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01.03.2010
 

Erdbeben in Chile

Der Schrecken nach dem Schock

Von Katharina Peters

Chile nach dem Beben: Solidarität in der Katastrophe
Fotos
AFP

Chiles Polizei rückt gegen Plünderer vor, die Regierung bemüht sich um Nothilfe. Doch das Erdbeben hat das Land mitten in einem politischen Umbruch erschüttert. Bald soll ein neuer Präsident die Regierung übernehmen - Zerstörung und Verzweiflung stellen ihn auf eine harte Probe.

Hamburg - Diese Katastrophe hat viele Gesichter. Es ist das Gesicht der alten Frau, die im Schutt wühlt. Das Gesicht des jungen Mädchens, das unter Tränen darum bittet, nach seinem Vater zu suchen. Und es sind die Gesichter von zwei Menschen an der Spitze des Staates, die sich in der Notsituation die Macht teilen müssen: Die scheidende Präsidentin Michelle Bachelet und ihr Nachfolger, Sebastián Piñera. Er übernimmt das Amt in zehn Tagen.

Chile ist von Zerstörung und Verzweiflung getroffen, ausgerechnet jetzt, in der Zeit des politischen Umbruchs. Nach 20 Jahren regiert erstmals nicht mehr eine Mitte-links-Koalition, sondern mit Piñera ein konservatives Bündnis.

"Ein unerfahrenes Kabinett muss nun mit einer großen Katastrophe und möglicherweise auch sozialer Unzufriedenheit umgehen", warnt der Analyst Daniel Kerner der Eurasia Group. Piñera ist Milliardär, er hat in viele Firmen investiert. Nun müsse er zeigen, dass er ein Manager mit Augenmaß ist - und gut mit der alten Regierung zusammenarbeiten kann, meint der Experte zu SPIEGEL ONLINE. Das Beben der Stärke 8,8 ist auch eine Prüfung für die politische Klasse.

Polizisten schießen mit Tränengas

Mehr als 700 Menschen wurden durch das Beben getötet, viele werden vermisst. In den stark betroffenen Städten und Dörfern beklagen Überlebende, dass zu wenig Hilfe sie erreicht habe. "Wie kann es sein, dass ein Erdbeben in den Morgenstunden des Samstags passiert und wir erst am Sonntagabend ein Paket Milch bekommen", kritisierte die Bürgermeisterin von Concepción, Jacqueline van Rysselberghe. Zudem sei die von Bachelet ausgerufene Ausgangssperre viel zu spät verhängt worden.

Menschen brechen Supermärkte auf und wühlen sich durch die herabgestürzten Reissäcke und Pastapackungen. Die Regierung versucht, die Ordnung wieder herzustellen. Die Polizei schießt mit Tränengas. Das Militär soll für Sicherheit sorgen - und die Bevölkerung mit Wasser und Nahrungsmitteln versorgen.

"Dieses Unglück stellt uns auf die Probe", schreibt die Zeitung "La Tercera", es sei eine Herausforderung für die Einheit des Landes. Kurz nach der Katastrophe reisten Piñera und Bachelet in die betroffenen Regionen. Zu Krisensitzungen finden sich nun die Minister des aktuellen und des künftigen Kabinetts zusammen. Die Regierung hat inzwischen Nothilfe aus dem Ausland erbeten. Wichtig seien Unterstützung beim Bau von Brücken, medizinische Betreuung, Wasseraufbereitung oder Telekomverbindungen.

"Chile ist noch stärker gefährdet als Haiti"

Trotz der Kritik ist vielen Beobachtern bewusst: Es hätte viel schlimmer kommen können. Chile war vorbereitet - auch dank eines Notfallplans und langfristiger Vorkehrungen. Dass es nicht so viele Opfer gegeben habe, liege auch an der Bauweise in Chile, sagt der Leiter der Katastrophenforschungsstelle der Universität Kiel, Martin Voss, SPIEGEL ONLINE. "Chile ist sogar noch stärker gefährdet als Haiti. Aber man ist sehr gut vorbereitet." Seit den achtziger Jahren gebe es strikte Regeln für den Bau von Häusern.

Probleme gab es allerdings unmittelbar nach dem Beben. "Die Marine hat einen schweren Fehler begangen, als sie keine Tsunami-Warnung herausgab", bemängelte der chilenische Verteidigungsminister Francisco Vidal am Sonntagabend auf einer Pressekonferenz.

Wie gut das Krisenmanagement wirklich funktioniert hat, wird sich erst in einigen Tagen zeigen. Der künftige Präsident Piñera versprach im Wahlkampf, neue Arbeitsplätze zu schaffen und die Wirtschaft kräftig anzukurbeln. Doch nun muss er sich zunächst auf die Nothilfe konzentrieren. "Natürlich werden wir dieser Aufgabe Priorität einräumen", sagte Piñera am Montag und kündigte Änderungen in seinem Programm an. "Dieses Erdbeben können wir nicht ignorieren."

