Aus Kiew berichtet Benjamin Bidder
Blau beherrscht auch Tage nach der Präsidentschaftswahl in der Ukraine die Hauptstadt Kiew. Nicht orange, die Farbe der Revolution von 2004, auch nicht die roten Herzen auf weißem Grund, mit denen Julija Timoschenko im Wahlkampf warb. Noch am Sonntag hat sie Widerstand gegen das Wahlergebnis angekündigt: Proteste und Prozesse vor Gericht. Doch seither schweigt sie.
Einige tausend Anhänger von Wiktor Janukowitsch harren seit Montagmorgen vor dem grauen Gebäude der Wahlkommission aus. Mit ihrer Präsenz sollen die Anhänger der Partei der Regionen zeigen, dass sie bereit sind, den Wahlsieg zu verteidigen. Es sind vor allem sportliche junge Männer und alte Damen. Viele sind in Gruppen aus dem Osten des Landes nach Kiew gekommen, wo Janukowitsch stark ist und russisch gesprochen wird.
Vorne versucht sich jemand auf der Bühne als Einpeitscher. Weiter hinten vertritt sich die Rentnerin Natalia Morosowa die Beine und versucht sich aufzuwärmen. "Ich bin hierhergekommen, um das demokratische Wahlergebnis zu verteidigen", sagt die 65-jährige Kiewerin. Der neue Präsident müsse die Wirtschaft ankurbeln, sagt die Rentnerin, und sich mehr um die Pensionäre im Land kümmern. "Aber im Vertrauen: Ich hätte mich schon gefreut, wenn eine Frau Präsident geworden wäre", fügt sie hinzu. "Wären wir nicht in der Krise, dann hätte Julija Timoschenko gewonnen."
Niederlage trotz glänzender Kampagne
So reden viele derzeit in Kiew, wo Timoschenko am Sonntag fast 70 Prozent der Stimmen bekommen hat. Man würde sie gern als Präsidentin sehen. "Hätte Timoschenko rechtzeitig ihren Posten als Premierministerin verlassen und hätte Wahlkampf aus der Opposition betrieben, sie hätte gesiegt", heißt es in ihrem Wahlkampfstab. "Die Kampagne von Timoschenko war glänzend", lobt Politologe Leonid Gorjainow. "Wenn sie noch zwei bis drei Minuten russisch gesprochen hätte, dann hätte sie gewonnen."
Wenn, wäre, hätte. Julija Timoschenko präsidiert derzeit sozusagen im Konjunktiv. Aber sie hat die Wahlen nicht gewonnen. Sie hat eine exzellente Wahlkampagne geführt, sie hat all jene Lügen gestraft, die sie weit abgeschlagen hinter ihrem Konkurrenten wähnten. Aber sie hat verloren. Nachdem mehr als 99 Prozent aller Stimmzettel ausgezählt sind, liegt ihr Rivale Wiktor Janukowitsch mit mehr als drei Prozent in Führung. Das ist uneinholbar.
Seit Sonntag hat man Timoschenko nicht mehr gesehen, da beeindruckte sie durch Selbstbewusstsein und Siegesgewissheit. "Wir werden um jede Stimme kämpfen", versprach sie da und berichtete gleichzeitig von massenhaften Wahlfälschungen.
Zwischen "700.000 und anderthalb Millionen Stimmen" habe Janukowitsch gefälscht, behauptete auch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende des "Blocks Julija Timoschenko". Dabei hat Assen Agow, einer der internationalen Wahlbeobachter in der Ukraine, den Urnengang gerade erst als "Muster für demokratische Wahlen in der ganzen Region" gelobt.
Der erste demokratische Machtwechsel
Tatsächlich vollendet erst der Triumph des Wahlfälschers von 2004, Janukowitsch, in gewissem Sinne die "Revolution in Orange". In Russland regeln Präsidenten wie Boris Jelzin oder Wladimir Putin beizeiten ihre Nachfolge. In Georgien unterdrückt Präsident Michail Saakaschwili, einst selbst durch eine Demokratiebewegung ins Amt getragen, die Opposition mit Polizeigewalt. Die Ukraine dagegen erlebt jetzt zum ersten Mal einen Machtwechsel auf demokratischem Weg.
