SPIEGEL ONLINE: Geert Wilders will ein Kopftuchverbot in öffentlichen Gebäuden, vergleicht den Koran mit Hitlers "Mein Kampf" und fordert Stadtkommandos, die für Sicherheit sorgen. Jetzt ist Wilders rechtspopulistische Partei PVV bei den Kommunalwahlen in der Stadt Almere stärkste, in Den Haag zweitstärkste Kraft geworden. Warum wählen ihn die Niederländer?
Chavannes: Wilders' Erfolg ist nicht über Nacht gekommen. Schon Pim Fortuyn nutzte 2001 und 2002 die Unzufriedenheit der Menschen mit den etablierten politischen Parteien für sich. Auch Wilders' jetziger Erfolg hängt zum großen Teil mit dem Versagen der regierenden Parteien zusammen - sie beziehen nicht Stellung zu Problemen, etwa zur Kriminalität unter Einwanderern. Auch das Missfallen der Mittelklasse daran, dass Einwanderer sehr einfach soziale Wohnungen bekommen und soziale Leistungen erlangen, haben die etablierten Politiker nicht ernst genommen. Wilders' Wähler sind die Enttäuschten. Meinungsumfragen zufolge sind 40 Prozent seiner Wähler Bürger, die sonst gar nicht an die Urnen gegangen wären. Wilders mobilisiert die Nichtwähler, die das Gefühl haben, Verlierer der Globalisierung zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Warum ist Wilders gerade in Almere und Den Haag so stark?
Chavannes: Die Kommunalwahlen waren ein spezieller Fall: Wilders hat in seinem Wahlkampf in Den Haag und Almere die Sicherheitskarte gespielt - und damit besonders in Almere einen Nerv getroffen. Almere ist eine Stadt, in die es vor allem die Amsterdamer Mittelklasse gezogen hat - Leute mit normalen, nicht besonders gut bezahlten Jobs. Ihnen war es in Amsterdam zu unsicher, die Kriminalität zu hoch.
In Almere geht es ihnen jetzt aber wieder genauso, wieder gibt es viele junge marokkanische Einwanderer, die tatsächlich für einen großen Teil der kleineren Verbrechen verantwortlich sind. Politiker haben dieses Problem totgeschwiegen. Fortuyn war der erste, der dieses Schweigen gebrochen hat, und jetzt baut Wilders auf die Unzufriedenheit derer, die sagen: Die Politiker interessieren sich nicht für unsere Nöte. Die Sozialdemokraten haben sich des Problems entledigt, indem sie sich als die Partei der Einwanderer präsentieren, die deren Belange verteidigen. Deshalb stehen sie nicht so schlecht da wie die Christdemokraten von Ministerpräsident Balkenende. Balkenendes Partei hat kein Rezept dafür, wie sie mit Wilders umgehen soll. Durch die Wahlen am Mittwoch wurde zum ersten Mal klar, wie groß dieses Problem ist.
SPIEGEL ONLINE: "Was in Den Haag und Almere möglich ist, ist im ganzen Land möglich", sagt Wilders. Die Kommunalwahlen seien "ein Sprungbrett für unseren Sieg", rief er seinen Anhängern zu. Glauben Sie, dass sich Wilders' Erfolg auch auf nationaler Ebene wiederholen kann?
Chavannes: Zumindest zielt Wilders darauf ab: Es war sehr geschickt von ihm, dass er bei den Kommunalwahlen nur in zwei Städten angetreten ist, in denen seine Partei gute Umfragewerte hatte. Aber es ist fraglich, ob ihm ein vergleichbarer Erfolg auch auf nationaler Ebene gelingen würde - gerade in ländlichen Gebieten treffen seine islamfeindlichen Thesen auf weniger fruchtbaren Boden.
SPIEGEL ONLINE: Die Regierungskoalition von Ministerpräsident Balkenende ist wegen des Afghanistaneinsatzes zerbrochen , im Juni finden Neuwahlen statt. Die Christdemokraten unter Balkenende haben ein Bündnis mit Wilders' Rechtspopulisten nicht ausgeschlossen. Was würde es bedeuten, wenn Wilders' Partei in den Niederlanden regiert?
