ThemaEuropäische UnionRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
10.02.2010
 

Krise im transatlantischen Verhältnis

Warum Obama Europa links liegen lässt

Von Katharina Peters, Hans-Jürgen Schlamp und Gregor Peter Schmitz

Zwischen Europa und den USA kriselt es. Mit der ausgeschlagenen Einladung zum EU-US-Gipfel hat Präsident Obama gezeigt: Der alte Kontinent rangiert am Ende seiner Prioritätenliste - und die Europäer sind selbst schuld daran.


Der US-Präsident reist gern, und dabei gibt es eine klare Regel: Je weiter er ins amerikanische Inland vordringt, desto besser. Er tritt auf in Nashua, New Hampshire, oder Tampa, Florida. Immer geht es um ein Thema: Wie kann Barack Obama bald wieder mehr Jobs schaffen?

Zeit für Abstecher ins Ausland bleibt ihm wenig - schon gar nicht nach Europa. Seinen Besuch beim EU-US-Gipfel in Madrid, für Mai geplant, sagte das Weiße Haus ab. Der präsidiale Terminkalender sei "voll", erklärte Obamas Europabeauftragter Phil Gordon.

Deutlicher geht es kaum. Für eine Reise nach Australien und Indonesien im März findet der Präsident nämlich durchaus Zeit. Die so Obama-freundlichen Europäer, stichelt das "Wall Street Journal", müssten eigentlich dem Vorgänger Bush nachtrauern. Denn der habe wenigstens alle Europa-Gipfel besucht. Und die "Washington Post" schreibt: "Anders als die meisten seiner Vorgänger hat Obama keine engen Bande mit irgendeinem europäischen Führer geknüpft".

Kein Gesprächsbedarf seitens Obama

Auch die Europäische Union rangiert unter Obamas Regierung weit unten auf der Prioritätenliste - ungeachtet von sechs Kurzbesuchen in Obamas erstem Amtsjahr. Die Europäer reagieren entsprechend verschnupft: Spaniens Premier José Luis Zapatero ließ einen Vertrauten trotzig erklären, die US-Regierung solle sich bewusst sein, dass "Europa eine Wirtschaftsmacht und ein wichtiger politischer Akteur ist".

Obamas Absage des Gipfels in Madrid kann kaum überraschen. Erstens gibt es für ihn in Europa keine aktuellen Krisen. Vor allem aber muss sich der US-Präsident angesichts mauer Umfragewerte daheim auf Resultate konzentrieren. Fototermine ohne konkrete Beschlüsse kann er derzeit nicht gebrauchen.

Genau diese Resultate waren vom EU-US-Gipfel nicht zu erwarten. "Die Europäer müssen sich nicht wundern. Sie haben diese Gipfel zu Showveranstaltungen werden lassen, statt mit den Amerikanern Initiativen zu Themen wie der Energiepolitik anzustoßen, bei denen die USA an Kooperation interessiert sind", sagt Annette Heuser, Leiterin des Washingtoner Büros der Bertelsmann Stiftung.

Wer schüttelt Obama als Erster die Hand? Wer sitzt neben ihm?

Die Europäer sind viel zu beschäftigt mit protokollarischem Gerangel. Worüber Amerikaner und Europäer reden wollen, ist in EU-Kreisen meist zweitrangig. Wichtiger ist: Wer schüttelt Obama als Erster die Hand? Wer sitzt beim Essen neben ihm? Fragen, die Heerscharen von Brüsseler Protokollbürokraten über Wochen beschäftigen.

So wollte beim Madrid-Gipfel der unscheinbare Belgier Herman Van Rompuy, seit Dezember Präsident des Europäischen Rates, unbedingt als Erster Obama begrüßen.

Die Mitarbeiter des spanischen Gastgebers Zapatero hielten dagegen. Der Ministerpräsident sei schließlich ebenfalls gerade "Präsident des Europäischen Rates" geworden. Derzeit hält die EU noch an der Sitte fest, jedes halbe Jahr ein Mitgliedsland mit der "Präsidentschaft" zu beauftragen. Der spanischen Regierung kam das sehr entgegen. Zapatero habe sich als "Mittelpunkt des Universums" inszenieren wollen, ätzt Oppositionspolitiker Gustavo de Arístegui.

