sich mit derartigem Machtkalkül schon einmal böse vertan. 2005 glaubte die Führung dort, dass die Europäische Union das Waffenembargo gegen China auch ohne chinesische Zugeständnisse aufheben würde - weil die Europäer so angewiesen auf den chinesischen Absatzmarkt seien. Aber die Europäer waren dazu nicht bereit, und die Beziehung hat sich seither nicht erholt.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende der Kopenhagen-Konferenz einigten sich der chinesische Premier und Obama aber doch noch auf ein Abkommen, dem andere Nationen zustimmten. Ist das wieder ein Beispiel für die neue G-2-Welt, in der Peking und Washington den Ton vorgeben?

Small: Dann ist es aber eine sehr abgespeckte G-2-Version. Doch es stimmt: Die USA sind zwar weiter die führende Weltmacht, China kann jedoch durch seine Vetomacht festlegen, wo der kleinste gemeinsame Nenner für ein Abkommen liegt. Ähnliches sehen wir gerade bei den Verhandlungen zu Irans Nuklearprogramm. Eine echte G-2-Partnerschaft könnte sich aber nur entwickeln, wenn Peking und Washington eine vorwärtsgerichtete, gemeinsame Agenda entwickeln - doch dafür sind die Differenzen derzeit einfach zu groß.

SPIEGEL ONLINE: Wird die G-2-Debatte dennoch weiter gehen?

Small: Schon, etwa in Europa und Japan. Diese Regionen fürchten, marginalisiert zu werden. Aber sie sollten sich nicht zu sehr sorgen. Die Kopenhagen-Konferenz unterstrich, dass China und die USA am stärksten sind, wenn sie ihre politischen Vorstöße erst bei Freunden und Verbündeten absichern.

SPIEGEL ONLINE: Obamas Regierung bemühte sich zunächst um eine Annäherung an China in ihrem ersten Jahr. Aber nun will sie doch Waffen an Pekings Erzfeind Taiwan verkaufen, der US-Präsident wird bald demonstrativ Tibets spirituelles Oberhaupt, den Dalai Lama, treffen. Kühlt sich die Beziehung wieder ab?

Small: Wahrscheinlich. Der Waffenverkauf ist allerdings schon von der Bush-Regierung beschlossen worden, und den Dalai Lama empfing Obama bislang nur nicht, um Peking nicht vor seinem China-Besuch zu verärgern. Die härtesten Konflikte drohen in Wirtschaftsfragen. Auseinandersetzungen über Chinas Währung und seine Handelspraktiken dürften angesichts der schwierigen Wirtschaftslage an Schärfe zunehmen. Immerhin beginnt gerade ein Wahljahr in den USA.

SPIEGEL ONLINE:Ist Obamas Team zur Einsicht gekommen, dass man bislang zu entgegenkommend war - und von Peking keine Gegenleistung erhielt?

Small: Man wird sich weiter um eine Partnerschaft mit China bemühen. Aber das wird schwieriger, wenn China in vielen strittigen Fragen einfach gar kein Entgegenkommen zeigt. Die Enttäuschung über Pekings Haltung wächst, das stimmt.

SPIEGEL ONLINE:China hat ein Vermögen in US-Staatsanleihen angehäuft. Wegen der Dollarschwäche sieht sich die Regierung in Peking aber nach alternativen Anlagen um - oder sogar noch einer anderen Welt-Leitwährung.

Small: Viele Chinesen wollen weniger abhängig vom Dollar werden. Doch kurz- bis mittelfristig haben sie keine echte Alternative. Als der Gouverneur der People's Bank of China, Zhou Xiaochuan, eine Ablösung des Dollars durch eine globale Ersatzwährung vorschlug, fand er keine Unterstützung.

SPIEGEL ONLINE: US-Kommentatoren vergleichen Chinas Aufstieg mit Japans Siegeszug in den achtziger Jahren. Damals befürchteten viele den Ausverkauf an Tokio. Warum sind ähnliche Warnungen nun kaum zu vernehmen?

