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27.01.2010
 

Umstrittenes US-Urteil zu Lobbyisten

Sieg der Strippenzieher frustriert Obama

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

Oberster Gerichtshof in Washington, D.C.: "Neuer Ansturm von Lobbygeld auf die Politik"Zur Großansicht
AFP

Oberster Gerichtshof in Washington, D.C.: "Neuer Ansturm von Lobbygeld auf die Politik"

Das neueste Urteil des Obersten US-Gerichtshofs wird Amerika verändern: Künftig dürfen Firmen mit unbegrenzten Geldsummen für oder gegen politische Kandidaten werben. Präsident Obama wettert gegen den Triumph der Lobbyisten - die Republikaner frohlocken.

Die Lobbyistin hat in diesen Tagen richtig gute Laune. Sie vertritt große Unternehmen in der US-Hauptstadt, es gibt viel zu tun, immer wieder muss sie den angefragten Gesprächstermin verschieben. "Der Terminkalender ist einfach zu voll", klagt sie gegenüber SPIEGEL ONLINE - und beeilt sich hinterherzuschieben: "Es sind spaßige Zeiten."

Der Spaß könnte bald noch größer werden - und der Reibach auch. Denn Washingtons Lobbyindustrie, wegen der vielen Staatsreformen ohnehin trotz Krise bestens im Geschäft, freut sich über ein Urteil des Obersten Gerichtshofs in Washington. Mit der knappen Mehrheit von fünf zu vier Stimmen entschieden die Richter, dass Unternehmen künftig unbegrenzt Mittel zur Werbung für oder gegen politische Bewerber bis zum Wahltag einsetzen können. Bislang durften sie sich nur allgemein zu Wahlkampfthemen äußern, etwa zu Steuersenkungen. "Die neue Macht der Lobbyisten: Leg dich mit uns an, und unser Bargeld wird dich begraben", titelte die "New York Times".

Das Urteil spaltet die Nation wie vielleicht zuletzt nur "Bush v. Gore" - die umstrittene Entscheidung zum Ausgang der Wahl im Jahr 2000, die George W. Bush den Weg ins Weiße Haus ebnete. Damals wurde Bush von der Gruppe der konservativen Richter im höchsten US-Gericht gestützt - während Bushs Amtszeit ist diese Gruppe durch neue Ernennungen noch stärker geworden. Das jetzige Urteil dürfte eine Folge dieser Entwicklung sein. Die Republikaner frohlocken darüber, die Demokraten jammern.

"Der Oberste Gerichtshof hat grünes Licht gegeben für einen neuen Ansturm von Lobby-Geld auf unsere Politik", schimpft Präsident Barack Obama. "Vielleicht erleben wir bald den Senator von Wal-Marts Gnaden oder den Kongressabgeordneten der Bank of Amerika", fürchtet Melanie Sloan, Direktorin der Gruppierung Citizens for Responsibility and Ethics.

Sind Politiker noch unabhängig von der Wall Street?

Tatsächlich ist das Urteil in vielerlei Hinsicht erstaunlich. Der Fall, den es zu entscheiden galt, drehte sich um den Dokumentarfilm "Hillary: The Movie", eine kritische Abrechnung mit Hillary Clinton. Produziert hatte ihn die rechte Aktivistengruppe Citizens United, doch kurz vor Beginn der demokratischen Vorwahlen 2008 wurde ihr die Ausstrahlung unter den bestehenden Wahlkampfregeln versagt. Bis einen Monat vor der Wahl war kommerziellen Aktivistenorganisationen keine explizite politische Werbung erlaubt. Citizens United klagte - und der rechte Block des Obersten Gerichtshofs nutzte den Fall zu einer Grundsatzentscheidung über die politische Meinungsfreiheit von Unternehmen. Dabei betonen konservative Juristen immer wieder, die obersten Richter sollten streng die Verfassung auslegen, statt politische Weichen stellen zu wollen.

Doch die Mehrheit der Richter sieht sich in ihrer Entscheidung lediglich als Hüter des First Amendment der US-Verfassung - dem Schrein der Meinungsfreiheit. Jede Art von Meinung helfe dem politischen Diskurs, argumentieren sie. Den Amerikanern vorzuschreiben, welche Informationen sie aus welcher Quelle hören sollten, grenze an Zensur, so Anthony Kennedy, einer der fünf Mehrheitsrichter.

