ThemaDie Regierung ObamaRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
28.01.2010
 

Obamas Rede zur Lage der Nation

Messias in Hemdsärmeln

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

Wahlschlappen, miese Umfragewerte und eine erstarkte Opposition: Barack Obama erlebt seine erste große Krise als US-Präsident - und hat darauf nun mit einer großen Rede reagiert. Im Kongress ging er auf seine Kritiker zu und beschwor den Kampf gegen die Jobkrise als seine wichtigste Mission.

Politik besteht aus Illusionen, und kaum eine ist größer als das Theater beim Einmarsch des US-Präsidenten in das Kongressgebäude in Washington vor seiner Rede zur Lage der Nation. Alle Mitglieder des hohen Hauses springen auf, scharen sich um das Staatsoberhaupt, herzen ihn. Sie geben sich als eine große Familie, das vielleicht nobelste Parlament des Planeten.

Aber in Wahrheit schielen sie dabei natürlich in die Kameras für die beste Einstellung. Sie sind ein berechnender Haufen, ein politischer Kleinunternehmer neben dem anderen. Die meisten müssen alle zwei Jahre ums politische Überleben kämpfen, sie denken schon an die nächste Wahl im November. Da zählen nur sie selbst - und wenn der Präsident ihrer Verkaufe nicht hilft, helfen sie ihm auch nicht.

Obama spricht diese berechnenden Abgeordneten in seiner Rede zur Lage der Nation noch direkter an als die Millionen Amerikaner vor den Fernsehgeräten: "In diesem neuen Jahrzehnt ist es höchste Zeit, dass die Amerikaner eine Regierung bekommen, die ihrer Anständigkeit entspricht, die ihre Stärken verkörpert", ruft er. "Heute Abend will ich darüber reden, wie wir dieses Versprechen gemeinsam einlösen können." Es sind solche Sätze, die Amerikaner von ihrem Präsidenten hören wollen. Sie wollten keinen König, nachdem sie die Briten mit ihrer Monarchie vertrieben hatten. Aber ein bisschen königlich sollte er doch sein, jedenfalls hinausragen über die kleinlichen Manöver der Abgeordneten aus 50 Bundesstaaten. Deshalb statteten sie ihn mit so viel Macht aus und lassen ihn in einem weißen Schloss wohnen.


Im vergangenen Jahr wirkte der König Obama eher wie ein Geschäftsführer, er verhandelte ständig mit den vielen Kleinunternehmern im Kongress, oft hinter verschlossenen Türen. Er stieß jede Menge Projekte an, aber er hatte keinen klaren Plan - und seine gigantische Gesundheitsreform ließ er von rechten Blockierern und linken Ideologen zur Karikatur zerfleddern.

Sein Volk, die Wähler, maulte prompt, es strafte ihn ab an den Urnen und in den Umfragen.

Nun hat sich Obama mit einer überzeugenden Präsentation zurückgemeldet. Sicher, ganze Passagen seiner 70-Minuten-Rede atmen die Panik der niedrigen Umfragewerte. Zwei Drittel der Ansprache widmete der Präsident der Wirtschaftslage, er wetterte gegen die Banken, er versprach eine Menge Geld für bessere Schulen, für schönere Straßen und schnellere Züge.

"Probleme lösen und nicht davonlaufen"

Obama sprach von Steuersenkungen, von der Sparpflicht des Staates, von seinem Kampf für die "Mittelklasse". Er klang fast wie einst Bill Clintons Wahlkampfslogan "It's the Economy, Stupid", den ihm so viele Parteifreunde nun ans Herz legen. "Jobs zu schaffen wird unser größtes Thema im Jahr 2010 sein", sagte Obama. Er machte klar, dass er den Skeptikern zuhören will, denen, die Angst vor Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit haben. Für die Außenpolitik war erst nach einer Stunde Zeit.

Dennoch gab er nicht der Versuchung nach, Bill Clinton nachzuahmen. Als dieser 1994 die Mehrheit im Kongress verloren hatte, nach seinem eigenen desaströsen Versuch einer Gesundheitsreform, verkündete er bald darauf: "The Era of Big Government is over", der aktive Staat ist abgemeldet. Clinton ruderte in die Mitte, kümmerte sich um eine Reform der Sozialhilfe, und darum, dass Kinder böse Bilder im TV nicht so leicht sehen können. Er gewann seine Wiederwahl, aber ein großer Präsident wurde er nicht.

Obama kann kein Clinton werden, weil er nie ein Clinton sein wollte. Er versprach als Kandidat "Change" statt Taktik, er wollte ein Stratege für sein Land sein. "Wir können nicht ständig Wahlkampf führen", sagte er nun im Kongress. Dafür haben ihn die Amerikaner auch nicht gewählt - sondern dafür, dass er sie inspiriert. Sonst wäre Hillary Clinton die demokratische Präsidentschaftskandidatin geworden.

