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01.03.2010
 

Qaida-Propaganda

"Das ist der Traum eines Selbstmordattentäters"

Von Yassin Musharbash

Abu Dajana: Al-Qaida erschafft einen Helden
Fotos

"Das ist keine Uhr, das ist mein Zünder": Das Terrornetzwerk al-Qaida feiert den CIA-Attentäter Abu Dajana in immer neuen Publikationen. Jetzt ist ein Video-Interview mit dem Jordanier veröffentlicht worden, in dem er seinen angeblichen Werdegang als Doppelagent beschreibt.

Berlin - Vermutlich ist eine gewisse Portion Selbstverliebtheit notwendig, um sich als Selbstmordattentäter zur Verfügung zu stellen. Bei dem Jordanier Humam al-Balawi alias "Abu Dajana al-Chorasani", der sich zum Jahreswechsel in einer CIA-Basis im afghanischen Khost in die Luft sprengte und dabei sieben CIA-Agenten und einen jordanischen Geheimdienstler tötete, ist es gewiss so gewesen.

Auch noch acht Wochen nach seiner Tat feiert al-Qaida den jungen Arzt und heimlichen Doppelagenten im Dienste des Dschihadismus als Vorzeige-Helden. Jetzt hat das Terrornetzwerk ein Video-Interview mit Balawi und einen Brief von ihm "aus der Nacht vor der Operation" veröffentlicht. An beiden Publikationen hat der Jordanier kräftig mitgewirkt, um auch ja als besonders entschlossener, findiger und frommer Kämpfer in Erinnerung zu bleiben.

Der Film, den al-Qaidas Propagandaabteilung über ihn anfertigte, ist eine Dreiviertelstunde lang und wurde am vergangenen Wochenende im Internet veröffentlicht. Eingebettet in eine stereotype Rahmenstory über den unbarmherzigen Kreuzzug des Westens gegen die Muslime bildet das von einem Vermummten geführte Interview mit dem Attentäter in spe das Kernstück.

"Das Geschenk wurde größer"

Abu Dajana sitzt dabei an einer Art Tischchen, das aus Sprengstoffplatten zusammengebaut ist. Einmal hebt er ein Päckchen hoch und kündigt an, dass die CIA und die jordanischen Geheimdienstler es bald kennenlernen würden. An der Wand hinter ihm hängt eine schwarze Flagge, darauf das Logo al-Qaidas. "Was wird dein Ziel sein?", fragt der Interviewer. "Ein Treffen von CIA-Agenten, die mit dem Drohnenprogramm zu tun haben", antwortet der Dschihadist hasserfüllt.

Er beschreibt, wie er durch die US-Invasion im Irak radikalisiert wurde. Doch dort zu kämpfen blieb ihm angeblich verwehrt. Stattdessen engagiert er sich als Mitbetreiber einer der zentralen Dschihadisten-Websites, die auch al-Qaida seinerzeit regelmäßig nutzte. Dann aber sei ihm der jordanische Geheimdienst auf die Schliche gekommen. Schließlich hätten ihm die Terrorbekämpfer einen Vorschlag gemacht, den er nicht ablehnen konnte: Sie wollten, dass er in ihrem Auftrag die Qaida-Führung in Waziristan ausfindig machte.

Oder in Abu Dajanas Worten: "Da kommt dieser Idiot und schickt mich aufs Schlachtfeld des Dschihad - ein Traum!" Seine Führungsoffiziere will er nach seiner Ankunft in Pakistan mit Videos von Treffen wichtiger Dschihadisten bei Laune gehalten haben, seinen Lohn al-Qaida gegeben haben.

Es sei aber noch besser geworden. Denn die CIA entwickelte Interesse an dem mutmaßlichen Infiltrationsspion der Jordanier. Schließlich, so der spätere Attentäter, stand ein persönliches Treffen mit den US-Agenten im Raum: "Das Geschenk wurde größer. Der Traum eines Selbstmordattentäters!" Nun, da das Treffen unmittelbar bevorstehe, sei klar, dass er als Selbstmordattentäter die Gelegenheit ergreifen müsse.

Ein selbstgefälliger Suizidbomber

Die meisten Attentäter, die sich vor ihrer Tat filmen lassen, behaupten zwar, dass sie froh sind, bald zu sterben - aber sie wirken häufig abwesend oder niedergeschlagen.

Nicht so Abu Dajana. Er verhöhnt die jordanischen Geheimdienstler als "Hunde der Amerikaner" und erzählt angeekelt, wie sie ihn ausführten und der CIA die Rechnung schickten. Hasserfüllt gibt er wieder, sie hätten ihm erzählt, dass sie vor 20 Jahren den Bin-Laden-Gefährten Abdullah Azzam umgebracht hätten, später dann den irakischen Qaida-Chef Sarkawi und zuletzt den Hisbollah-Mann Imad Mughnija. Er gestikuliert, er lacht, er poltert, er schimpft.

Es gibt eine Szene, die ihn direkt vor der Abfahrt zu dem Treffen zeigen soll. Auf englisch spricht Balawi in die Kamera, er zeigt auf sein Handgelenk: "Das hier ist keine Uhr, das ist mein Zünder. Mein Ziel ist es, so viele von euch wie möglich zu töten."

Selten hat sich ein islamistischer Attentäter bisher derart selbstgefällig in Szene gesetzt.

Denn Abu Dajana setzte noch einen drauf: In der Nacht vor seinem Anschlag, so behauptet es jedenfalls al-Qaida, habe der Jordanier noch einen Abschiedsbrief geschrieben. Auch dieser wurde jetzt veröffentlicht.

Er fühle sich wie ein Student, der alle Prüfungsfragen beantworten kann und nach zehn Minuten den Raum verlässt, gibt er zu Protokoll. Keine Unruhe sei da, keine Nervosität. "Es gibt nur ein Problem mit Märtyrer-Operationen, und dafür gibt es keine Lösung. Es besteht darin, dass man es nur einmal machen kann."

Scharmützel im Internet

Wie wichtig die Führungskader der Dschihadisten Balawi nehmen, lässt sich daran erkennen, dass ihn die pakistanischen Taliban, die afghanischen Taliban und al-Qaida zugleich als "ihren Mann" betrachten.

In der Tat gilt der jordanische Doppelagent in der internationalen Dschihadisten-Szene längst als strahlender Held der besonderen Art. Er düpierte die Jordanier und fügte der CIA einen schweren Schlag zu. Er gilt als Modell für die moralische und intellektuelle Überlegenheit der Gotteskrieger. Die Reaktionen auf den neuen Attentäter-Film der Terror-Propagandisten sind entsprechend begeistert. Insofern ist al-Qaida & Co. mit den Publikationen ein erneuter Propagandaerfolg gelungen.

Allerdings ist er womöglich nicht ganz ohne Wermutstropfen. Denn unmittelbar nach der Veröffentlichung ging die seit knapp zwei Jahren bedeutendste von al-Qaida genutzte Website plötzlich zu Boden. Sie ist seitdem nicht mehr erreichbar. Auch das hat man schon beobachten können: Mindestens einmal ist es nahöstlichen und US-amerikanischen Geheimdiensten zuvor gelungen, al-Qaidas damalige Lieblingsinternetseite auszuschalten. Sie ging nie wieder online.

Natürlich sind solche Operationen kosmetischer Natur. In wenigen Tagen wird eine der Websites aus der zweiten Reihe die Führungsrolle übernehmen. Aber der Verdacht liegt nicht fern, dass die CIA sich auf diese Weise wenigstens symbolisch für die Publikationen rächen wollte, die ihren schlimmsten Fehlschlag seit Jahren feiern.

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