"Fuerza Chile!"

Der Schaden liegt bei 15 bis 30 Milliarden Dollar, glaubt die auf Katastrophen-Schätzungen spezialisierte US-Firma Eqecat. Die Wirtschaft wird zunächst erheblich leiden, sagt auch Alberto Ramos von Goldman Sachs. Doch er zeigt sich zuversichtlich: "Die Chilenen haben eine gut funktionierende Wirtschaft und werden mit der Not umgehen können." Schon im zweiten Halbjahr könnten die Reparaturen der Konjunktur sogar einen zusätzlichen Schub geben.

Chile ist einer der reichsten Staaten der Region. Bachelet manövrierte das Land erfolgreich durch die Wirtschaftskrise. Ihre Regierung stützte sich auf die Einnahmen aus dem Kupferexport, die die Rezession abfederten. Die Zentralbank schätzte bislang, das Wachstum werde im kommenden Jahr 4,5 bis 5,5 Prozent betragen. Vor wenigen Wochen ist Chile als erstes südamerikanisches Land der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beigetreten, der die führenden Industrieländer der Welt angehören.

In dieser relativ komfortablen Situation wollte Piñera das Land übernehmen. Doch das Unglück könnte für ihn wie für Chile auch eine Chance sein. "Fuerza Chile!", ermunterte Bachelet die Bürger nach dem Beben, "hab' Mut, Chile". Sie zeigt sich in diesen Tagen einmal mehr als Mutter der Nation.

"Wenn sie zusammenarbeiten, wird Bachelet ihre Präsidentschaft auf brillante Weise beenden, und Piñera beginnt sein Amt auf dem richtigen Fuß", glaubt Patricio Navia, Chile-Experte an der New York University. "Wenn sie allerdings in dieser Situation um die Macht konkurrieren, werden sie beide beschädigt sein."

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Die neuesten Beiträge:
03.03.2010 von derfflingert: Wer ist gemeint?

Hallo Felipe! Wenn Sie hier schon die grosse Keule schwingen, dann sagen Sie doch bitte auch, wen Sie damit meinen. Ich habe eigentlich nicht viel Kritik am Vorgehen der chilenischen Regierung hier gelesen. Vielleicht können [...] mehr...

03.03.2010 von isfelipe: Erdbeben in Chile

Ich freue mich, dass du unter dem Türrahmen überlebt hast. Ich habe es ja bis zu meinem 20. Geburtstag mehrmals gemacht. Ich freue mich auch, dass du heilst und gesund bist. Meine Anmerkung ist einfach, wir müssen erstmal [...] mehr...

03.03.2010 von plomo: Erdbeben Chile

ojo, schreibe aus Santiago und stand am 27.2. unter dem Tuerrahmen...!, nicht aus Deutschland. Alle Chilenen vor Ort (auch aeltere) sagten mir, es war das heftigste und laengste Beben, das sie erlebten. Es ist leicht aus dem [...] mehr...

03.03.2010 von plomo: Erdbeben Chile

ojo, schreibe aus Santiago und stand am 27.2. unter dem Tuerrahmen...!, nicht aus Deutschland. Alle Chilenen vor Ort (auch aeltere) sagten mir, es war das heftigste und laengste Beben, das sie erlebten. Es ist leicht aus dem [...] mehr...

03.03.2010 von isfelipe: Meinung eines Chilenen

Es ist so einfach für so viele Leute ihre Meinung zu geben, ohne überhaupt eine Ahnung zu haben was passiert ist, tja, nicht mal erlebt haben, was Millionen meiner Landsleuten erlebt haben. Hat jemand hier überhaupt einen [...] mehr...

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Die stärksten Erdbeben seit 1900
Ort Datum Stärke
Valdivia, Chile 22.05.1960 9,5
Prince William Sound, Alaska 28.03.1964 9,2
Westlich Sumatra 26.12.2004 9,1
Japan, östlich von Honshu 11.03.2011 9,0
Kamtschatka 04.11.1952 9,0
Vor Maule, Chile 27.02.2010 8,8
Vor der Küste Ecuadors 31.01.1906 8,8
Rat Islands, Alaska 04.02.1965 8,7
Nordsumatra 28.03.2005 8,6
Assam 15.08.1950 8,6
Südsumatra 09.03.1957 8,6
Quelle: USGS National Earthquake Information Center

Politisches System in Chile

Diktatur

AP
Die chilenische Diktatur, die am 11. September 1973 mit dem Putsch der Streitkräfte gegen den gewählten Präsidenten Salvador Allende begann, war eine der brutalsten Lateinamerikas. Innerhalb weniger Tage brachte das Militär das Land unter Kontrolle. Die Gewaltherrschaft unter General Augusto Pinochet sollte 17 Jahre dauern. Die Opposition wurde unterdrückt, Regimegegner wurden gefoltert, fast 3000 Menschen ermordet. Mehr als tausend blieben spurlos verschwunden.

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