ThemaAjatollah Ali ChameneiRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
14.02.2010
 

Irans Anführer Chamenei

Ajatollah aus Beton

Von Ulrike Putz, Beirut

Ajatollah Ali Chamenei (2009): Wohin steuert er sein Land?Zur Großansicht
dpa

Ajatollah Ali Chamenei (2009): Wohin steuert er sein Land?

Revolutionsführer Chamenei ist Irans mächtigster Mann: Er hat die Aufsicht über das Atomprogramm, er entscheidet über den Ausgang des Machtkampfs mit der Opposition - er ist es, der durch Zugeständnisse die Lage entspannen könnte. Doch der Ajatollah bleibt hart. Und riskiert die Zukunft seines Regimes.


Es gibt wenige Männer auf der Welt, die so viel Macht auf sich vereinen wie Ajatollah Ali Chamenei. Er ist Oberbefehlshaber der iranischen Streitkräfte und Revolutionsgarden. Er hat die Kompetenz über die Außenpolitik und das Atomprogramm. Er bestätigt den Präsidenten. Er ernennt die Leiter der Justiz, des Fernsehens sowie der beiden größten Verlagshäuser. Außerdem ist der 70-Jährige von Amts wegen einer der wichtigen geistlichen Führer Irans.

Das Amt des Obersten Revolutionsführers wurde 1979 für Großajatollah Ruhollah Chomeini geschaffen. Nach seinem Tod 1989 wurde Chamenei als Nachfolger im wichtigsten Amt der Islamischen Republik bestimmt. Angesichts dieser Machtfülle steht Chamenei im Zentrum der beiden wichtigsten Konflikte, die das iranische Regime in diesen Monaten ausficht: den internen mit der Opposition sowie den Atomstreit mit der internationalen Staatengemeinschaft.

Der bedeutsamere Konflikt ist auf lange Sicht der Machtkampf zwischen den Reformern um den unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Hossein Mussawi und den Hardlinern in Teheran. Sollten sich die Regimekritiker durchsetzen, würde das vermutlich auch ein Einlenken in der iranischen Atompolitik nach sich ziehen und dem Land neue Sanktionen ersparen.

"Sie sind entweder anti-revolutionär oder dumme Individuen"

In den vergangenen Wochen haben mehr und mehr konservative Politiker Chamenei gedrängt, einen Kompromiss mit der Opposition zu suchen und so den Stellungskrieg Regime gegen Reformer zu beenden. Die moderaten Konservativen fordern die Freilassung politischer Häftlinge, eine Kommission zur Untersuchung der Wahlfälschungsvorwürfe, die Abschaffung des staatlichen Monopols auf Radio- und Fernsehfrequenzen. Teherans Bürgermeister Muhammad Baker Kailbaf und der regimetreue Ajatollah Nasser Makarem Schirazi sind unter jenen, die fürchten, dass die anhaltenden Proteste die Legitimität der Regierung Ahmadinedschads weiter untergraben. Das würde auch Irans Position im Atomstreit mit dem Westen schwächen.

Chamenei hält bisher trotz der Mahnungen seiner Verbündeten an seiner betonharten Linie fest. Wenige Tage vor den Feierlichkeiten zum Jahrestag der Revolution am Donnerstag verschärfte er den Ton gegenüber den Anführern der Reformbewegung sogar. "Sie sind entweder anti-revolutionär oder dumme, dickköpfige Individuen, die nichts mit dem Volk zu tun haben", sagte der Ajatollah.

Dass Chamenei nicht in der Lage scheint, auf die Opposition zuzugehen, begründen Experten mit dessen tiefem Misstrauen gegenüber deren Anführern. "Auch dank der Einflüsterungen Ahmadinedschads ist er zu der Überzeugung gekommen, dass Parlamentssprecher Ali Laridschani und der ehemalige Präsident Akbar Haschemi Rafsandschani (...) den Präsidenten schwächen wollen und nach Möglichkeiten suchen, seine Position einzunehmen", schreibt Mehdi Khalaschi, Iran-Experte am Washington Institute. Chamenei habe außerdem die Kritik regimetreuer Kleriker an Ahmadinedschads Politik als schwindenden Rückhalt für ihn als obersten Revolutionsführer interpretiert.

