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14.02.2010
 

Ultraorthodoxe Juden

Mayans Flucht aus dem Mittelalter

Von Ulrike Putz, Tel Aviv

Sie bewohnen ein Paralleluniversum, abgeschottet von der Moderne: Die 550.000 ultraorthodoxen Juden Israels führen in eng geknüpften Gemeinschaften ein ganz auf Religion fixiertes Leben. Nur wenige wagen den Ausstieg - wie die 24-jährige Mayan. Sie zahlen einen hohen Preis dafür.


Als sie ging, ließ sie alles zurück, selbst ihren Namen. Sie mochte nicht mehr Sarah heißen, wie ihre Eltern sie gerufen hatten. Zu lange hatte sie sich von ihnen eingesperrt gefühlt, fremdbestimmt. Deshalb begann sie ihr neues Leben mit einem neuen Namen: Mayan, hebräisch für "Quelle".

Sieben Jahre ist es nun her, dass Mayan auf dem Planeten Erde landete, wie sie es nennt. Ganz angekommen ist sie bis heute nicht. Sie ist eine moderne, junge Israelin. Doch trotz der Drachentätowierung auf ihrer Schulter, trotz des freizügigen Träger-Tops, unter dem der BH hervorblitzt: Immer wieder gibt es diese Momente, die ihre Vergangenheit verraten. Wenn es in ihrem Freundeskreis um alte Fernsehserien geht, wenn Klassiker der Popmusik oder die ersten Schulhof-Liebschaften diskutiert werden, muss Mayan passen. Bis sie 17 Jahre alt war, lebte die heute 24-Jährige in einer Welt, in der es das alles nicht gab.

Das "Paralleluniversum", aus dem Mayan kommt, hat etwa 550.000 Einwohner: Es ist die Welt der ultraorthodoxen Juden, die mitten in Israel in eng geknüpften Gemeinschaften ein ganz auf ihre Religion fixiertes Leben führen. Die Frommen schirmen sich radikal gegen die Moderne ab: Fernsehen ist genauso verpönt wie nichtreligiöse Musik, Telefone und Internet. Die für die Gemeinschaft wichtigen Nachrichten werden über Wandzeitungen verbreitet. Jungen und Mädchen gehen zur Schule, lernen aber hauptsächlich Religion. "Lesen und Schreiben können alle, aber in Mathe war nach dem Einmaleins Schluss", sagt Mayan. "Als ich von der Schule ging, wusste ich nicht, was New York ist. Ich hatte noch nie einen Hund gesehen, weil es bei uns keine Haustiere gibt."

Es ist vor allem diese mangelhafte Bildung, die es Zweiflern fast unmöglich macht, aus dem Korsett des Glaubens auszubrechen, sagt Irit Paneth von "Hillel - the Right to Choose ", einer Organisation, die Aussteigern beim Start in ein normales, modernes Leben hilft. "Wir sind nicht gegen die Religion. Aber die Ultra-Orthodoxie ist wie eine Sekte, die Kinder im Namen der Religion geistig verkrüppeln lässt." Der Bruch mit der Gemeinschaft sei für die meist jungen Abtrünnigen ein Sprung ins Leere. "Sie kommen ohne Geld, ohne Bildung im klassischen Sinne, ohne Chance auf Arbeit", sagt Paneth.

Die Ultraorthodoxen sind die am schnellsten wachsende soziale Gruppe innerhalb Israels: 2025 werden 22 Prozent der Schulkinder aus einer der strenggläubigen Gruppierungen kommen, so Schätzungen der Regierung.

Frauen ernähren die Familien und ziehen die Kinder groß

In den 19 Jahren seit Bestehen der Hilfsorganisation haben sich nur etwa 2000 Aussteiger an Hillel gewandt. "Es gibt Zigtausende, die zweifeln, die raus wollen", sagt Paneth. Doch nur die wenigsten seien bereit und in der Lage, die Opfer zu bringen, die den Abtrünnigen abverlangt würden. Die meisten Familien brächen den Kontakt komplett ab. "Einige halten sogar Trauerzeremonien ab. So, als ob die Tochter oder der Sohn gestorben sei", sagt Paneth.

