ISAF-General Stanley McChrystal habe sich dafür beim afghanischen Präsidenten Hamid Karzai entschuldigt. "Es ist bedauerlich, dass im Laufe unserer gemeinsamen Anstrengungen Unschuldige ihr Leben verloren", sagte der US-General. Man werde alles unternehmen, dass solche Vorfälle nicht mehr vorkämen.
Die Großoffensive der Alliierten hatte am Samstag begonnen. 15.000 afghanische und ausländische Soldaten gehen gemeinsam gegen die Taliban vor. Mit dem bislang größten Angriff gegen die Taliban sollen Aufständische aus Mardscha und Nad Ali vertrieben werden. Unter den 80.000 Einwohnern Mardschas werden rund 1000 Taliban vermutet.
Karzai hatte die Soldaten zu Beginn der Operation "Muschtarak" ("Gemeinsam") am Samstag dazu aufgerufen, vorsichtig vorzugehen und keine Zivilisten zu gefährden. Auch die Vereinten Nationen hatten an die Konfliktparteien appelliert, Unbeteiligte zu schützen.
Offensive wird mehrere Wochen dauern
Die Taliban leisteten den weit überlegenen Angreifern offenbar kaum Widerstand. US-Marineinfanteristen und afghanische Soldaten gingen am Sonntag in Mardschah von Haus zu Haus und räumten Sprengfallen. Vereinzelt kam es wie erwartet zu Schusswechseln mit militanten Islamisten, die sich weiter in der Stadt verschanzt haben. Die Soldaten stellten in Mardschah mehrere Sprengstofflager sicher und stießen auf Stellungen von Heckenschützen, die offenbar erst vor kurzer Zeit geräumt wurden. "Das wird ein sehr langsamer und sorgsamer Prozess", sagte US-Hauptmann Joshua Winfrey zum Vorgehen der Truppen in der Stadt.
"Die Operation verläuft erfolgreich", sagte der Sprecher der Provinzregierung, Daoud Ahmadi, am Sonntag. Der britische Militärsprecher Gordon Messenger sagte in London, erste Hauptziele wie die Sicherung von Brücken und Straßen seien erreicht. Es habe nur "minimale Störungen" durch die Taliban gegeben. Die Aufständischen seien unfähig zu einer koordinierten Gegenwehr. Es sei nur zu "sporadischen Gefechten" gekommen.
Taliban-Sprecher Kari Jussif Ahmadi sagte dagegen, die Aufständischen hätten ihre Stellungen nicht aufgegeben. Den afghanischen und ausländischen Truppen sei es nicht gelungen, in die Distrikt-Hauptstadt Mardscha einzudringen. Brigadegeneral Lawrence Nicholson sprach laut "Washington Post" von "einigen ziemlich harten Kämpfen".
Die neue Offensive gegen die Taliban wird nach Einschätzung von US-Generalstabschef Mike Mullen mehrere Wochen dauern. Ein Ende des Vorgehens der internationalen und afghanischen Truppen gegen die Aufständischen im Süden des Landes sei schwer absehbar, sagte Mullen am Sonntag in Tel Aviv.
27 Taliban-Kämpfer und zwei ISAF-Kämpfer getötet
Die Offensive kostete bereits Dutzenden Menschen das Leben. Ahmadi sagte am Sonntag, seit Beginn der Operation "Muschtarak" ("Gemeinsam") am Vortag seien mindestens 27 Taliban-Kämpfer getötet worden. Am ersten Tag der Großoffensive waren zwei ISAF-Kämpfer gestorben.
Ein britischer Soldat wurde getötet, als er bei einer Patrouille in eine Sprengfalle geriet. Ein US-Marineinfanterist starb in einem Feuergefecht. Die afghanische Armee, die den Großteil der Truppen stellt, meldete zunächst keine Verluste. Die größten Kontingente der ausländischen Truppen bei der Operation stellen Amerikaner und Briten. Außerdem nehmen Soldaten aus Kanada, Dänemark, Estland und Frankreich teil. Offiziell führen die Afghanen das Kommando.