Statt sich vom starken Staat zu verabschieden, rief Obama im Kongress also: "Ich will meine Demokraten daran erinnern, dass wir immer noch die größte Mehrheit seit Jahrzehnten haben. Die Bürger erwarten, dass wir Probleme lösen und nicht davonlaufen." Er forderte die Republikaner auf, nicht mehr die Partei der Blockierer zu sein: "Einfach zu allem Nein zu sagen, mag kurzfristig gute Politik sein, aber es ist keine Führungsstärke."

Denker oder Macher?

Und er verteidigte seinen Kurs. Obama erklärte, warum die vielen Milliarden Rettungsgelder für Banken und Weltwirtschaft zwar nicht "populär" aber "nötig" waren. Der Präsident steht zu seiner umstrittenen Gesundheitsreform uneingeschränkt, auch wenn er sie erst als elftes Thema anspricht. Er zitierte seinen eigenen Wahlkampfslogan vom Wandel, an den man glauben könne - und ließ keinen Zweifel daran, dass er das noch immer tut.

In seiner ersten echten Krisenrede als Präsident sagte Obama also nicht: Lieber doch keinen Wandel, wenn das so schwierig ist. Stattdessen sagte er: "Ich habe nie gesagt, dass Wandel einfach ist."

So beantwortete er die wichtigste Frage an diesem Abend: Wer ist eigentlich Barack Obama? Selbst seine engsten Mitarbeiter fragen sich das bisweilen. Denker oder Macher? Einzelgänger oder Führungsfigur? Eher Professor als Kämpfer? Hat er genug Feuer und Leidenschaft in sich, wenn es hart auf hart kommt?

Die Amerikaner müssen sich dies fragen, weil sie häufiger als jede andere Nation ihre Hoffnung auf fast unbekannte Persönlichkeiten projizieren. Obama genügten zum Aufstieg genau genommen zwei Reden. Eine auf dem Parteitag der Demokraten 2004. Da rief er, es gebe keine rechten und linken Staaten, es gebe nur die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Menschen jubelten ihm zu.

"Zeit für etwas Neues"

Die andere war Obamas Wahlkampfansprache zu Rassenbeziehungen, nachdem sein ehemaliger Pastor durch kontroverse Äußerungen aufgefallen war. Der Kandidat vermied Sprechblasen, er redete lange, er debattierte das heikle Thema mit den Amerikanern.

Nun, nach einem schwierigen Jahr als Präsident, sagte Obama: "Statt die ermüdenden Schlachten zu schlagen, die Washington seit Jahrzehnten dominieren, ist es Zeit für etwas Neues. Lasst es uns mit gesundem Menschenverstand versuchen."

Er hört nicht auf, die Amerikaner zu den wirklich schwierigen Reformen zu ermuntern - und ist dabei vielleicht kämpferischer denn je, wohl auch weil Land und Parlament zerrissener und gespaltener dastehen denn je. "Vom ersten Tag im Amt an wurde mir gesagt, dass es zu ehrgeizig sei, unsere großen Herausforderungen anzugehen", sagte Obama. Doch er habe eine einfache Frage für solche Skeptiker: "Wie lange sollen wir noch warten? Wie lange sollen wir noch Amerikas Zukunft blockieren?"

So bleibt der Präsident sich treu, auch in seiner ersten großen Krise - und erfindet sich doch neu. Obama spricht immer noch wie ein Messias. Aber einer in Hemdsärmeln.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 2125 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
23.02.2010 von Sassy60: Harte Tour

Nachdem man das volle Ausmaß der Schäden, die Schußwaffen an menschlichen Körpern anrichten, gesehen hat, ist es einem sch...egal, ob diese legal oder illegal waren. Man wünscht sich nur, dass sie für immer weggeschlossen [...] mehr...

23.02.2010 von Montanabear: Ein Jahr Obama - die Bilanz

Die werten Foristen, obwohl bestrebt, sich zu bilden, vermeiden die GOP-website wie die Pest. Angst vor Aufklärung ? mehr...

23.02.2010 von Montanabear: Ein Jahr Obama - die Bilanz

Das ist nicht so. Ich hatte Ihnen einen link zu der Website der Black Republicans gegeben. Ihr Fehler ist daraus entstanden, daß Sie meinen, die Demokraten sind lieb und die Schwarzen sind lieb, also sind alle Schwarzen [...] mehr...

22.02.2010 von masshole:

Schon mal nach Osten geschaut? Fragen Sie doch mal die Europaer im Osten, so in Estland oder so... Die haben da klare Meinungen zu. mehr...