Chavannes: Neueste Umfragen zeigen, dass selbst ein Dreierbündnis aus Christdemokraten, der liberalen Partei VVD und Wilders keine Mehrheit hätte. Balkenende hat sich zuletzt sehr unklar zu einem möglichen Bündnis mit Wilders geäußert - er schließt es faktisch nicht aus, sagt aber, es sei sehr unwahrscheinlich. Ein Problem der niederländischen Politik ist, dass es so viele Parteien gibt, dass es unmöglich ist, dass sich eine davon auch in einer Regierung mit der Mehrheit ihrer Versprechen durchsetzen kann. Es müssen in den Vielparteien-Koalitionen immer große Kompromisse eingegangen werden, Parteiprogramme werden total verwässert. Auch daher speist sich die große Unzufriedenheit vieler Wähler.
SPIEGEL ONLINE: Und wenn es Wilders trotzdem schafft?
Chavannes: Sollte Wilders entgegen der aktuellen Umfragen tatsächlich in die Regierung kommen, würde das für ihn wohl das Ende seines Erfolgs bedeuten. Er hat kaum Personal, das politische Erfahrung mitbringt, er selbst war nie in einer Regierung. Die Bewegung Wilders würde entzaubert - ähnlich wie es 2002 mit Pim Fortuyns Partei geschehen ist. Insofern wäre es für Wilders ideal, wenn eine künftige Regierung auf die Tolerierung durch seine Partei angewiesen wäre, er selbst aber nicht Teil der Koalition wäre. Dann hätte er maximalen Einfluss bei minimalem Risiko.
SPIEGEL ONLINE: Wäre ein Bündnis zwischen Konservativen und PVV nicht von vornherein instabil? Immerhin fordert Wilders einen Truppenabzug aus Afghanistan. Genau an dieser Frage ist die letzte Regierung zerbrochen.
Chavannes: Ja, es gibt drei Punkte, die ein Bündnis zwischen Christdemokraten und Wilders' PVV sehr schwierig machen würden: die Kopftuch-Frage, die Haltung zum Afghanistaneinsatz und die Rentenfrage. Gerade haben es die Christdemokraten nach heftigem Streit geschafft, das Rentenalter von 65 auf 67 Jahre heraufzusetzen - Wilders' Partei war strikt dagegen. Insofern ist seine Partei eigentlich den linken Sozialisten näher.
SPIEGEL ONLINE: Sorgen Sie sich manchmal um den Ruf des liberalen Hollands?
Chavannes: Es ist natürlich kein fröhliches Gesicht, das die Niederlande mit Wilders zeigen. Aber die Kritik, die er übt, muss endlich von den anderen Parteien ernst genommen werden. Nach dem Mord an Fortuyn haben die Mitte-Parteien gesagt: Wir haben jetzt daraus gelernt. Wilders zeigt: Das stimmt nicht. Immer noch versprechen Politiker in Holland zu viel und liefern zu wenig.
Das Interview führte Anna Reimann
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Ganz einfach. Die Leute haben die SChnauze voll davon, dass ihnen beim Theme Islam permanent der Mund zugeklebt werden soll. DAS habt Ihr super Demokraten nun davon. Macht weiter mit dem Verbot der Islamkritik, und ein Wilders [...] mehr...
Natürlich. Mit den Unionsparteien haben wir in Deutschland eine solche. Ebenfalls: Natürlich. Ich glaube kaum, dass 30% der Niederländer islamophob ist. Aber auch auf Indifferenz können Vorurteile blühen. Die [...] mehr...
Es reicht, wenn die Geschützbediener sich auch mal umzudrehen. mehr...
Lange verschloß man in den Niederlanden die Augen vor der unglaublichen Torheit der Einwanderungs- und Asylpolitik der letzten Jahrzehnte: Weder beachtete man die Warnung des Aristoteles, dass die Anwesenheit verschiedener [...] mehr...
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