Die Vereinten Nationen teilten am Sonntag mit, die Zahl der Menschen, die vor der Offensive fliehen würden, steige an. Bislang seien bei den Behörden in Helmands Provinzhauptstadt Laschkarga nach Schätzungen 900 Flüchtlingsfamilien registriert. Die Uno forderte, alle Maßnahmen zu ergreifen, um Zivilisten zu schützen. Zudem seien die Konfliktparteien dazu aufgerufen, die Neutralität der Hilfsorganisationen zu respektieren und Helfern den Zugang zu der betroffen Bevölkerung zu gewähren.
Aufbau ziviler Machtstruktur geplant
Mardscha soll einen Wendepunkt in der Kriegsstrategie des US-Militärs markieren. Die Stadt in der Provinz Helmand, mitten im Herzland der Taliban, soll den Radikalen dauerhaft entrissen werden. Diesmal sollen sich die Soldaten nach der Befreiung nicht zurückziehen - sondern eine zivile Machtstruktur zementieren. Nach der Offensive sollen Schulen, Krankenhäuser und ein Rechtssystem in Mardscha aufgebaut werden. Die Bauern sollen dabei unterstützt werden, den Anbau von Opium auf Feldfrüchte umzustellen. Mardscha ist eines der größten Opium-Anbaugebiete der Welt.
Wie die "New York Times" berichtet, steht ein großes Team afghanischer Beamter bereit, um sofort nach dem Ende der Kämpfe eine Stadtregierung zu bilden. 1900 Polizisten sollen sie schützen, unterstützt von US-Soldaten. "Wir haben eine komplette Regierung dabei, die sofort einrücken kann", sagte US-General Stanley McChrystal, Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Afghanistan.
Ob die Zivilbevölkerung allerdings umfassend geschützt werden kann, ist offen. Denn dass die Taliban einer offenen Schlacht mit den Alliierten ausweichen, wäre nicht überraschend - und auch nicht, dass sie wenig später versuchen, die Alliierten mit selbstgebastelten Bomben und Angriffen aus dem Hinterhalt zu zermürben. Schon jetzt glaubt man bei der Nato, dass es mehrere Wochen dauern dürfte, ehe die bis zu tausend in der Gegend vermuteten Taliban besiegt sind.
US-Präsident Barack Obama hatte eine Eskalation des seit Ende 2001 andauernden Krieges und die Entsendung von rund 30.000 zusätzlichen US-Truppen in diesem Jahr angekündigt. Andere NATO-Staaten wie Deutschland haben ebenfalls zugesagt, ihre Kontingente zu verstärken. ISAF-Kommandeur Stanley McChrystal wollte Obama am Sonntag über die Offensive unterrichten, hieß es bei CNN. Derzeit sind mehr als 100.000 ausländische Soldaten in Afghanistan stationiert.
ssu/mbe/AFP/AP/dpa
Auf anderen Social Networks posten:
Ich finde, dass die unmittelbare Nachkriegsdemokratie sehr viel besser war wie die heutige. Damals herrschte beispielsweise in Sachen Steuern das Prinzip, dass Steuern genau für die Gebiete verwendet werden, aus denen sie [...] mehr...
Denn die Sowjetunion konnte mühelos den römischen Weg – also die Besetzung des Landes mit Übermacht, der allmähliche Ausbau von Städten und Verwaltung und die Erdrückung jedes Widerstandes (den Weg den die Römer in Gallien, [...] mehr...
Ein Gegenpotential...? Nein, wozu auch? Wir haben genügend Potential, es zu überwinden, also schlicht und einfach zu wachsen und zu reifen. mehr...
Nein, die Droge BILD beherrscht uns dauernd, weil sie allgegenwärtig ist und wir kein wirksames Gegenpotential haben, oder kennen Sie eines? mehr...
ich bin kein amerikaner und einiges an amerika erscheint mir von weitem betrachtet auch recht absonderlich. da sind die monatelangen absurditäten im falle clinton/lewinsky, der inquisitorische eifer dieses herrn star, der [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Afghanistan-Krieg | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH