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08.02.2010
 

Amerikas Tea-Party-Bewegung

Rebellisch, zornig, führungslos

Aus Nashville berichtet Gregor Peter Schmitz

Sie misstrauen dem Staat, wettern gegen die Gesundheitsreform und beschwören die individuelle Freiheit: Die radikal-konservative Tea-Party-Bewegung entwickelt sich zur Gefahr für Barack Obama. Doch noch fehlt den Aktivisten eine Führungsfigur - auch Sarah Palin kann die Lücke nicht füllen.


Kurz vor dem Hauptgang kommt die Frage auf, ob Barack Obamas Präsidentschaft auch unschuldigen Haustieren schaden könnte. Zehn Leute tafeln an einem festlich gedeckten Tisch - einer von vielen im prall gefüllten Hotelballsaal in Nashville - serviert werden Steaks und Jumboshrimps. Die "Tea Party Nation" hat zum Kongress geladen, gleich soll Sarah Palin auftreten. Doch ein Arzt aus Tennessee berichtet erst einmal, wie sehr er vor Obamas "sozialistischem" Gesundheitssystem zittere.

Einer am Tisch gibt sich als Tierarzt zu erkennen, sein Nachbar, ein Bauunternehmer, fragt besorgt: "Soll Obamas Gesundheitsplan eigentlich auch für Tierärzte gelten?" Von der anderen Ecke des Tisches schallt es: "So verlieren wir ja alle guten Ärzte." Was wohl auch eine schlechtere Versorgung von Haustieren bedeuten würde. Der Tierarzt sieht zwar nicht so viel Gefahr für seine Praxis, doch schon herrscht betroffenes Schweigen am Tisch - vermutlich wegen Obamas neuer Unverfrorenheit.

Dem amtierenden Präsidenten alles Schlechte zuzutrauen, dieses Motto zieht sich durch die drei Tage der "National Tea Party Convention". Eine Diskussionsrunde erörtert die angeblichen Verbindungen der Obama-Regierung zu marxistischen Diktaturen in Lateinamerika. Die Staatsmilliarden zur Konjunkturbelebung habe Obama vor allem Kumpels zugeschanzt, heißt es in einer anderen Debatte - und als Staatsverwalter der maroden US-Autogiganten treibe er kleine Autohändler in den Ruin, bloß weil diese Republikaner seien.

Aber es ist nicht einfach ein Treffen von Verschwörungstheoretikern. Die Tea-Party-Bewegung, das wird in Nashville gefeiert, hat nach nur einem Jahr Obamas Heer von "Yes, we can"-Jüngern als wichtigste Graswurzelbewegung der US-Politik abgelöst.

Die Protestler beziehen sich auf den Aufstand in Boston 1773, als frühe Siedler in Amerika Tee der britischen Kolonialisten ins Hafenwasser schleuderten. Die Aufständischen wollten damals weniger Steuern und mehr Mitbestimmung - ihre modernen Nachfolger wollen das auch.

T-Shirts gegen Obamas "sozialistische Agenda"

41 Prozent der Amerikaner bewerten die Tea-Party-Bewegung in Umfragen als positiv. Zehntausende Anhänger überall in den USA sind die Krisengewinner in einem Land, dessen Einwohner überwiegend immer noch misstrauisch gegen eine starke Rolle des Staates sind. Der Aufschwung der Bewegung ist ein Abschwung für Obama, der inmitten des wirtschaftlichen Tals den Staat stärker gemacht hat. Rund eine Billion Dollar gab er für die Konjunkturbelebung aus, 25 Milliarden hatte er für die Autobauer übrig, 245 Milliarden für die in Not geratenen Banken kamen hinzu. 1,6 Billionen Dollar beträgt das US-Haushaltsdefizit dieses Jahr.

Den Amerikanern machen solche Zahlen Angst, Obamas Politik des Wandels stockt - auch wegen der Tea-Party-Bewegung. Für ihre Versammlung haben sich über 200 Journalisten aus elf Ländern angemeldet. 600 Delegierte sind gekommen, überwiegend ältere Menschen mit weißer Hautfarbe. Suzanne Curran, 70, ist aus Virginia angereist. Sie trägt ein dunkles T-Shirt, auf dem sie ihre umfassende Ablehnung bekundet: "Ich bin gegen eine liberale, ausgabenfreudige, Steuern erhöhende, wirtschaftsfeindliche, Freiheit verleugnende, pro-staatliche, sozialistische Agenda."

Curran hatte Angst um ihr Land, als Obama gewählt wurde. "Dieser junge Kandidat sagte, unsere Verfassung habe Mängel. Dabei hat sie uns über 200 Jahre gute Dienste geleistet. Da wusste ich, dass er eine Gefahr darstellt."

"Ich heiße Scott Brown und fahre einen Truck"

Seither engagiert sie sich in der Bewegung, rund 30 Stunden pro Woche. Sie war beim Marsch auf Washington mit Zehntausenden Teilnehmern im September vergangenen Jahres dabei, sie organisiert Protestveranstaltungen in ihrer Nachbarschaft. Es geht immer um dieselben Themen: Keine Staatsschulden mehr. Keine Gesundheitsreform. Stattdessen: die Verfassung und die Freiheit.

