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15.02.2010
 

Britischer Premierminister

Brown weint im Wahlkampf

Von Carsten Volkery, London

Seine Gegner verhöhnen ihn als Klon aus Stalin und Mr. Bean, seine Umfragewerte sind katastrophal: Gordon Brown ist drauf und dran, die Unterhauswahl zu verlieren. Mit einem rührseligen TV-Interview versuchte er jetzt, sein Image zu korrigieren - und erntete neben Spott auch Anerkennung.


Gordon Brown gilt als Mann der Prinzipien. Der britische Premierminister trat sein Amt 2007 mit dem Vorsatz an, es anders machen zu wollen als sein Vorgänger Tony Blair. Keine Familienfotos, keine Seifenoper in der Downing Street, keine Einblicke ins Privatleben - nur an seiner Politik wollte er gemessen werden.

"Manche Leute fragen, warum ich meine Kinder nicht für die Zeitungen fotografieren lasse", erklärte Gordon Brown auf dem Labour-Parteitag 2008. "Meine Antwort ist einfach: Meine Kinder sind keine Requisiten, sie sind Menschen."

Es wurde daher als Verrat empfunden, dass Brown am Sonntagabend in der Talkshow des Fernsehmoderators Piers Morgan auftrat. Die Sendung ist eine Mischung aus Kerner und Beckmann, gewöhnlich schütten hier Sternchen wie Busenwunder Katie Price ihr Herz aus.

Dort habe Brown nun seine Seele verkauft, schimpfte die konservative "Times".

Eine Stunde lang ließ sich der sonst so zugeknöpfte Regierungschef vor Publikum über intimste Details befragen. "Nenn mich Gordon, bitte", fing Brown betont locker an, als der Moderator ihn mit "Premierminister" ansprach. Das fiel Morgan nicht schwer, ist er doch privat gut mit den Browns befreundet.

Er sei ein "offenes Buch", plauderte Brown. Er lachte viel und wollte offensichtlich das weitverbreitete Vorurteil widerlegen, er sei mürrisch. Bereitwillig gab er Auskunft, wie viel Bier er als Student vertrug (sechs Pints am Abend), wieso er nie Cannabis probiert hat ("Hab's gehasst") und wie er um die Hand seiner Frau Sarah angehalten hat (an einem einsamen Strand in Schottland am ersten Tag des Millenniums). Ja, sie hätten Händchen gehalten, bestätigte Brown die Frage des Moderators. Nein, er habe keinen Ring dabei gehabt, weil es ja sofort in der Presse gestanden hätte, wenn der Finanzminister bei einem Juwelier vorbeigeschaut hätte.

Browns neue Offenheit

Der Höhepunkt der Selbstentblößung kam, als Brown eindringlich über seine Tochter Jennifer auf der Intensivstation sprach. Sie war im Januar 2002 zehn Tage nach der Geburt an einer Gehirnblutung gestorben. Er habe sie im Arm gehalten, als sie gestorben sei, erzählte der Regierungschef, und dabei traten ihm die Tränen in die Augen. Die Kamera schwenkte auf seine Frau, die mit feuchten Augen im Publikum saß.

Die Tränenszene sorgte bereits vor der Ausstrahlung des aufgezeichneten Interviews für Schlagzeilen. Während niemand die Gefühle der Browns anzweifelt, wurde die öffentliche Zurschaustellung von einigen Medien als durchsichtiger politischer Schachzug kritisiert. Besonders in den konservativen Blättern wurde Labours "Charme-Offensive" ("Daily Mail") verurteilt. "Glaubt er, dass die Wähler das Timing nicht durchschauen?", fragte der "Daily Telegraph".

Brown weiß sich in seiner Verzweiflung wohl nicht mehr anders zu helfen. In rund drei Monaten sind Unterhauswahlen, und Labour liegt immer noch deutlich hinter den Konservativen. Der neuesten Umfrage zufolge ist der Abstand wieder zweistellig, nachdem er zuletzt auf sieben Prozent geschrumpft war. Der Fernsehauftritt solle Brown den Wählern sympathischer machen, erklärte Ben Page, Chef der Meinungsforschungsfirma Ipsos Mori.

Browns neue Offenheit lässt sich auch als Antwort auf seinen konservativen Herausforderer David Cameron lesen. Der Tory inszeniert sich seit Jahren in aller Öffentlichkeit als moderner Familienvater: Er lässt sich beim Fahrradfahren und beim Geschirrspülen zu Hause filmen und hat auch keine Hemmungen, seine Kinder mit ins Bild zu holen. Für ungewollte zusätzliche Öffentlichkeit sorgte der Tod seines sechsjährigen schwerbehinderten Sohnes Ivan vor einem Jahr. Der Schicksalsschlag brachte Cameron große Sympathie im ganzen Land ein und zementierte seinen Ruf als "mitfühlender Konservativer".

