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28.01.2010
 

Taliban-Aussteigerprogramm

Bündnis der Selbstbetrüger

Ein Kommentar von Christian Neef

Taliban-Kämpfer: Trennung zwischen "gemäßigten" und "radikalen" Islamisten ist UnfugZur Großansicht
AFP

Taliban-Kämpfer: Trennung zwischen "gemäßigten" und "radikalen" Islamisten ist Unfug

Der Westen will die Taliban besiegen, indem er gemäßigte Kämpfer von den Extremisten loskauft. Was für ein Unsinn. Die afghanische Geschichte beweist: Ohne eine Einbeziehung der Radikalen ist ein solches Programm zum Scheitern verurteilt - und offenbart nur die Hilflosigkeit der Verbündeten.

Es scheint zu funktionieren! Noch bevor Präsident Hamid Karzai an diesem Donnerstag auf der Afghanistan-Konferenz im Londoner Lancaster House dazu kam, sein Programm zur Aussöhnung mit den Taliban vorzulegen, war der erste Überläufer da. Er heißt Maulvi Mohammed Schah.

Maulvi Mohammed Schah war bis zum vergangenen Wochenende in der Provinz Badghis Taliban, genauer gesagt: im Distrikt Jawand. Das ist nicht weit von der Stadt Herat, gleich an der turkmenischen Grenze. Schah kommandierte 20 Kämpfer, zusammen mit ihnen hat er sich der Nationalen Versöhnungskommission gestellt. Er händigte ihr 18 Sturmgewehre der Marke Kalaschnikow aus, ein Maschinengewehr und einen Granatwerfer.

War das der erste Schritt zum Frieden in Afghanistan?

Das würden wir im Westen gern so sehen. Aber es wäre der nächste große Selbstbetrug: Den Taliban die Hand zur Versöhnung zu reichen und ihnen die Rückkehr ins Zivilleben zu ermöglichen, ist eine gute, längst überfällige Idee. Aber sie ist kein Allheilmittel. Wer in den vergangenen Tagen hörte, wie all die Holbrookes, Browns und Westerwelles aufgeregt das Copyright in Sachen "Aussteiger-Programm" für sich reklamierten, dem schwant nichts Gutes. Der ahnt, dass jetzt womöglich der nächste Hype beginnt.

Bisher meldeten die Nato-Truppen täglich, sie hätten 15, 20 oder gar 30 Taliban-Kämpfer "unschädlich" gemacht, sprich: liquidiert (was natürlich nie zu überprüfen war). Künftig könnten sie das Gleiche andersherum tun: der Welt Tag für Tag verkünden, wie viele Taliban angeblich auf die Seite Karzais übergelaufen sind. Das wären Rechenspielchen, wie sie schon Moskaus Statthalter Nadschibullah einst vorgeführt hat, mitten im russisch-afghanischen Krieg, als er 1987 die Aussöhnung mit den Mudschahidin begann. Das damalige Aussteiger-Programm war noch keinen Monat alt, da teilte Afghanistans Parteichef im SPIEGEL mit, "60.000 frühere Widerstandskämpfer" hätten sich bereits der Regierung angeschlossen.

Das war natürlich aus der Luft gegriffen, aber vielleicht war diese Zahl gar nicht allzu sehr getürkt. Denn eine alte afghanische Erfahrung besagt: Wenn Regimegegnern für das Ablegen der Waffen eine ordentliche Prämie winkt, vermehrt sich schnell deren Zahl. So könnte es auch jetzt wieder sein. Außerdem geht es den Aussteigern oft gar nicht um Frieden mit Kabul, sondern um irgendeinen privaten Vorteil. Womit wir wieder bei Maulvi Mohammed Schah und seinen 20 Kämpfern sind: Er lag bisher im Clinch mit einem anderen Taliban-Kommandeur, er stritt sich mit ihm um die Oberaufsicht der Lapislazuli- und Smaragd-Minen im Jawand-Distrikt. Nun, da er zur Regierung übergetreten ist, hat diese ihm ganz offiziell die Verantwortung für die Sicherheit in beiden Minen übertragen. So hat Schah seinen Rivalen endlich besiegt. Dank Karzais Aussteiger-Programm.

Trennung zwischen "gemäßigten" und "radikalen" Islamisten ist Unfug

Die Zahlen der Überläufer, die wir demnächst hören werden, besagen also nicht viel. Denn niemand kann definieren, was das für Leute sind und welchen politischen Einfluss sie haben. Das war schon bei Nadschibullah so: Als die radikalen Islamisten Kabul trotz aller Aussöhnungspolitik in die Zange nahmen und der Staatschef stürzte, halfen ihm all die stolz vorgezeigten Überläufer nichts. Sie spielten einfach keine Rolle.

Warum? Weil die Trennung zwischen "gemäßigten" und "radikalen" Islamisten Unfug ist. Karzai und der Westen werden Tausende "Gemäßigte" mit Geld und Pöstchen zum Übertritt bewegen können - aber entscheidend bleiben allein die, mit denen der Westen nach wie vor nicht reden will: die Radikalen. Denn sie prägen das Verhalten der einfachen Taliban, auf sie schaut der Bauer, wenn er nach der Arbeit zur Kalaschnikow greift, um als Patriot die ausländischen Eindringlinge zu bekämpfen. Erst wenn die Radikalen in der Kabuler Regierung vertreten sind, besitzt diese für den Afghanen in Herat, Kandahar oder Jalalabad auch wirklich Autorität.

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05.02.2010 von namlob:

Vorsicht!Für fundis sind alle anderen Ungläubige oder Häretiker - so auch für die Taliban. Sie kämpfen also gegen den Westen - natürlich - aber auch gegen die Afghanen, die sich nicht zu ihnen bekennen. mehr...

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