Berlin - Es ist entweder ein denkwürdiger Zufall oder gezielte Gegenpropaganda: Nahezu parallel veröffentlichte das Terrornetzwerk al-Qaida am Sonntag ein Propagandavideo ihres wichtigsten US-amerikanischen Mitglieds, Adam Gadahn - während auf der anderen Seite US-amerikanische und pakistanische Geheimdienstquellen verbreiteten, eben jener Mann sei bereits vor einigen Tagen festgenommen worden.
Adam Gadahn, besser bekannt als "Azzam, the American", ist - oder war - al-Qaidas wichtigster englischsprachiger Propagandist. Seit 2004 tritt er regelmäßig in Videos auf, die al-Qaidas Propaganda-Abteilung al-Sahab produziert. Mal führt er als eine Art Moderator durch aufwändige Filme, die den bevorstehenden Untergang aller Ungläubigen und den Sieg der Mudschahidin prophezeien. Mal taucht er als einziger Redner auf, vergleichbar dem Qaida-Chef Osama Bin Laden oder dessen Vize Aiman al-Sawahiri. Dass er sich stets auf Englisch an sein Publikum wandte, sicherte dem 31-Jährigen überproportionale Aufmerksamkeit.
In dem 25 Minuten langen Video, das al-Sahab am Sonntag veröffentlichte und das SPIEGEL ONLINE vorliegt, ruft er die Muslime in den USA, in Großbritannien und Israel dazu auf, sich dem bewaffneten Dschihad anzuschließen. Als beispielhaft preist er dabei den US-Militärpsychologen Nidal Hasan, der im Herbst des vergangenen Jahres 13 US-Soldaten auf der Basis Fort Hood getötet hatte. Außerdem führt er als Vorbilder den Nigerianer Omar Faruk Abdulmutallab an, der an Weihnachen 2009 im Auftrag al-Qaidas versucht hatte, einen U-Passagierjet über Detroit zum Absturz zu bringen. Ebenso den marokkanischstämmigen Mohammed Bouyeri, der in den Niederlanden den islamkritischen Filmemacher Theo Van Gogh brutal ermordete.
Nahezu zeitgleich verbreiteten sich derweil die Meldungen, Gadahn, der 1998 nach Pakistan zog, sei in der pakistanischen Metropole Karatschi von lokalen Geheimdienstlern festgenommen worden. Nachrichtenagenturen und der US-Nachrichtensender CNN beriefen sich dabei auf hochrangige, aber anonyme Quellen. Eine unabhängige oder offizielle Bestätigung liegt indes noch nicht vor.
War es doch nur eine Verwechslung?
Die Berichte von der Festnahme sind insofern nicht unplausibel, als die pakistanischen Behörden in den vergangenen Wochen geradezu einen Hebel umgelegt haben: Seit Jahren gesuchte Top-Taliban gingen ihnen ins Netz, einer nach dem anderen.
Schon am Abend wurde die Festnahme wieder in Frage gestellt. "Wir dachten, dass wir möglicherweise einen großen Fang gemacht haben", zitiert die Nachrichtenagentur AFP einen pakistanischen Sicherheitsbeamten. "Aber es stellte sich heraus, dass es nicht um Gadahn handelt." Diesem Bericht zufolge ging ein Mann namens Adam Jahija ins Netz - diese beiden Namen benutzt auch Gadahn. Damit war wieder alles offen.
Der Arrest von Adam Gadahn, sollte er sich bestätigen, wäre indes ein schwerer Schlag für al-Qaida. Nicht unbedingt in operativer Hinsicht, denn auch wenn die US-Behörden ihn beschuldigen, im Jahr 2004 Terroranschläge gegen die USA mitgeplant zu haben, gilt er nicht als zentrale Figur auf dieser Ebene. Der Wert Gadahns besteht vor allem in seinen Fähigkeiten als Propagandist - und darin, dass er möglicherweise erhebliches Wissen über die internen Abläufe bei al-Qaida hat. Die Vermutungen in westlichen Geheimdiensten gehen dahin, dass er eine Führungsposition bei der Propaganda-Abteilung al-Sahab innehat. Wahrscheinlich verfügt er demnach über Wege, sich mit al-Sawahiri und womöglich Bin Laden abzustimmen. Die wären damit potentiell in Gefahr - jedenfalls falls al-Qaidas sich nicht auf ein mehrfach abgesichertes Procedere verlässt.
Ein Sinnsucher, der bei al-Qaida landete
Adam Gadahn, der als Adam Pearlman geboren wurde, ist eine schillernde Figur. Er wuchs in Kalifornien auf. Bis zum Alter von 17 Jahren wurde er in seinem Elternhaus beschult, kurz danach zog er bei seinen säkularen, jüdischen Großeltern ein, über die er sich in einem seiner Videos später lustig machte.
Kurzzeitig war er sehr aktives Mitglied der Death-Metal-Szene und hatte eine One-Man-Band namens Aphosia. Er bekannte später, er habe zu dieser Zeit eine spirituelle Leere empfunden. Das Christentum, mit dem er sich kurzzeitig intensiv beschäftige, konnte sie offenbar nicht füllen. Wohl aber der Islam. Als 17-Jähriger konvertierte er, noch in den USA. Er geriet ins Umfeld einer islamischen Wohlfahrtsorganisationen, der Terrorverbindungen nachgesagt wurden. 1998 zog er nach Pakistan, wo er anscheinend später eine afghanische Flüchtlingsfrau heiratete, mit der er wohl auch mindestens ein Kind hat.
Zuletzt hörte seine Familie in den USA 2002 von ihm. Bald darauf wurde klar, dass er sich al-Qaida angeschlossen hatte. Die USA haben ein Kopfgeld von einer Million Dollar auf ihn ausgesetzt. Gegen ihn läuft außerdem ein Verfahren wegen Hochverrats - das erste in den USA seit über 50 Jahren.
Zuletzt hatte er sich im Dezember 2009 zu Wort gemeldet, in einem Video, das deutlich unter den gewohnten Standards von al-Sahab lag. Al-Qaida töte keine Zivilisten, war da seine Botschaft. Hinter Anschlägen, bei denen zahlreiche Muslime starben, hätten Geheimdienste und US-Söldnerfirmen gestanden. Noch nie hatte Gadahn so fahrig gewirkt - das Video heizte seinerzeit Spekulationen an, der Amerikaner sei offenbar einem großen Verfolgungsdruck ausgesetzt.
Wenn Adam Gadahn nicht festgenommen wurde, darf damit gerechnet werden, dass er sich selbst über die Falschmeldung auslassen wird. Alles andere gilt es abzuwarten. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Festnahme sich nicht bestätigt.
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