"Das Regime wird nur überleben, wenn es sich wandelt"

Beobachter erwarten, dass Chamenei mit seinem Zögern das Überleben des Regimes gefährdet. "Es ist angeschlagen, es wird nur überleben, wenn es sich wandelt", sagt Faleh Abdul-Jabbar vom Zentrum für strategische Irak-Studien in Beirut, das sich auch mit Iran befasst. Chamenei müsse begreifen und eingestehen, dass er mit Ahmadinedschad aufs falsche Pferd gesetzt habe. "Er ist ein Bauernopfer, dass Chamenei bringen muss", sagt Abdul-Jabbar.

Um den tiefen Graben zwischen den Lagern in Iran zu schließen, ist aus Sicht des Experten vieles nötig: die Anerkennung der Opposition als legitime Bewegung. Deren Teilnahme an regionalen und später nationalen Wahlen. Und eine Verfassungsreform, die auch die Frage klärt, wie der oberste Revolutionsführer zu bestimmen ist. "Chomenei wurde vom Volk zum Führer gewählt, Chamenei von einem kleinen, handverlesenen Gremium. Wenn der künftige Revolutionsführer Autorität genießen will, muss er ein Mann des Volkes sein", sagt Abdul-Jabbar.

Dass viele Iraner das ähnlich sehen, zeigte sich am Donnerstag. Bei den Protesten am Feiertag der Revolution hatten die Reformanhänger einen neuen Schlachtruf auf den Lippen. "Referendum, Referendum", riefen sie - und forderten damit die Einsetzung eines neuen, flexibleren Revolutionsführers.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 19 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.02.2010 von paparatzi: ..

Ist völlig klar, dass terrorfreetomorrow.org, Unversity Maryland, WorldOpinion.org und sonstige Umfrageintitute, vor der Wahl völlig frei und repräsentativ iranische Bürger mittels Telefon über xtausend Meilen völlig ungehindert [...] mehr...

15.02.2010 von zyx987: Beweise?

Es ist wirklich eine bodenlose Unverfrorenheit, wenn ein Mitarbeiter eines Regimes, das bisher keine einzige Demonstration gegen die Wahlergebnisse erlaubt hat, Tausende Menschen verhaftet, eingesperrt, vergewaltigt, erschossen, [...] mehr...

14.02.2010 von angel121: Nur die halbe Wahrheit

Liest man den Beitrag auf worldopinion selber sieht man, dass die Autoren der Umfrage die Ergebnisse der hier zitierten Befragung anzweifeln. Zitat von worldopinion: Among the 87 percent of respondents who say they voted [...] mehr...

14.02.2010 von hessebub: das System ist entscheidet.

es ist genauso wie in anderen Länder auch. Hinter Obama steckt auch ein Machapparat oder glaubet Ihr wirklich dass Präsidenten alle Ihre Entscheidungen selber treffen ? den Amtsantritt von Ahmadinejad hat mann den Herren Bush [...] mehr...

14.02.2010 von MoonofA: Zur Wahl in Iran und den Umfragen

Einige Links für Interessierte: Umfrage in Iran drei Wochen vor der Wahl Wahl durch terrorfreetomorrow.org und der New America Foundation: Ahmedinejad: 34% Moussavi: 14% Unentschieden: 27% Verteilt man die [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Ajatollah Ali Chamenei

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Chronik

Aufstieg von Mohammed Resa

AFP
Im Zweiten Weltkrieg gilt der monarchische Staat Iran als Freund der Achsenmächte. Britische und sowjetische Truppen besetzen daher 1941 das Land. Resa Schah muss abdanken. Die Alliierten inthronisieren seinen Sohn Mohammed Resa . Wegen seiner proamerikanischen Reformpolitik gerät der Schah erstmals 1963 in die Kritik von Ajatollah Ruhollah Chomeini, einem damals hochrangigen religiösen Führer, den die Regierung ein Jahr später in die Türkei abschiebt. Chomeini geht schließlich in den Irak. Dort bleibt er 13 Jahre und entwickelt er das Staatsmodell des islamischen Staates. Mit seiner repressiven Politik und seinem dekadenten Herrschaftsstil bringt der Schah eine wachsende Opposition aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Schichten gegen sich auf.

Ajatollah Chomeini und die islamische Revolution

Phase der Islamisierung

Vom Reformer Chatami zum Hardliner Ahmadinedschad


Republik Iran

Land

REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.

Politik

Leute

Wirtschaft

Menschenrechte





TOP



TOP