Auch die außenpolitische Ausrichtung der Ukraine wird sich damit wenden. Unmittelbar nach der Wahl hat Janukowitsch Moskau angeboten, den Gastransit durch die Ukraine zu erhöhen - und so teure Projekte wie die Ostseepipeline nach Deutschland überflüssig zu machen. Auch in der Frage der auf der Krim stationierten russischen Schwarzmeerflotte signalisieren Spitzenvertreter von Janukowitschs "Partei der Regionen", wie Anna German, man werde sich problemlos mit den Russen einigen.
Aber auch unter einer Staatschefin Timoschenko hätten sich die Beziehungen zu Russland deutlich verbessert. Die geografische Lage der Ukraine, schrieb Timoschenko vor kurzem im Magazin "Newsweek", sei "eine Form von Schicksal". Es gebe keine Alternative zu guten Beziehungen zum großen Nachbarn, heißt das. Zu Russlands Premier Putin pflegt sie neuerdings ein gutes Verhältnis.
Auch Janukowitschs Parteigänger schwärmen von Europa
Doch auch Janukowitsch hat sich gewandelt. Einst galt er stramm als Moskaus Mann in der Ukraine, heute schwärmen Vertreter seiner "Partei der Regionen" von der "Europäischen Union als Wertegemeinschaft" und versprechen eine Annäherung an die EU - wenn auch nicht um jeden Preis.
Einen Nato-Beitritt dagegen wird es unter Janukowitsch nicht geben, aber auch Timoschenko hat Vorbehalte gegen eine Mitgliedschaft in der Allianz.
Timoschenko, die gern von einer "europäischen und demokratischen Ukraine schwärmt", will die verlorene Wahl jetzt vor Gericht anfechten. "Diese Wahl", soll sie am Montag vor Anhängern gesagt habe, "werde ich nie akzeptieren". Ansonsten schweigt sie. Dem Wahlsieger hat sie nicht gratuliert.
Beobachter in Kiew warnen sowohl Timoschenko als auch Janukowitsch davor, weiter die Konfrontation zu suchen. "Die Ukraine ist jetzt stark polarisiert", sagt der Politberater Michail Pogrebinskij. "Beide Seiten müssen Gespräche aufnehmen. Politik ist sonst unmöglich mit dem halben Land in der Opposition."
Doch das ist erst möglich, wenn Timoschenko das Wahlergebnis akzeptiert.
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Ach ja, die heilige Julia... Es ist natürlich nur der russischen Bosartigkeit zuzuschreiben, dass FSB ein Paar unangeneme Fragen an die arme Frau hat. Dass FBI aber auch mit ihr über die Geldwäsche sprechen will, und sogar [...] mehr...
Ach ja, die heilige Julia... Es ist natürlich nur der russischen Bosartigkeit zuzuschreiben, dass FSB ein Paar unangeneme Fragen an die arme Frau hat. Dass FBI aber auch mit ihr über die Geldwäsche sprechen will, und sogar [...] mehr...
Ich lebe nicht in der Ukraine aber niemand käme auf die Idee hier in D eine Wahl anzufechten wenn sie entschieden ist. "Knapp die Hälfte" ist eben nicht die Hälfte. Das Wahlergebnis steht. Oder werden vielleicht in D [...] mehr...
Na klaar, und Timoschenkos-Anhänger könnten das Gleiche nicht tun? Die sind zu moralistisch dazu ;-) ja, und wieder arbeiten alle für den Janukowitsch... und die ganze Welt hat sich gegen die arme Julia verschwören :-)) [...] mehr...
Da wären Links nicht verkehrt...und es kommt die Frage auf, da ja immer berichtet wird das Janukowitsch im Osten und Timoschenko dagegenim Westen gepunktet hat, hatte Timoschenko solches nicht auch solche fragwürdigen [...] mehr...
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