Small: Die US-Wirtschaft ist dreimal so groß wie die Chinas, das amerikanische Bruttoinlandsprodukt sechsmal so groß, die USA liegen immer noch weit vorne bei Innovation und Technologie. All dies war damals anders, Japan drohte Amerika wirtschaftlich den Rang abzulaufen. Anders als die Japaner, welche demonstrativ Prestigeobjekte wie das Rockefeller Center in New York erwarben, investieren die Chinesen auch viel vorsichtiger - um öffentlichen Aufruhr zu vermeiden. Zudem ist der chinesische Markt offener für ausländische Investoren, was die Beziehung zu US-Firmen verbessert. Allerdings könnte sich das ändern.

SPIEGEL ONLINE: Andererseits ist China kein US-Verbündeter wie Japan. Es ist eine Diktatur.

Small: Dadurch hat jeder Rückschlag so ernste Auswirkungen auf Politik-, Wirtschafts-, und Sicherheitsfragen. China ist gut beraten, die Beziehung mit den USA zu pflegen. Sonst könnte das kommende Jahr nicht nur für das Verhältnis zwischen Amerika und China schwierig werden. Viele Staaten dürften auch generell die Frage stellen, wie die Welt auf Chinas Aufstieg reagieren soll.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz

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Die neuesten Beiträge:
08.06.2010 von notty:

Habe ich Sie gerade richtig verstanden, dass die Indianer in Amerika nicht massakriert wurden, sondern einfach so verstorben sind....weil sie krank wurden?? Das ist starker Tobak, Mister. mehr...

08.06.2010 von notty:

Indien ist im Moment die wohl am meisten ueberschaetzte Nation der Welt. Sie ist in ihrer Reproduktionsrate einsame Spitze, aber offensichtlich unfaehig, sich gezielt zu organisieren. Zuviel Kastenbarrieren, religioese [...] mehr...

08.06.2010 von notty:

China wird sich nicht mit den USA einlassen, um die Welt nach deren Gusto zu manipulieren. Die USA werden sich schon allein aus Alleinallmachtsgedanken und Weltrettertraeumen nicht so weit strecken, um mit derjenigen Macht zu [...] mehr...

07.06.2010 von NeoGeo:

Da wollten die Nord Koreaner doch tatsächlich die FIFA austricksen und einen Stürmer als Torwart nominieren. Wenn das geklappt hätte, ja dann hätte Brasilien kaum eine Chance gehabt. lol mehr...

06.06.2010 von tao chatai:

Also; Die Nord Koreaner konnten sich nur eine Herberge leisten in der alle Spieler zusammen in einem Raum wohnten und schliefen..... Als es dann ins Halbfinale gab es einige Sposoren und Gelder und man konnte sich luxurioese [...] mehr...

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Zur Person

GMF
Andrew Small ist Transatlantic Fellow des German Marshall Fund (GMF) in Brüssel und koordiniert dessen Asien-Aktivitäten. Zuvor hat er das Pekinger Büro des Foreign Policy Centre geleitet. Small hat regelmäßig zu den amerikanisch-chinesischen Beziehungen publiziert, unter anderem in dem US-Journal "Foreign Affairs".

Chimerica gegen den Rest der Welt

AP
Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen war die Macht dieser unheimlichen Allianz zu beobachten: China und die USA haben sich einem Abkommen verweigert, sie wollten Einschränkungen für die eigene Wirtschaft nicht akzeptieren - und ließen den Gipfel scheitern. Die beiden auf den ersten Blick völlig verschiedenen Supermächte stellen zusammen 25 Prozent der Weltbevölkerung und tragen mehr als ein Drittel zur globalen Wirtschaftsleistung bei. Die Ökonomien der beiden Staaten sind dabei durch gegenseitige Abhängigkeiten bereits so weit miteinander verflochten, dass die beiden Wirtschaftsprofessoren Neill Ferguson und Moritz Schularick sie in der Wortschöpfung "Chimerica" vereinigten. Sie existieren wie in Symbiose - zwei Organismen, die erst gemeinsam ihre wahre Kraft entfalten.

Was bedeutet die Existenz einer solchen Doppelsupermacht für die europäische Konkurrenz? Welche Auswirkungen hat ihre Dominanz auf den Weltfinanzmärkten? Welche strategischen Ziele verfolgt die Allianz?

SPIEGEL ONLINE geht diesen Fragen in einer eigenen Serie auf den Grund: Chimerica gegen den Rest der Welt.


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