Von Matthias Gebauer und Yassin Musharbash
Berlin - Was wollen die afghanischen Taliban? Nach Jahren des Widerstands einen Friedensdeal abschließen? Wer kann für sie sprechen? Diese Fragen drängen im Nachklang zur großen Afghanistan-Konferenz in London, wieder einmal in den Vordergrund.
Die afghanische Regierung und die Nato-Staaten, die Soldaten im Land haben, wollen mit den Taliban verhandeln. Die westliche Staatengemeinschaft hat gar einen Fonds mit bisher 140 Millionen Dollar aufgelegt, aus diesem sollen abtrünnige Taliban Unterstützung erhalten, wenn sie denn die Waffen niederlegen und sich vom Terror abwenden. In den nächsten Jahren sollen dafür stolze 500 Millionen Dollar zur Verfügung stehen.
Das System klingt einfach: Mit viel Geld aus dem Westen, so suggerierte die London-Konferenz, kann die schwache Kabuler Regierung von Präsident Hamid Karzai der Krieger von Taliban-Chef Mullah Omar endlich Herr werden. Mit Cash und Ausbildungsprogrammen sollen aus kriegsmüden Kommandeuren und Kämpfern wieder Bauern und Familienväter werden. Das Programm soll von der Kabuler Regierung durchgeführt werden.
"Ihr Denken ist fehlerhaft"
Gleichwohl erscheint der in London beschworene Prozess der Versöhnung bisher eine sehr einseitige Angelegenheit. Denn so sehr westliche Politiker, allen voran der deutsche Außenminister Guido Westerwelle, das Taliban-Aussteigerprogramm auch loben, so ablehnend sind die Signale der Islamisten.
In gleich zwei Erklärungen aus den vergangenen Tagen stellen die Gotteskrieger zum Beispiel klar, dass sie die in London beschlossenen Vorschläge für ein Programm zur Wiedereingliederung von Taliban-Kämpfern in die Zivilgesellschaft ablehnen.
"Sie haben erklärt, dass sie jedem Mudschahid, der seine Waffen niederlegt und Dschihad und Widerstandskampf bleiben lässt, mit Geld, Arbeit und einem Job versorgen", heißt es etwa in einer Erklärung der Taliban-Führung vom Donnerstag. "Aber ihr Denken ist fehlerhaft."
Schon am Mittwoch, dem Tag der Konferenz selbst, hatten die Gotteskrieger eine ähnliche Positionsbeschreibung veröffentlicht. Es sei ein "lächerlicher Vorschlag", Taliban-Anführern Exil oder Asyl im Ausland anzubieten. Ebenso absurd sei, Kämpfer mit Jobs und einer Regierungsbeteiligung zu ködern oder ihnen Geld anzubieten: "Die Invasoren denken, wir seien wie ihre Söldner."
In beiden Papieren, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, wird der vollständige und sofortige Abzug aller ausländischen Soldaten gefordert. Dies zu erreichen, sei das Ziel des Kampfes der Taliban. Ansonsten gehe es ihnen einzig und allein darum, ein gottgefälliges System in Afghanistan einzuführen. Der Dschihad werde also weitergehen, der Westen wolle ohnehin nur seine bevorstehende Niederlage kaschieren.
Taliban bestätigen Uno-Kontakte nicht
Der Journalist Rahimullah Yusufzai ist einer der besten Kenner der Taliban-Szene, aus der pakistanischen Stadt Peschawar hält er Kontakt zu den Führungsrängen der Aufständischen, die in der Grenzregion Unterschlupf finden. Auch in den vergangenen Tagen hat Yusufzai viel gesprochen, doch positive Signale oder gar Bedingungen für mögliche Verhandlungen bekam auch er nicht zu hören. "Der Westen suggeriert sich selber, dass die Taliban kriegsmüde sind", sagt Yusufzai, "doch in Wirklichkeit sehen sich die Taliban-Kader gerade auf der Siegerstraße."
Die Analyse Yusufzais beschreibt eine völlig andere Sichtweise auf die Lage. Demnach haben die Taliban-Chefs erkannt, dass der Westen den Einsatz gegen sie in Afghanistan zu Hause kaum noch verkaufen kann. "Die Taliban wissen, dass die Nato bald abziehen will und das wäre ihr Sieg", sagt der Kenner, "warum sollten sie jetzt noch mit einer Regierung in Kabul verhandeln, die sie ablehnen?"
