Die Nato-Kommandeure seien "sehr zufrieden" mit dem Beginn der Operation "Muschtarak" ("Gemeinsam"), sagte eine Sprecherin des britischen Militärs. Die Hauptbevölkerungszentren und Infrastrukturen wie Polizeiwachen seien gesichert. Zwar behauptete Taliban-Sprecher Yusuf Ahmadi, die Radikalen hätten die US-Truppen auf einem Platz in Mardscha angegriffen und dabei sechs Amerikaner getötet. Allerdings dürfte kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die 15.000 Soldaten aus den USA, Afghanistan, Großbritannien, Dänemark, Estland und Kanada die Stadt zügig unter ihre Kontrolle bringen werden.
Doch es ist die Planung für die Zeit nach dem Angriff, die den großen Unterschied zu bisherigen Offensiven der Alliierten ausmachen soll. Denn die liefen meist nach dem gleichen Muster ab: Starke Kräfte rücken vor, die Taliban aber gehen dem offenen Schlagabtausch aus dem Weg, verstecken sich in den Bergen oder tauchen in der Zivilbevölkerung unter. Kaum sind die westlichen Soldaten verschwunden, kommen die Radikalen zurück - und die Zivilbevölkerung hat nicht selten noch mehr zu leiden als vorher.
Neue Stadtregierung steht schon bereit
Mardscha soll nun einen Wendepunkt markieren. Die Stadt in der Provinz Helmand, mitten im Herzland der Taliban, soll den Radikalen dauerhaft entrissen werden. Wie die "New York Times" berichtet, steht ein großes Team afghanischer Beamter bereit, um sofort nach dem Ende der Kämpfe eine Stadtregierung zu bilden. 1900 Polizisten sollen sie schützen, unterstützt von US-Soldaten. "Wir haben eine komplette Regierung dabei, die sofort einrücken kann", sagte US-General Stanley McChrystal, Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Afghanistan.
Schon die aktuelle Großoffensive läuft nach einem neuen Muster ab. Anders als bei früheren Militäroperationen bestehen die Streitkräfte diesmal zu mehr als der Hälfte aus Afghanen. Auch ist das Hauptziel nicht mehr die Jagd auf die Aufständischen. In dieser Hinsicht haben die USA aus der Schlacht von Falludscha gelernt: Nachdem Rebellen die irakische Stadt unter ihre Kontrolle gebracht hatten, griff die US-Armee im April 2004 und erneut im November 2004 mit brutaler Härte an. Dabei kamen auch Uran-Munition und der als Brandwaffe geächtete Weiße Phosphor zum Einsatz. Am Ende waren zahlreiche feindliche Kämpfer tot, aber auch Hunderte Zivilisten. Falludscha lag in Trümmern, die fremden Truppen waren nachhaltig diskreditiert.
"Wir wollen kein neues Falludscha", sagte jetzt General McChrystal. Mardscha soll zum Modell für seine neue Strategie werden: die Bevölkerung gewinnen statt nur Aufständische töten. "Die Bevölkerung ist nicht der Feind", sagte Larry Nicholson, Kommandeur der US-Marines in Südafghanistan, der "New York Times". "Sie ist unser Preis - und der Grund, warum wir einrücken."
Wie werden die Taliban reagieren?
Ob die Zivilbevölkerung allerdings umfassend geschützt werden kann, ist offen. Denn dass die Taliban einer offenen Schlacht mit den Alliierten ausweichen, wäre nicht überraschend - und auch nicht, dass sie wenig später versuchen, die Alliierten mit selbstgebastelten Bomben und Angriffen aus dem Hinterhalt zu zermürben. Schon jetzt glaubt man bei der Nato, dass es mehrere Wochen dauern dürfte, ehe die bis zu tausend in der Gegend vermuteten Taliban besiegt sind.
Dennoch zeigen sich auch afghanische Regierungsvertreter optimistisch. "Diesmal machen wir alles richtig", sagte Verteidigungsminister Abdul Rahim Wardak. Nach der Offensive sollen Schulen, Krankenhäuser und ein Rechtssystem in Mardscha aufgebaut werden. Die Bauern sollen dabei unterstützt werden, den Anbau von Opium auf Feldfrüchte umzustellen.
Mardscha, eines der größten Opium-Anbaugebiete der Welt, kann allerdings nur ein erster Schritt sein. Denn derzeit sind die Taliban so stark wie noch nie seit dem Einmarsch der Amerikaner im Jahr 2001. Außerhalb der Hauptstadt Kabul hat die Regierung von Präsident Hamid Karzai kaum Einfluss, während die Taliban in jeder anderen Provinz ihre eigenen Regenten eingesetzt haben. Die afghanische Armee ist trotz jahrelanger Aufbauarbeit noch immer nicht in der Lage, selbständig zu operieren. Und auch der Aufbau ziviler Strukturen ist eine gewaltige Herausforderung. Die Gegend um Mardscha etwa ist eine der am stärksten verminten Afghanistans, und die Behörden des Landes gelten als zutiefst korrupt.
Außerdem besteht die Möglichkeit, dass die Aufständischen nach einer Niederlage in Mardscha einfach in einen anderen Landesteil fliehen, in dem die Präsenz von Nato-Truppen weniger stark ist. Die USA wollen deshalb in den kommenden Monaten eine Reihe weiterer Städte einnehmen, um die Taliban zurückzudrängen. McChrystals Plan: "Wir versuchen, ihnen jede Hoffnung auf einen Sieg zu nehmen."
mbe/AFP/AP/dpa
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