Von Stefan Simons, Paris
Die Krankheit heißt "morosité". Das umschreibt eine emotionale Gemengelage zwischen Depression, Missmut und Verbitterung. Die gefühlte Stimmung wird am Tresen zu Pastis und Cognac meist mit einem kurzen Schimpfwort zusammengefasst, dass auch mit "m" anfängt. Eine Woche vor den Regionalwahlen, dem wichtigsten Stimmungsbarometer nach der Regierungshalbzeit von Nicolas Sarkozy, ist die seelische Verfassung von Frankreichs Wählern auf einem Tiefpunkt angekommen.
Die Arbeitslosigkeit hat einen Rekordwert von zehn Prozent erreicht, sozialer Unmut macht sich in handfesten Aktionen wie Fabrikbesetzungen breit. Und unlängst wurden auch zwei Siemens-Manager von ihren Beschäftigten kurzfristig in ihren Büros eingesperrt. Brutale Handgreiflichkeiten in Schulen trieben empörte Lehrer auf die Straße, Rentner demonstrierten angesichts von Hunger-Pensionen, Polizisten, Piloten und Fluglotsen streikten. Und Frankreichs Bauern beklagen bei der derzeitigen Landwirtschaftsmesse dramatische Einkommensverluste.
Dann kam auch noch die französische Olympia-Mannschaft mit wenigen Medaillen aus Vancouver zurück, die Fußball- Nationalmannschaft verlor gegen Spanien und Frankreich musste miterleben, dass an der Atlantikküste nach den schweren Unwettern von Sturm "Xynthia" mehr als 50 Menschen starben. Nichts geht mehr
Ombudsmann: Gesellschaft "mehr psychologisch als physisch beschädigt"
Das Ansehen von Präsident Nicolas Sarkozy ist indessen auch auf ein Rekordtief gefallen: 56 Prozent der Franzosen bewerten ihren Staatschef negativ, zwei Drittel blicken pessimistisch in die ökonomische Zukunft. Das gilt auch für die rechts-konservative Gefolgschaft, bei der Sarkozy vor dem Einzug in den Élysée mit stramm nationalistischen Parolen Stimmen abgreifen konnte. Doch die offizielle Debatte um die "nationale Identität" geriet zum Flop. Was als Diskussion um Werte und Erbe der Nation angeschoben wurde, entpuppte sich bald als wahltaktisches Manöver.
Die härteste Abrechnung mit der Bilanz des Präsidenten stammt jedoch aus dem eigenen Lager. "Ein Riss geht durch unsere Gesellschaft", konstatiert der Bürgerbeauftragte der Republik, Jean-Paul Delevoye, in seinem jüngsten Jahresbericht zur Lage der Nation, "dieser Bruch ist nicht neu, aber noch nie war diese Realität so akut". Auf Grundlage der mehr als 76.200 Beschwerden unzufriedener Bürger sieht der unabhängige Ombudsmann die Gesellschaft "mehr psychologisch als physisch beschädigt". Der ehemalige Minister für Öffentlichen Dienst, Raumordnung und Staatsreform beklagt vor allem die "Schnelligkeit und das Ausmaß in dem sich das Gefühl von Ungerechtigkeit in der Bevölkerung breit machen".
Verantwortlich für das explosive soziale Gemisch aus "Angst und Groll" macht Delevoye vor allem die legislative Kaskade von überstürzten Reformen unter Präsident Sarkozy, weil sie die Kluft zwischen Bürger und Staat vertieft hätten. Die Ohrfeige vom Ombudsmann belegt eine jüngste Umfrage: Danach sieht eine Mehrheit der Franzosen eine der Grundfesten ihrer Republik - nach Freiheit und Brüderlichkeit - in Gefahr: die "Égalité", also Gleichheit.
Die Einschätzung betrifft 69 Prozent der Bevölkerung, so eine Erhebung des Umfrageinstituts IFOP. Vor allem Arbeiter, aber mehr noch die Angestellten empfinden die Gesellschaft als ungerecht (84 Prozent) oder gar sehr ungerecht (39 Prozent). Hier bröckelt ein Bastion traditioneller konservativer Wähler.
Premierminister gewinnt Prestige
Angesichts der massiven Unzufriedenheit, sagen manche Politologen bei den Regionalwahlen für die regierenden Konservativen eine massive Wahlschlappe voraus. Ganz Frankreich könnte nach den beiden Wahlgängen vom 14. und 21.März von Regionalparlamenten mit linken Koalitionen geführt werden. An den Machtverhältnissen in Paris wird sich damit nichts ändern - Sarkozy ist auf fünf Jahre gewählt und die Mehrheiten im Parlament bleiben von der Regionalwahl unbeeinflusst.
Für Sarkozy wäre es freilich ein enormer Prestigeverlust. Beim Wahlkampf ist der Präsident daher dezent in den Hintergrund getreten - und in dem Maße, in dem der hyperaktive Staatschef an Popularität verliert, hat sein besonnener Premierminister Francois Fillon an Rückhalt und Prestige gewonnen. Das aufschlussreichste Indiz ist die Titelgeschichte, mit der das rechte Politmagazin "Le Point" diese Woche erscheint. Dort wird eine Hintergrundgeschichte über den Mann aus dem Matignon mit der Zeile angekündigt: "Fillon Präsident".
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Was der Herr Simons - wieder mal sehr verspaetet - schreibt, war doch schon beim Antritt Sarkos Stand der Dinge! (Gibt es beim SPON eigentlich noch Leute, die Zeichen erkennen, wenn sie auftreten und nicht erst dann, wenn [...] mehr...
Ihre Kritik in Ehren; Sie sollten jedoch einmal die EInwanderer und die Auswanderer getrennt betrachten. D.h. v.a. die Bildung, das Einkommen und die Motivation. Dann wuessten Sie das ein einfaches Summieren dieser Positionen [...] mehr...
Diesen Unsinn, den Sie da verzapfen, hat ja auch Sarkozy selbst von sich gegeben und damit eine beachtliche Zahl Wählerstimmen am rechten Rand abgefischt. Inzwischen hat hier aber auch der letzte Depp kapiert, dass es nicht [...] mehr...
Nun ja, abgesehen davon, dass Frankreichs regierender Berlusconiverschnitt mal wieder die Frage aufwirft, die selbst Robbespiere und Danton ins Grübeln bringen würde, wozu nämlich die Franzosen ihre Könige gestürzt haben, denn der [...] mehr...
besser hätte ich es auch nicht sagen können. Selbst wer sein Herz links hat, sollte sein Hirn nicht in diesem Forum abschalten. mehr...
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