22.02.2010 von masshole:

Free speech und das Recht Waffen zu besitzen und tragen haben exakt gleichen Verfassungsrang. Das mag schwierig sein zu verstehen, aber so isses nun einmal. ---Zitat--- Ist Deutschland ne Diktatur? ---Zitatende--- Noch [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Die Regierung Obama

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Rede zur Lage der Nation

REUTERS
In seiner jährlichen Rede zur Lage der Nation (State of the Union Address) vor beiden Häusern des Kongresses legt der US-Präsident Rechenschaft über seine bisherige Amtszeit ab und gibt einen Ausblick auf die weitere Regierungsarbeit. Im Allgemeinen hält er diese Grundsatzrede zu Beginn der Januar-Sitzungsperiode des Parlaments in Washington.

Die "State of the Union Address" ist nach der Verfassung nahezu die einzige Möglichkeit für den Präsidenten, direkt vor den Kongress zu treten. Denn anders als in den parlamentarischen Demokratien in Europa besitzt die Exekutive in den USA kein Rederecht vor dem Parlamentsplenum.

Der Präsident kann nur auf Einladung der Legislative im Kongress sprechen. Deshalb ist es äußerst selten, dass er aus einem anderen Grund vor das Plenum tritt, als seine Rede zur Lage der Nation zu halten. George W. Bush beispielsweise sprach wenige Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 außerplanmäßig vor beiden Häusern des Kongresses.





Obamas erstes Jahr - Das sagen die Kommentatoren

USA - "Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf"

"Washington Post" "Der Erfolg der Konservativen sollte Liberale und die Obama-Regierung beunruhigen. Der Präsident hätte die wirtschaftliche Katastrophe viel früher zur Chefsache erklären müssen. Die meisten Amerikaner verstehen, dass diese Probleme begonnen haben, bevor er ins Weiße Haus eingezogen ist. Aber viele von ihnen, vor allem Wechselwähler, sind wütend, dass die Regierung so viel Geld ausgeben musste - und dass die Erfolge nicht so schnell eintreten wie erhofft."

"The Daily Beast" "Obama hat den Charakter des Landes völlig falsch eingeschätzt. Es gibt das Sprichwort: Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf. Das hat er nicht verstanden. Er war entschlossen, eine ganz neue Agenda zu verabschieden - um das wichtigste Anliegen hat er sich nicht gekümmert. Die Gesundheitsreform wird ein Haushaltsdesaster für das Land. Der Großteil der Amerikaner wollte die steigenden Kosten angehen, nicht mehr Versicherungsschutz bieten. Das wird die Kosten dramatisch erhöhen. (...) Obamas Fähigkeit, mit Wählern zu kommunizieren, hat ihn erst groß gemacht. Am meisten hat mich überrascht, dass er diese Fähigkeit verloren hat. Er tritt viel zu oft auf - und jetzt hören ihm die Leute nicht mehr zu."

"New York Observer" "Es ist nicht die Zeit für Totsagungen. (...) Zu viele Amerikaner glauben, dass er wenig erreicht hat und ihr Vertrauen verloren hat. Sie täuschen sich aber - genauso, wie sich diejenigen getäuscht haben, die Bill Clintons Präsidentschaft zur Hälfte seiner ersten Amtszeit schon abschrieben. Mit Blick auf seine Gesetzgebungsarbeit ist Barack Obama ein sehr effektiver Präsident. Das betont unparteiische Fachblatt 'Congressional Quarterly' beurteilt ihn als den effektivsten Präsidenten der vergangenen fünf Jahrzehnte."

Großbritannien - "Knöpf Dir die bösen Jungs vor, Barack!"

Frankreich - " Lassen wir ihm noch ein wenig Zeit"

Russland - "Moskau ist enttäuscht"

Arabische Presse - "Er hat den Muslimen die Hand gereicht"

Spanien - "Der Politiker verblasst hinter seinem Mythos"

Italien - "Das Image ist wiederhergestellt, nun ist Entschlossenheit nötig"

Schweiz - "Ton und Mimik haben sich verändert"

Dänemark - "Unterwegs haben ihn die Realitäten eingeholt"

Ungarn - "Es geht um die Macht des Symbolischen"

So funktioniert US-Politik

Die Macht des Präsidenten

Welche Rolle hat der Präsident genau?
Was macht der Vizepräsident ?
Was versteht man unter dem Weißen Haus ?
Was beinhaltet die State of the Union Address ?
Was ist das Plum Book ?
Der Präsident frühzeitig gefeuert - geht das?
Was bedeutet Impeachment ?

Parteien und Institutionen

Das Wahlsystem

Der Wahlkampf



TOP



TOP