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22.02.2010
 

Zivile Opfer durch Nato-Bombe

General McChrystal entschuldigt sich für fatalen Fehlschlag

Von Matthias Gebauer und Hasnain Kazim

27 Zivilisten tot, darunter Frauen und ein Kind - eine Horrorbotschaft, wie sie Isaf-Kommandeur McChrystal unbedingt vermeiden will. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hatte es unmittelbar vor dem Nato-Luftschlag Angriffe der Taliban gegeben. Die Regierung Karzai reagierte dennoch mit großer Wut.


Die Anklagen Afghanistans sind eindeutig: Unverantwortlich sei das Vorgehen der alliierten Truppen, teilte die afghanische Regierung mit. Ein Nato-Angriff, bei dem insgesamt 27 Zivilisten ums Leben kamen, darunter vier Frauen und ein Kind, und zwölf Menschen verletzt wurden, sei "durch nichts zu rechtfertigen". In einer ersten Stellungnahme der Regierung war sogar von 33 Toten die Rede, doch diese Zahl wurde später korrigiert.

Das Kabinett von Präsident Hamid Karzai verurteilte den Vorfall "in schärfster Form". Der Ministerrat rief die Nato-geführte internationale Schutztruppe Isaf schriftlich auf, bei ihrer Offensive im Süden des Landes "größtmögliche Vorsicht" walten zu lassen.

27 zivile Tote nach einem Luftangriff - dem Chef der Schutztruppe, US-General Stanley McChrystal, blieb nichts anderes übrig, als sich zu entschuldigen: Nato-Jets haben am Sonntag eine Gruppe von Fahrzeugen angegriffen. Man sei davon ausgegangen, dass Extremisten auf dem Weg zu einem Angriff auf Nato- und afghanische Einheiten gewesen seien. "Wir sind sehr traurig über den Verlust unschuldiger Leben", sagte McChrystal. Die Nato kündigte an, man werde den Vorfall gemeinsam mit der afghanischen Regierung untersuchen.

Der fehlgeschlagene Angriff ereignete sich den Angaben zufolge im Bezirk Gudschran in der Provinz Daikundi, die vor einigen Jahren aus dem nördlichen Teil der Provinz Urusgan gebildet wurde. Der Leiter des Provinzrates von Urusgan, Amanullah Hothaki, sagte, auf einer Hauptstraße seien drei Fahrzeuge getroffen worden. Laut afghanischem Innenministerium handelte es um zwei Geländewagen und einen Pick-up.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war es am Samstag zu heftigen Gefechten zwischen Taliban und Nato-Soldaten in der Region gekommen. Vermutlich gingen die alliierten Truppen deshalb davon aus, dass sich in den Autos flüchtende Kämpfer befanden. Tatsächlich waren es aber Reisende, überwiegend vom Stamm der Hazaras, auf dem Weg nach Kandahar.

Die Stimmung in der Bevölkerung droht zu kippen

Auch wenn der fatale Fehlschlag nichts mit der aktuellen Großoffensive im Süden Afghanistans zu tun hatte, färben die negativen Schlagzeilen auf die gesamte Mission der Nato ab. Ein afghanischer Journalist berichtet SPIEGEL ONLINE per Telefon, die Menschen seien es inzwischen leid, sich in ihren Häusern zu verstecken. Sie hätten Angst, erschossen zu werden, wenn sie sich auf die Straße wagten.

Insgesamt 15.000 afghanische und ausländische Soldaten sind derzeit an der Operation "Muschtarak" beteiligt. Die Stadt Mardscha wird inzwischen von US-Marines kontrolliert. Die "New York Times" zitiert einen Mann, der sich bei den US-Soldaten beklagte: "Wenn die Taliban von der einen Seite schießen und ihr seid auf der anderen Seite und ich mittendrin, dann bin ich mir sicher, dass ihr auf mich schießen würdet."

Seit Tagen könnten die Menschen nicht mehr zum Einkaufen, berichtet das Blatt, nicht mehr in die Moschee, nicht auf ihre Felder. Zusicherungen der Amerikaner und der afghanischen Regierung, die Kämpfe seien in Kürze vorbei, finden kaum Glauben - denn hochrangige Militärs wie US-General David Petraeus betonen ja, die Operation in Mardscha sei "nur die erste Salve".

Die größte Aufgabe steht bevor, wenn die Taliban militärisch vertrieben sind, denn dann soll die afghanische Staatsmacht wieder rund um Mardscha installiert werden. Dazu haben die US-Truppen rund tausend Beamte, Polizisten und Berater mitgebracht, sie sollen Ruhe und Ordnung organisieren - und vor allem für fließendes Wasser und eine funktionierende Verwaltung sorgen.

Die Operation ist damit auch ein Testfall für Präsident Karzai. Wenn sich die afghanische Zivilverwaltung nach der Militäroperation nicht bewährt, hat Karzai versagt - und nicht die Amerikaner. Seine großen Versprechungen, er wolle die Korruption bekämpfen und die Arbeit in der Regierung verbessern, wird er in Mardscha beweisen müssen.

Vor allem bei den Operationen der Special Forces kommt es zu Fehlern

Der Fehlschlag in Urusgan reiht sich in eine Serie von unglücklichen Zwischenfällen der letzten Tage - wie der vom vergangenen Donnerstagnachmittag bei Kunduz im Einsatzgebiet der Bundeswehr: Spezialeinheiten der US-Armee, die nicht unter dem Nato-Mandat operieren, waren im Norden von Kunduz gemeinsam mit afghanischen Polizisten unterwegs, als sie unter Feuer der Taliban gerieten und Luftunterstützung anforderten. Beim Abwurf einer 500-Pfund-Bombe starben statt der Angreifer sechs Polizisten, ein weiterer starb wenig später im Krankenhaus. Mittlerweile hat die Nato interne Ermittlungen eingeleitet.

Es sind vor allem die geheim agierenden Spezialkräfte, die sich meist nur abstrakt bei den Nato-Truppen anmelden, aber keine Details über ihre Operationen mitteilen, die bei Beobachtern Zweifel aufkommen lassen, dass die Order des Isaf-Chefs Stanley McChrystal, auf die Zivilbevölkerung besondere Rücksicht zu nehmen, wirklich durchführbar ist. In der Vergangenheit war es bei Operationen der Special Forces immer wieder zu Fehlern gekommen.

Die Nato schweigt seither zu dem Vorgang in Kunduz.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE entschädigte die afghanische Provinzregierung die Angehörigen der Opfer am Wochenende ohne jede Überprüfung. Allen Beteiligten wurde von der US-Armee signalisiert, dass sie nicht mehr über den Vorfall reden sollen - vor allem nicht mit den Medien.

Auch wenn die Bundeswehr an der Operation nicht beteiligt war, herrscht unter deutschen Offizieren die Sorge, dass der US-Fehlschlag von Kunduz am Ende von der Bevölkerung oder der lokalen Behörden fälschlicherweise den Deutschen zugerechnet werden könnte.

Die USA werden ihre Aktivitäten im Einsatzgebiet der Bundeswehr in den nächsten Monaten massiv ausbauen. Mehr als 5000 Soldaten inklusive einer Hubschrauberstaffel werden in den kommenden Monaten gen Norden verlegt.

Matthias Gebauer berichtete aus Berlin, Hasnain Kazim aus Islamabad

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