Längst beeinflussen die Tea-Party-Aktivisten Wahlen. Scott Brown, der bei einer Sonderabstimmung in Massachusetts sensationell den Senatssitz von Demokraten-Ikone Ted Kennedy eroberte, umgarnte die Aktivisten mit seinem Satz: "Ich heiße Scott Brown und fahre einen Truck." Die Botschaft war: Ich pfeife auf Klimaschutz und all den anderen modischen Kram. Ich bin, wie ich immer war - und das ist gut so.

Seine Wahl hat der Bewegung gezeigt, was sie erreichen kann - seither ist Obamas Gesundheitsreform im Senat blockiert. "Ich stimme mit dem Präsidenten in nichts überein", sagt Judson Phillips, Anwalt aus Tennessee und Organisator der Convention. "Aber das Gute ist: Obamas Politik hat unsere Anhänger aufgeweckt." Als Phillips in den Saal fragt, wie viele vorher nie politisch aktiv waren, gehen fast 90 Prozent der Hände hoch.

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insgesamt 105 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
09.01.2011 von ad220577: Logic vs. Teaparty

Die Gesundheitsreform soll in der Hauptsache denen zugute kommen, die arbeiten und zuviel verdienen um vom Medicare oder Medicaid unterstütz zu werden, aber zu wenig verdienen um eine teure Krankenversicherung unterhalten zu [...] mehr...

02.03.2010 von PardonWieBitte: Rip

Erstaunlich, wie wenig man sich in die Gedankengaenge und Motivation Angehoeriger anderer Staaten hineinversetzen kann, wenn man dort nicht aufgewachsen ist und/oder langzeitig lebt. Den Amerikanern, die sehr stark puritanisch [...] mehr...

25.02.2010 von quer/denker: Ein Blick über den Tellerrand lohnt sich..

Danke cosmo, du hast meiner Meinung nach die wichtigsten Gedanken zusammengefasst. Man kann von dieser Bewegung ja gerne halten was man will, ich empfinde es allerdings als äußerst problematisch, dass nur ganz selten mal [...] mehr...

12.02.2010 von K. S.: ...

Die massive Einschränkung der Bürgerrechte sollte man auch nicht außen vor lassen. mehr...

10.02.2010 von Lando: Märchen wurde wahr

Man muss nur glauben, dann fallen Mauern um. mehr...

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Obamas erstes Jahr - Das sagen die Kommentatoren

USA - "Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf"

"Washington Post" "Der Erfolg der Konservativen sollte Liberale und die Obama-Regierung beunruhigen. Der Präsident hätte die wirtschaftliche Katastrophe viel früher zur Chefsache erklären müssen. Die meisten Amerikaner verstehen, dass diese Probleme begonnen haben, bevor er ins Weiße Haus eingezogen ist. Aber viele von ihnen, vor allem Wechselwähler, sind wütend, dass die Regierung so viel Geld ausgeben musste - und dass die Erfolge nicht so schnell eintreten wie erhofft."

"The Daily Beast" "Obama hat den Charakter des Landes völlig falsch eingeschätzt. Es gibt das Sprichwort: Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf. Das hat er nicht verstanden. Er war entschlossen, eine ganz neue Agenda zu verabschieden - um das wichtigste Anliegen hat er sich nicht gekümmert. Die Gesundheitsreform wird ein Haushaltsdesaster für das Land. Der Großteil der Amerikaner wollte die steigenden Kosten angehen, nicht mehr Versicherungsschutz bieten. Das wird die Kosten dramatisch erhöhen. (...) Obamas Fähigkeit, mit Wählern zu kommunizieren, hat ihn erst groß gemacht. Am meisten hat mich überrascht, dass er diese Fähigkeit verloren hat. Er tritt viel zu oft auf - und jetzt hören ihm die Leute nicht mehr zu."

"New York Observer" "Es ist nicht die Zeit für Totsagungen. (...) Zu viele Amerikaner glauben, dass er wenig erreicht hat und ihr Vertrauen verloren hat. Sie täuschen sich aber - genauso, wie sich diejenigen getäuscht haben, die Bill Clintons Präsidentschaft zur Hälfte seiner ersten Amtszeit schon abschrieben. Mit Blick auf seine Gesetzgebungsarbeit ist Barack Obama ein sehr effektiver Präsident. Das betont unparteiische Fachblatt 'Congressional Quarterly' beurteilt ihn als den effektivsten Präsidenten der vergangenen fünf Jahrzehnte."

Großbritannien - "Knöpf Dir die bösen Jungs vor, Barack!"

Frankreich - " Lassen wir ihm noch ein wenig Zeit"

Russland - "Moskau ist enttäuscht"

Arabische Presse - "Er hat den Muslimen die Hand gereicht"

Spanien - "Der Politiker verblasst hinter seinem Mythos"

Italien - "Das Image ist wiederhergestellt, nun ist Entschlossenheit nötig"

Schweiz - "Ton und Mimik haben sich verändert"

Dänemark - "Unterwegs haben ihn die Realitäten eingeholt"

Ungarn - "Es geht um die Macht des Symbolischen"





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