Die unterlegenen linksliberalen Richter und Kritiker des Urteils halten dagegen: Wer sage, dass Unternehmen wie Personen zu behandeln seien? Immerhin sei dies in Entscheidungen seit 1907 vom Obersten Gerichtshof anders geregelt worden. Vor allem aber: Wie unabhängig werden Politiker unter den neuen Voraussetzungen noch agieren? "Wall Street-Banker können Kongressmitgliedern nun etwa sagen, sie würden Millionen Dollar gegen jeden Gegner von Staatshilfe für Banken mobilisieren", zürnt die New York Times. So sei Korruption Tür und Tor geöffnet.

Einfluss von "big money" breitet sich aus

Die erbitterten Streitigkeiten legen bereits einen klaren Verlierer nahe: die politische Kultur des Landes. Der Einfluss von "big money" auf US-Wahlen dürfte weiter steigen. Immer wieder waren Versuche unternommen worden, diesen zu begrenzen, zuletzt in einem Gesetzespaket des ehemaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain. Vergeblich. Über fünf Milliarden Dollar haben Präsidentschaftswahlkampf und Kongresswahlen im vergangenen Jahr verschlungen.

Spender finden viele willige Abnehmer. Alle zwei Jahre müssen Mitglieder des Repräsentantenhauses Geld für ihre Wiederwahl sammeln. Wer zu einer Senatswahl in einem wichtigen Bundesstaat antreten will, sollte über eine Wahlkampfkasse mit Dutzenden Millionen Dollar verfügen. Das führt dazu, dass politische Bewerber entweder selbst reich sein oder reiche Freunde haben müssen - was zu neuen Abhängigkeiten führt.

Führende Politiker verbringen mehr Zeit bei "Fundraisers", Spendensammelterminen, als in der Parlamentskammer. Besonders beliebt sind Ausflüge in Luxushotels nahe Washington, wo Lobbyisten in kleinem Kreis Kongressmitglieder über ihr Anliegen informieren.

Lobbyisten, Luxushotels und Schlupflöcher

Nun könnten die Wirtschaftsvertreter auch mit ihrer neuen Macht drohen. "Wenn Goldman Sachs jede Kongresswahl in den USA finanzieren will, ist das jetzt erlaubt", wettert Jonathan Alter von "Newsweek". Genug Spielraum dafür dürften die Konzerne haben. Nach den geltenden Vorschriften wenden die großen US-Unternehmen im Schnitt bislang erst unter einem Prozent ihrer Profite auf, um Politiker zu beeinflussen.

Ob die Firmen künftig Kandidaten tatsächlich mit Riesensummen unterstützen oder attackieren, ist freilich nicht sicher. Gerade öffentlich gehandelte Konzerne könnten Imageschäden bei Kunden oder Aktionären befürchten, positionieren sie sich zu deutlich. "So ein Schritt wird vorsichtig geprüft werden", sagt ein Lobbyist für einen Elektronikkonzern, der nicht genannt werden möchte, zu SPIEGEL ONLINE.

Unternehmen könnten aber Mittel an Dachverbände wie die US-Handelskammer weiterleiten, die dann gegen oder für Kandidaten mobil machen können. So lassen sich Spuren verwischen. Auch die mächtigen Gewerkschaften dürften von diesen Schlupflöchern Gebrauch machen.

Demokraten wollen Urteil abmildern

Sie stehen den Demokraten nahe, doch verfügen sie über weniger Ressourcen als Großkonzerne. Daher sehen sich die Demokraten durch das Urteil im Nachteil. Viele Unternehmen schätzen die Republikaner als wirtschaftsfreundlicher. Demokraten im Kongress tüfteln daher bereits an Gesetzesvorschlägen, die die Folgen des höchstrichterlichen Urteils abmildern könnten. Denkbar sind etwa Vorschriften, nach denen Unternehmen nicht unbegrenzt spenden dürfen, die gleichzeitig Regierungsaufträgen-n annehmen - das betrifft die meisten großen amerikanischen Konzerne.

Möglicherweise spricht Obama das Spendendilemma sogar in seiner Rede zur Lage der Nation am Mittwochabend an. Diese soll sich auch mit der schwierigen Wirtschaftslage beschäftigen. Jobs, Jobs, Jobs, so lautet Obamas neues Mantra. Zumindest eine Branche könnte diese nun schaffen: US-Medienfirmen, insbesondere TV-Sender, erwarten vom Wahlkampf-Urteil dicke Werbegewinne. Ihre Aktien legten prompt zu.

