Kairo - Scheich Mohammed Said Tantawi, das Oberhaupt des einflussreichsten Islam-Instituts der Welt, ist gestorben. Ägyptische Staatsmedien berichteten am Mittwoch, der 82 Jahre alte Religionsgelehrte, habe während eines Besuches in Saudi-Arabien einem Herzinfarkt erlitten. Er starb kurz darauf in einem Militärkrankenhaus. Tantawi hatte sich in den vergangenen zehn Jahren durch seine von vielen Muslimen als zu liberal empfundenen Ansichten Feinde gemacht.
Unter Religionswissenschaftlern genoss er jedoch wegen seiner umfassenden Kenntnisse einen guten Ruf, obwohl auch viele Kollegen mit ihm nicht einer Meinung waren. Er wird auf Wunsch seiner Familie nicht in der Heimat, sondern auf einem berühmten Friedhof in der saudischen Pilgerstadt Medina beerdigt. Tantawi galt in Ägypten wegen seiner Nähe zu Präsident Husni Mubarak als "Mann der Regierung".
Der Geistliche aus der oberägyptischen Provinz Sohag war 1986 zum Mufti der Republik ernannt worden. Seit 1996 leitete er das Al-Azhar- Institut in Kairo. Das im 10. Jahrhundert gegründete Institut, zu dem auch eine islamische Universität gehört, ist die bedeutendste Institution des sunnitischen Islam, zu dem sich die Mehrheit der Muslime bekennt.
Tantawi der sich gegen Selbstmordattentate und für den Widerstand gegen die US-Besatzung im Irak ausgesprochen hatte, eckte bei seinen Landsleuten vor allem mit Kommentaren über die Bekleidungsvorschriften für muslimische Frauen an. 2003 brachte der Geistliche viele Ägypter gegen sich auf, als er erklärt, die französische Regierung habe das Recht, das Tragen von Kopftüchern in staatlichen Schulen zu verbieten. Im vergangenen Jahr löste er eine neue Kontroverse aus, als er eine Schülerin zwang, im Klassenraum ihren Gesichtsschleier abzunehmen.
anr/dpa/apn
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