Mayan wuchs in Beitar Illit auf, einer Hochburg der "Litaim". Dort tragen Männer schwarze Anzüge und einen breitkrempigen Hut, die Frauen hochgeschlossene Blusen, lange Röcke und oft ein Kopftuch: Zweck der Kleidung ist allein, Züchtigkeit zu beweisen. Die Männer arbeiten nicht, sie widmen ihr Leben dem Bibelstudium. Die Frauen ernähren die Familien und ziehen zudem bis zu zwölf Kinder groß, die Paare oftmals haben.

Mayans Kindheit war vorbei, als ihre verwitwete Mutter zum zweiten Mal heiratete. Die Siebenjährige musste fortan auch im Sommer mit Socken und einer langen Hose unter dem Nachthemd ins Bett. Der Stiefvater sollte unter keinen Umständen ihre nackte Haut sehen, sollte die Bettdecke einmal hochrutschen. Als nicht-blutsverwandter Mann durfte er sie nicht berühren, redete kaum mit ihr.

Die Pubertät erlebte Mayan als Zeit größter Angst. Als ihre Brüste zu wachsen anfingen, fürchtet sie, Krebs zu haben. So groß war das Tabu um alles Körperliche, dass sie sich lieber zum Arzt schlich, als ihre Mutter zu fragen, was mit ihr los sei. Mit ihrer ersten Periode setzten erneut Panik und Scham ein. Mayan versteckte ihre befleckte Unterwäsche. Als die Mutter sie fand, bekam sie statt einer Erklärung eine Standpauke: Was, wenn der Stiefvater die schmutzigen Höschen gefunden hätte?

Die ersten Zweifel kamen Mayan, als sie auf eine Schule im Zentrum Jerusalems wechselte. Sie sah modisch gekleidete Jugendliche, bemerkte, dass die Jungs "aus der anderen Welt" sie begehrlich anschauten. Als sie 14 war, heckte sie mit anderen neugierigen Schulkameradinnen einen Plan aus. Sie meldeten sich bei ihren Müttern ab: Ein Treffen einer Lerngruppe stünde an. Stattdessen nahmen die Mädchen von ihrem Babysitter-Geld den Bus nach Tel Aviv, zum Luna-Park. Mayan strahlt noch heute, wenn sie von den Lichtern, der Musik erzählt. "Ich habe mich gefühlt wie Cinderella, wie in einem Traum", sagt sie.

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08.03.2010 von hans_alfred: Kann Gott das gewollt haben?

Liebe Leser, ich war ehrlich erschüttert, als ich diesen Artikel gelesen hatte. Die o.g. gestellte Frage ist vollends berechtigt. Echter Glaube an Gott unterschweidet sich sehr stark von dem der jüdischen Orthodoxen. Deren Respekt [...] mehr...

18.02.2010 von nikolausroggendorff: Bitte beachten!

http://www.pi-news.net/2010/02/ulrike-putz-auf-der-flucht-in-die-fantasie/#more-119461 Also ich muss sagen, das ich den Artikel unter den obrigen Link recht interessant finde, vor allem weil die enthaltenen Angaben auch [...] mehr...

16.02.2010 von spiegel-hai: unglücklich

ich finde überhaupt den Begriff "ultraorthodox" als Steigerung von "Orthodox" unglücklich, denn bei "Orthodoxie" liegt der Bedeutungschwerpunkt auf der konservativen Auffassung von Theologie, der je [...] mehr...

16.02.2010 von notty: Kurz, knapp...richtig

Danke....das ist, glaube ich, die kurze, richtige Antwort ! mehr...

16.02.2010 von mischamai: Augen auf

Jede Art religiöser Extreme,egal welchen Glaubens auch immer ist verletzend für Menschenwürde und Persönlichkeit.Wer das individuelle Leben fesselt,durch welche religiösen Regeln auch immer ,liegt generell auf der falschen [...] mehr...

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