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Die neuesten Beiträge:
23.02.2010 von Sassy60: Harte Tour

Nachdem man das volle Ausmaß der Schäden, die Schußwaffen an menschlichen Körpern anrichten, gesehen hat, ist es einem sch...egal, ob diese legal oder illegal waren. Man wünscht sich nur, dass sie für immer weggeschlossen [...] mehr...

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Die werten Foristen, obwohl bestrebt, sich zu bilden, vermeiden die GOP-website wie die Pest. Angst vor Aufklärung ? mehr...

23.02.2010 von Montanabear: Ein Jahr Obama - die Bilanz

Das ist nicht so. Ich hatte Ihnen einen link zu der Website der Black Republicans gegeben. Ihr Fehler ist daraus entstanden, daß Sie meinen, die Demokraten sind lieb und die Schwarzen sind lieb, also sind alle Schwarzen [...] mehr...

22.02.2010 von masshole:

Schon mal nach Osten geschaut? Fragen Sie doch mal die Europaer im Osten, so in Estland oder so... Die haben da klare Meinungen zu. mehr...

22.02.2010 von masshole:

Free speech und das Recht Waffen zu besitzen und tragen haben exakt gleichen Verfassungsrang. Das mag schwierig sein zu verstehen, aber so isses nun einmal. ---Zitat--- Ist Deutschland ne Diktatur? ---Zitatende--- Noch [...] mehr...

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Obamas erstes Jahr - Das sagen die Kommentatoren

USA - "Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf"

"Washington Post" "Der Erfolg der Konservativen sollte Liberale und die Obama-Regierung beunruhigen. Der Präsident hätte die wirtschaftliche Katastrophe viel früher zur Chefsache erklären müssen. Die meisten Amerikaner verstehen, dass diese Probleme begonnen haben, bevor er ins Weiße Haus eingezogen ist. Aber viele von ihnen, vor allem Wechselwähler, sind wütend, dass die Regierung so viel Geld ausgeben musste - und dass die Erfolge nicht so schnell eintreten wie erhofft."

"The Daily Beast" "Obama hat den Charakter des Landes völlig falsch eingeschätzt. Es gibt das Sprichwort: Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf. Das hat er nicht verstanden. Er war entschlossen, eine ganz neue Agenda zu verabschieden - um das wichtigste Anliegen hat er sich nicht gekümmert. Die Gesundheitsreform wird ein Haushaltsdesaster für das Land. Der Großteil der Amerikaner wollte die steigenden Kosten angehen, nicht mehr Versicherungsschutz bieten. Das wird die Kosten dramatisch erhöhen. (...) Obamas Fähigkeit, mit Wählern zu kommunizieren, hat ihn erst groß gemacht. Am meisten hat mich überrascht, dass er diese Fähigkeit verloren hat. Er tritt viel zu oft auf - und jetzt hören ihm die Leute nicht mehr zu."

"New York Observer" "Es ist nicht die Zeit für Totsagungen. (...) Zu viele Amerikaner glauben, dass er wenig erreicht hat und ihr Vertrauen verloren hat. Sie täuschen sich aber - genauso, wie sich diejenigen getäuscht haben, die Bill Clintons Präsidentschaft zur Hälfte seiner ersten Amtszeit schon abschrieben. Mit Blick auf seine Gesetzgebungsarbeit ist Barack Obama ein sehr effektiver Präsident. Das betont unparteiische Fachblatt 'Congressional Quarterly' beurteilt ihn als den effektivsten Präsidenten der vergangenen fünf Jahrzehnte."

Großbritannien - "Knöpf Dir die bösen Jungs vor, Barack!"

Frankreich - " Lassen wir ihm noch ein wenig Zeit"

Russland - "Moskau ist enttäuscht"

Arabische Presse - "Er hat den Muslimen die Hand gereicht"

Spanien - "Der Politiker verblasst hinter seinem Mythos"

Italien - "Das Image ist wiederhergestellt, nun ist Entschlossenheit nötig"

Schweiz - "Ton und Mimik haben sich verändert"

Dänemark - "Unterwegs haben ihn die Realitäten eingeholt"

Ungarn - "Es geht um die Macht des Symbolischen"




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