Ein Kompromiss sollte so aussehen: Zapatero darf also als erster "Hi" sagen, Van Rompuy dafür beim Abendessen rechts neben Obama sitzen. Bald mischte sich eine weitere Euro-Gruppe in den Streit ein. Der Stuhl von Van Rompuy stehe dem Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso zu. Der rangiere in der offiziellen Wichtigkeitsskala auf Platz drei.

Ratlosigkeit in Washington

Die Rolle von Europas neuer "Hohen Vertreterin für Außen- und Sicherheitspolitik", der Britin Catherine Ashton, war da noch gar nicht geklärt.

Das Gerangel bestätigt den verheerenden Eindruck, den die Amerikaner von Europas Außenpolitik haben - geprägt auch von leidvollen Erfahrungen Obamas bei seinen vorherigen Besuchen.

Etwa Anfang April 2009, als er binnen vier Tagen eine im Kern gleiche Runde bei Gipfeltreffen in London, Baden-Baden, Kehl und Straßburg traf. Darauf folgte der "EU-US-Gipfel" in Prag - organisiert von einer tschechischen Regierung, die gerade erst ihre Mehrheit im Parlament verloren und nichts mehr zu sagen hatte. 27 Regierungschefs hätten dem US-Präsidenten "mit dem immer gleichen Zeug die Ohren vollgeschwafelt", stöhnten Obamas Helfer damals.

Regieren via Gipfeltreffen ist derzeit Mode in Europa. Mehr als zehnmal trafen sich die Anführer der EU-Länder in den vergangenen 18 Monaten. Meist war es ein Plausch ohne Ergebnis, organisiert von den Protokollapparaten der jeweiligen Gastgeber.

Aus Washington blickt man ratlos auf den Hordentrieb der Politkaste jenseits des Atlantiks. Mit dem Lissabon-Vertrag sollte das besser werden, doch das Gegenteil ist der Fall. Der mongolische Präsident Tsakhiagiin Elbegdorj, vor kurzem zu Gast in Brüssel, stöhnte laut "Le Figaro", gerade sei er "vom Europäischen Ratspräsidenten empfangen worden, gestern vom Parlamentspräsidenten und jetzt gleich treffe ich den Präsidenten des Europäischen Rates. Uh."

EU sucht neuen Gipfel-Termin

Europa versucht seine schwindende Rolle auf dem globalen Parkett mit Etikette auszugleichen. Niemand will wahrhaben, was jeder sieht: Europas Stimme beeindruckt derzeit niemanden, künftige Großmächte wie Indien und Brasilien ebenso wenig wie Staatenlenker in Washington, Moskau oder Peking. Wie sollte sie auch? Die erfolgreiche Wirtschaftsgemeinschaft ist bei den meisten Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik ebenso tief gespalten wie beim Klimaschutz oder der inneren Sicherheit.

Jeder Mitgliedstaat macht seine eigene Außenpolitik. Besonders deutlich zeigt sich dies im Verhältnis zu Amerika. Die Briten wachen über ihre "Special Relationship" mit Washington, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy drängt bei Gruppenbildern an Obamas Seite - und nun wollten die Spanier gar das ganze Treffen mit dem US-Präsidenten zur Selbstdarstellung nutzen.

Derzeit suchen Bürokraten nach einem Ersatztermin für das EU-US-Gipfeltreffen - etwa im Herbst, wenn Obama zu einem Nato-Treffen in Portugal reist. Wichtiger scheint aber, ob der "Weckruf an Europa", von dem viele EU-Beobachter nach Amerikas Affront sprechen, wirklich vernommen wurde.

Erste Reaktionen sind wenig ermutigend: Premier Zapatero reiste gleich nach Obamas Absage nach Washington. Einen offiziellen Termin mit dem Präsidenten hatte der Spanier dort zwar nicht ergattert - noch nicht einmal Vizepräsident Joe Biden hatte Zeit für ihn -, war aber mit Obama wenigstens kurz am Rande des traditionellen "Nationalen Gebetsfrühstücks" zusammengetroffen. "Die Europäer", sagt Transatlantik-Expertin Annette Heuser, "freuen sich derzeit in Washington über Frühstückstermine. Aber wenn es ums wichtige Mittag- oder Abendessen geht, sind sie nicht mehr dabei."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 2125 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
23.02.2010 von Sassy60: Harte Tour

Nachdem man das volle Ausmaß der Schäden, die Schußwaffen an menschlichen Körpern anrichten, gesehen hat, ist es einem sch...egal, ob diese legal oder illegal waren. Man wünscht sich nur, dass sie für immer weggeschlossen [...] mehr...

