Von Marco Evers, London
"Der Angriff auf den Irak war ein verhängnisvoller Fehler, den ich jeden einzelnen Tag auf das Bitterste bereue." Auf diesen Satz aus dem Mund des ehemaligen britischen Premierministers Tony Blair hofften am Freitag Millionen Briten. Vergeblich.
Sechs Stunden lang saß Blair vor dem Irak-Untersuchungsausschuss unter dem Vorsitz des pensionierten Beamten John Chilcot. Sichtlich nervös wirkte er zu Beginn, geradezu von Angst erfüllt. Seine Hand zitterte, als er sich Wasser einschenkte. Doch der Politprofi fing sich.
Blair antwortete angespannt, konzentriert, seiner Sache zusehends sicherer. Er argumentierte, er gestikulierte, er zitierte aus ehemals vertraulichen Papieren. Und er gestand fast nichts, keinen Fehler, keine Lüge. Aus damaliger Sicht, so machte er klar, habe er alles goldrichtig gemacht. Er würde es wieder tun.
Und was die nukleare Bedrohung durch Iran angeht, so insinuierte Blair später, stünden die heute Verantwortlichen sehr bald vor sehr ähnlichen Entscheidungen. Er berief sich darauf, dass es in der gewandelten Welt seit dem 11. September 2001 keinerlei Toleranz geben könne für Diktatoren mit Massenvernichtungswaffen.
Es schien so, also ob Blair schon die nächste Invasion planen würde - wenn er noch an der Macht wäre.
Demut angesichts des humanitären Desasters? Keine Spur
Elektrisiert schaute die Nation dem Auftritt zu. Dies war, so sagt Blairs Biograf Anthony Seldon, "ein entscheidender Tag für ihn, für die britische Öffentlichkeit und für Großbritanniens moralische Stellung in der Welt". Das mag sein - aber es wäre hilfreich gewesen, wenn Blair wenigstens eine Spur von Demut gezeigt hätte angesichts des politischen und humanitären Desasters, das die Irak-Invasion angerichtet hat.
Blair jedoch hatte sich geweigert, mit ihnen zu sprechen, und er vermied jeden Augenkontakt. Als er dann vor der Kommission aussagte und nie auch nur einen Anflug von Bedauern erkennen ließ, reagierten manche von ihnen angewidert. Nach etwas mehr als einer Stunde stand der Vater eines toten Soldaten auf und ging.
Im Irak sind seit der Invasion mehr als 100.000 Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben - auch deswegen, weil die USA und Großbritannien keine realistische Planung hatten für den Tag nach der Invasion. Blair brachte es nicht einmal über sich, für diese Toten wenigstens indirekt Verantwortung zu übernehmen. Die Koalitionstruppen hätten sich an den Morden schließlich nicht beteiligt. Und den Irakern insgesamt ginge es jetzt sehr viel besser als zum Beispiel im Jahr 2001. Jetzt hätten sie "eine Zukunft". Für die nächste Invasion, das immerhin räumte der Ex-Premier ein, müsste man sich stärker um das Thema "nation building" kümmern.
Empfindet er Bedauern? "Nein"
Früher schon hat der konvertierte Katholik Blair gesagt, dass er, was den Irak angeht, bereit sei, sich vor seinem Schöpfer zu verantworten. Er ist offenbar entschlossen, es auf der Etage zu belassen.
Ob Blair manchmal ein Bedauern empfinde, wollte der Vorsitzende John Chilcot zum Schluss wissen. Was folgte, war der erschütterndste Moment des Tages. Blair antwortete "Nein". Saddam Hussein sei ein Monster gewesen, seine Söhne ebenso. Er habe die ganze Welt bedroht. Er bereue nicht, dass Saddam weg sei. "Die Welt ist sicherer jetzt", beharrte Blair.
Die Zuschauer im Saal waren still über all die Stunden. Nur jetzt platzt manchen der Kragen. Es gibt Zwischenrufe, Chilcot muss das Publikum zur Ordnung rufen. Kurze Zeit später endet die Befragung. Als Blair von seinem Stuhl aufsteht, gibt es Buhrufe. Ein Frau schreit: "Sie sind ein Lügner". Eine andere: "Mörder".
Der Abschlussbericht der Kommission hat keine juristische Bedeutung
Auch nach Blairs Auftritt ist klar: Der Saddam-Bezwinger ist stolz auf sich und sein Irak-Abenteuer - während sich viele Briten längst mit Grausen von ihm abgewendet haben. Mehr als jeder vierte Brite sieht in ihm einen Kriegsverbrecher.
Die Chilcot-Kommission soll nun klären, wer recht hat. Fünf Mitglieder gehören dem Gremium an, vier ältere Herren, eine Baroness. Dutzende von Zeugen haben sie bereits gehört. Der Ton ihrer Fragen ist akademisch, nicht inquisitorisch, und oft war dies beklagenswert. Keiner von ihnen ist Jurist - im Gegensatz zum findigen Blair, der sich bei den Fragen zur Legalität des Krieges mühelos aus der Bedrängnis winden konnte.
Erst Ende des Jahres legt die Kommission ihren Abschlussbericht vor. Dessen Inhalt hat keine juristische Bedeutung; die Kommission untersucht nicht, ob Blair das Land in einen völkerrechtswidrigen Krieg verwickelt hat und möglicherweise vor Gericht gehört. Aber ihr Bericht wird entscheidend sein für Blairs Reputation als Staatsmann.
Blair dürfte sich in dieser Hinsicht mit seinem heutigen Auftritt keinen Gefallen getan haben.
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Realpolitisch gesehen: In den irak einzumarschieren könnte, machiavellistisch betrachtet durchaus Sinn machen. Zum einen hat der Irak Oel, die Bevölkerung ist für mittlerer Osten Standarts gebildet und war relativ sekulär, [...] mehr...
Schon klar: "vom Irak ging keine Gefahr für die internationale Sicherheit aus" ... Ihre Blindheit möchte ich nicht haben! Der Überfall und die vollständige Annexion Kuwaits durch den Irak unter Saddam Hussein ist in [...] mehr...
Pfui! Sie Böser, Sie! mehr...
Sie haben anscheinend gar nicht mitbekommen, dass sowohl Blair wie auch Bush ihren Auftrag für diesen Krieg im Gebet direkt von ganz oben erhalten haben.... Aber die beiden könnten bei dem Gespräch ja den guten Mann in [...] mehr...
Er wird sowieso nicht wiedergewählt, schon alleine weil man ihm (allerdings auch nicht völlig zu Unrecht) die Folgen der Finanzkrise ankreiden wird. Und ich versteh nicht wie man ignorieren kann, dass er bereits seine beiden [...] mehr...
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