Auch Cameron schossen am Wochenende vor laufender Kamera die Tränen in die Augen. Im schottischen Fernsehen wurde er gefragt, wann er zum letzten Mal geweint habe. Er sagte, er habe ein schwieriges Jahr hinter sich, deshalb sei es noch nicht lange her. Er sagte auch, er hätte sich nach Ivans Tod mehr als zwei Wochen freinehmen sollen.

Das Private ist aus Wahlkämpfen nicht mehr wegzudenken - und Brown scheint sich auch auf diesem Feld noch nicht geschlagen geben zu wollen. Den ersten Reaktionen des Saalpublikums bei Piers Morgan nach zu urteilen, hat er einen positiven Eindruck hinterlassen. "Bewegend" sei es gewesen, zitierte die "Daily Mail" einen Zuschauer.

"Nette Dame. Furchtbarer, furchtbarer Mann"

Doch dürfte das desaströse Image des Premiers in den drei Monaten bis zur Wahl kaum zu reparieren sein. Was finde er schlimmer, wurde Brown von Morgan gefragt, den Vergleich mit Stalin oder Mr. Bean? Damit ist auch schon sein ganzes PR-Dilemma beschrieben: Entweder wird Brown als jähzorniger Kontrollfreak dargestellt oder als hoffnungsloser Trottel. Gerade ist ein neues Buch erschienen, in dem der frühere Downing-Street-Mitarbeiter Lance Price beschreibt, wie Brown ausrastet, wenn mal wieder etwas schief gelaufen ist: Er brüllt Mitarbeiter an, wirft Zettel durch die Gegend und tritt gegen Möbel.

An dieser Wahrnehmung hat auch Sarah Brown bisher nicht viel ändern können. Die 46-Jährige versucht seit Jahren, die liebenswerten Seiten ihres Mannes herauszukehren. Sie sagt nette Sachen über ihn auf Parteitagen, hat die meisten Twitter-Follower im Königreich und soll ihren Mann auch zu dem Talkshow-Auftritt überredet haben.

Vergangene Woche chattete sie eine Stunde lang auf Mumsnet, einer einflussreichen Frauen-Website. Während ihr Gatte sich dort im vergangenen Jahr zum Gespött machte, als er keinen Lieblingskeks zu nennen wusste und die Antwort nachreichen musste, tappte Sarah Brown in keine Falle. Routiniert warb sie für ihren Mann. Auf die Frage nach dem Valentinstag im Hause Brown antwortete sie, die Planung überlasse sie Gordon. Der sei "überraschend romantisch (für einen Schotten und einen Mann)".

Nicht alle waren hinterher überzeugt. Eine Nutzerin schrieb: "Nette Dame. Furchtbarer, furchtbarer Mann".

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insgesamt 14 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
04.05.2010 von hochstetter: Berechtigt

Die Kritik an der um sich greifenden Politiker-Nabelschau finde ich schon richtig. Aber Politiker tun eben nur, was beim Wähler Erfolg bringt. Gute, zukunftsorientierte Politik ist bei Wählern, denen es (zu) gut geht, nie populär. [...] mehr...

04.05.2010 von saul7: ++

Sollte er absichtsvoll auf Kommando geweint haben, ist dies zu kritisieren. Hat er aus Ergriffenheit geflennt, ist' s in Ordnung. Auch ein PM hat ein Recht auf Gefühle... mehr...

04.05.2010 von interstitial: Vorsicht, vorsicht!

Wer immer sich mit alternativen Informationen versorgt, sollte grundsätzlich auch einen Gedanken an die Motive der Quelle verwenden. Ich zitiere aus dem verlinkten Artikel: "One of the sections missing from the final [...] mehr...

16.02.2010 von Annika Hansen: ...

Wenn ich mich so bei meinen englischen Freunden umhöre und die Kommentare in britischen Zeitungen lese, dann wird Herr Brown nach den Wahlen noch viel mehr heulen. Die Torries werden einen erdrutschartigen Sieg davon tragen und [...] mehr...

15.02.2010 von jot-we: brown, blue and lilac, too ...

Ja, alle grossen Antworten sind halt entweder einfach oder noch einfacher - da beisst die Maus wohl keinen Faden ab ... Wer aber, dear Mr.Sysop, ist Mr BEAM? mehr...

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