Skeptisch sieht Yusufzai auch Meldungen über ein angebliches Treffen der Taliban-Führung mit dem Uno-Sondergesandten Kai Eide. Das klandestine Meeting, so erklärten am Donnerstag anonyme Uno-Mitarbeiter am Rande der London-Konferenz, habe am 8. Januar dieses Jahres in Dubai stattgefunden, da die Taliban-Kommandeure bei einem Treffen in Afghanistan Angst gehabt hätten, von den USA inhaftiert zu werden. Yusufzai hingegen konnte bei seinen Gesprächen in den letzten Tagen keinen einzigen hochrangigen Taliban finden, der von dem angeblichen Treffen wusste. US-Außenministerin Hillary Clinton bestätigte der "New York Times" dagegen, dass es eine Begegnung zwischen Eide und einigen Taliban-Führern gab.
Signale, die man positiv deuten kann
Offiziell stehen die Taliban unter der Führung des im Untergrund lebenden Mullah Mohammed Omar. Er leitet zudem das Führungsgremium, die "Schura", nach ihrem mutmaßlichen Zentrum auch "Quetta-Schura" genannt. Und das vertrackte an den aktuellen Botschaften ist, dass sie angeblich alle auf diese oberste Führung zurückgehen: Sowohl die im Internet veröffentlichten Kommuniqués als auch die angeblichen Kontaktversuche Richtung Uno. Ein einheitliches Bild sieht anders aus.
Und das sind noch nicht einmal alle Widersprüche.
Woher zum Beispiel das plötzliche Vertrauen der Taliban in die Uno rühren soll, ist unklar. Erst vor wenigen Wochen griffen Taliban-Kämpfer ein Uno-Gästehaus in Kabul an, in einer Erklärung verdammten sie die Weltorganisation als "kolonialistisch". Noch am Freitag griffen Taliban in der Provinz Helmand die lokale Uno-Vertretung an.
Und während die Taliban in den vergangenen Monaten eher an Schlagkraft gewonnen haben und vor kurzem sogar wieder einmal einen Angriff auf das Herz der Hauptstadt Kabul wagten, erklärten sie zuletzt parallel immer häufiger, dass sie keine Gefahr für die internationale Sicherheit darstellen und sich gute Beziehungen zu ihren Nachbarn wünschen.
Hausarrest für Osama Bin Laden?
Die Betonung, dass sie keine Bedrohung fürs Ausland darstellen und nur im Interesse der Afghanen kämpfen, wird von einigen Experten als positives Signal eingestuft: Die Taliban versuchten dadurch klarzustellen, dass man mit ihnen durchaus darüber reden kann, dass sie ihre Unterstützung für das Terrornetzwerk al-Qaida einstellen, das nämlich im Gegensatz zu den Taliban ausdrücklich eine internationale Agenda verfolgt.
Schon in den ersten Verhandlungen, die mit den Taliban geführt wurden, war es um diese Frage gegangen. Im Jahr 2008 hatte der saudische König versucht, Mullah Omar dazu zu bringen, eine solche Erklärung abzugeben. Freilich erging sie nie.
Aber selbst Taliban-Vordenker wie Abu al-Walid al-Masri machten zuletzt kaum noch einen Hehl aus ihrer Überzeugung, dass die Hass-Liebe, in der die Taliban und al-Qaida einander verbunden sind, für die Afghanen kaum noch Vorteile hat. Das Bündnis, so der Mann, dessen Texte auch auf den offiziellen Taliban-Websites erscheinen, sollte gelockert werden. Es schränke die Taliban politisch ein. Sogar ein Hausarrest von Qaida-Führern sei eine Option.
Was also wollen die Taliban? Und wer kann für sie sprechen? Noch immer gibt es darüber keine Klarheit, höchstens Hinweise darauf, dass die Bewegung strategisch nicht unbedingt eins ist. So jedenfalls interpretierten Uno-Mitarbeiter die Taliban-Gespräche in Dubai.
Immerhin zeigen sich die Taliban mitunter pragmatisch - und zwar durchaus bis in die Spitze hinauf. So bat die Weltgesundheitsorganisation WHO die Führung rund um Mullah Omar vor einigen Monaten über Mittelsmänner um ein Empfehlungsschreiben, damit die WHO-Mitarbeiter in Afghanistan in von den Taliban kontrollierten Gebieten Polio-Impfungen vornehmen können. Das Unterfangen war heikel, doch am Ende erhielt die WHO eine Erklärung Omars in der er seine Kämpfer anwies, die Leute der Organisation ihre Arbeit machen zu lassen.
Am Freitag nun kündigten die Taliban eine weitere Erklärung innerhalb der nächsten Tage an. Dass sie endgültige Klarheit schafft, damit rechnet niemand.
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