23.02.2010 von Montanabear: Ein Jahr Obama - die Bilanz

Die werten Foristen, obwohl bestrebt, sich zu bilden, vermeiden die GOP-website wie die Pest. Angst vor Aufklärung ? mehr...

23.02.2010 von Montanabear: Ein Jahr Obama - die Bilanz

Das ist nicht so. Ich hatte Ihnen einen link zu der Website der Black Republicans gegeben. Ihr Fehler ist daraus entstanden, daß Sie meinen, die Demokraten sind lieb und die Schwarzen sind lieb, also sind alle Schwarzen [...] mehr...

22.02.2010 von masshole:

Schon mal nach Osten geschaut? Fragen Sie doch mal die Europaer im Osten, so in Estland oder so... Die haben da klare Meinungen zu. mehr...

22.02.2010 von masshole:

Free speech und das Recht Waffen zu besitzen und tragen haben exakt gleichen Verfassungsrang. Das mag schwierig sein zu verstehen, aber so isses nun einmal. ---Zitat--- Ist Deutschland ne Diktatur? ---Zitatende--- Noch [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Europäische Union

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Obamas erstes Jahr - Das sagen die Kommentatoren

USA - "Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf"

"Washington Post" "Der Erfolg der Konservativen sollte Liberale und die Obama-Regierung beunruhigen. Der Präsident hätte die wirtschaftliche Katastrophe viel früher zur Chefsache erklären müssen. Die meisten Amerikaner verstehen, dass diese Probleme begonnen haben, bevor er ins Weiße Haus eingezogen ist. Aber viele von ihnen, vor allem Wechselwähler, sind wütend, dass die Regierung so viel Geld ausgeben musste - und dass die Erfolge nicht so schnell eintreten wie erhofft."

"The Daily Beast" "Obama hat den Charakter des Landes völlig falsch eingeschätzt. Es gibt das Sprichwort: Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf. Das hat er nicht verstanden. Er war entschlossen, eine ganz neue Agenda zu verabschieden - um das wichtigste Anliegen hat er sich nicht gekümmert. Die Gesundheitsreform wird ein Haushaltsdesaster für das Land. Der Großteil der Amerikaner wollte die steigenden Kosten angehen, nicht mehr Versicherungsschutz bieten. Das wird die Kosten dramatisch erhöhen. (...) Obamas Fähigkeit, mit Wählern zu kommunizieren, hat ihn erst groß gemacht. Am meisten hat mich überrascht, dass er diese Fähigkeit verloren hat. Er tritt viel zu oft auf - und jetzt hören ihm die Leute nicht mehr zu."

"New York Observer" "Es ist nicht die Zeit für Totsagungen. (...) Zu viele Amerikaner glauben, dass er wenig erreicht hat und ihr Vertrauen verloren hat. Sie täuschen sich aber - genauso, wie sich diejenigen getäuscht haben, die Bill Clintons Präsidentschaft zur Hälfte seiner ersten Amtszeit schon abschrieben. Mit Blick auf seine Gesetzgebungsarbeit ist Barack Obama ein sehr effektiver Präsident. Das betont unparteiische Fachblatt 'Congressional Quarterly' beurteilt ihn als den effektivsten Präsidenten der vergangenen fünf Jahrzehnte."

Großbritannien - "Knöpf Dir die bösen Jungs vor, Barack!"

Frankreich - " Lassen wir ihm noch ein wenig Zeit"

Russland - "Moskau ist enttäuscht"

Arabische Presse - "Er hat den Muslimen die Hand gereicht"

Spanien - "Der Politiker verblasst hinter seinem Mythos"

Italien - "Das Image ist wiederhergestellt, nun ist Entschlossenheit nötig"

Schweiz - "Ton und Mimik haben sich verändert"

Dänemark - "Unterwegs haben ihn die Realitäten eingeholt"

Ungarn - "Es geht um die Macht des Symbolischen"





TOP



TOP