ThemaItalienRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
10.03.2010
 

Italien

Berlusconi gerät mit Reporter aneinander

Hektische Pressekonferenz: Italiens Verteidigungsminister packt zu
Fotos
REUTERS

Hektische Pressekonferenz: Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat einen Journalisten als Flegel beschimpft, sein Verteidigungsminister packte den Reporter gar am Kragen. Zuvor hatte der Regierungschef ein umstrittenes Gesetz durch das Parlament gebracht.

Rom - Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi und Verteidigungsminister Ignazio La Russa sind am Mittwoch auf einer Pressekonferenz mit einem Reporter aneinandergeraten. Der nach eigenen Angaben freischaffende Journalist Rocco Carlomagno hatte Berlusconi eine Frage zu dem umstrittenen Chef des italienischen Zivilschutzes, Guido Bertolaso, gestellt, ohne zu warten, bis er aufgerufen wurde. Berlusconi bezeichnete ihn daraufhin als Flegel. La Russa verließ das Podium und ging zu Carlomagno, der in einer der hinteren Reihen saß, und beschimpfte ihn. Auf Fotos ist zu sehen, wie der Verteidigungsminister den Mann am Mantel packt.

Später sagte Carlomagno der italienischen Nachrichtenagentur Ansa, La Russa habe ihn zweimal auf das Brustbein gestoßen und kündigte eine Anzeige an. Carlomagno forderte Berlusconi auf der Pressekonferenz lautstark zum Rücktritt auf und beschimpfte La Russa als Faschisten, wie auf einem Video zu hören ist, das die Zeitung "La Repubblica" ins Netz stellte.

Als Carlomagno seine Frage zu dem unter Korruptionsvorwürfen stehenden Zivilschutz-Chef wiederholte, drohte Berlusconi mit einer Verleumdungsklage und schickte eine abfällige Bemerkung über die tiefe Stirnglatze des Mannes hinterher: "Ich weiß, warum Sie so sind. Weil sie sich jeden Morgen im Spiegel ansehen müssen, wenn Sie Ihre Haare kämmen." Laut "La Repubblica" ist Carlomagno politisch aktiv und kämpft unter anderem gegen Atommülllager in Italien.

Vertrauensabstimmung im Senat

Mit einer Vertrauensabstimmung im Senat hatte Berlusconi zuvor ein Gesetz durchs Parlament gebracht, mit dem die Prozesse gegen ihn um bis zu 18 Monate verzögert werden könnten. Die Regelung räumt ihm und anderen Kabinettsmitgliedern die Möglichkeit ein, laufende Gerichtsverfahren für mindestens ein halbes Jahr auszusetzen. Die Suspendierung kann zweimal, also auf bis zu 18 Monate, verlängert werden, wenn ein Regierungsmitglied durch sein Amt an der Teilnahme an Verhandlungen verhindert ist. Erst im vergangenen Jahr hatte das italienische Verfassungsgericht ein Gesetz gekippt, das Berlusconi vollständige Immunität gewährte. Gegen den Ministerpräsidenten laufen in Mailand gegenwärtig zwei Gerichtsverfahren, eines wegen Bestechung und eines wegen Verdachts auf Vorteilsnahme.

Nach dem Ausschluss von Kandidaten seiner Partei Volk der Freiheit (PDL) von den Regionalwahlen rief Berlusconi unterdessen zu einer Demonstration in Rom am 20. März auf. Die Liste der PDL-Kandidaten für die Wahl war in der Region Latium nicht rechtzeitig eingegangen. Mit ihrem Ausschluss dort solle allein seiner Partei geschadet werden, kritisierte Berlusconi. Seine Mitte-Links-Rivalen wären bei der Abstimmung am 28. und 29. März gern allein angetreten, "wie sie es in der Sowjetunion gewöhnlich gemacht haben", sagte der Regierungschef.

Wegen des verspäteten Eingangs der PDL-Liste treffe seine politischen Verbündeten keine Schuld. Eine Entscheidung zu einem von mehreren Widersprüchen gegen den Ausschluss wird für Samstag erwartet.

Einer Umfrage zufolge ist die Popularität des Ministerpräsidenten in den vergangenen Wochen gesunken. 44 Prozent der Befragten haben laut der am Mittwoch in der Zeitung "La Repubblica" veröffentlichten Erhebung Vertrauen in Berlusconi, das sind zwei Prozentpunkte weniger als im Februar und vier Prozentpunkte weniger als im Januar.

wit/AFP/apn

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 318 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
23.03.2010 von stefan4632: endlich...

Endlich mal einer der nicht alles nachplappert was die ausländischen Medien über Berlusconi schreiben. Die meisten wissen nähmlich gar nicht dass in Italien ein Medienkrieg zwischen Murcoch und Berlusconi herscht. Murdoch [...] mehr...

21.03.2010 von Saccargia: Herr/Frau "benevolens"

Wenn sich ein Herr B. auf Kosten seiner Partei und die seiner Alliierten die "Demonstranten" nach Rom, in 3000 Bussen, Fährenm und Charterflügen herankarren läßt, ist das ein Zeichen von politischer Schwäche. Seine [...] mehr...

21.03.2010 von BPC:

Eine Mio? Wer sagt das? Sie? Silvo Berlusconi ad personam? Wenn man einen Vergleich der Bilder zieht, als auf dem gleichen Platz nach Angaben 650.000 Demonstranten waren und die Aufnahmen von gestern, kann man eindeutig sehen, [...] mehr...

21.03.2010 von dayo:

solange wir uns einen westerwelle leisten, sollten wir mit solchen äusserungen zurückhaltender sein. so einen riesenunterschied sehe ich da nicht. mehr...

21.03.2010 von benevolens: Nur mal so ein oder zwei Gedanken........

Was wissen wir denn schon tatsächlich? Bis auf diejenigen, die sich tatsächlich vor Ort informieren können, sind wir doch für gewöhnlich auf das angewiesen, was uns die im wesentlichen gleichgeschalteten hiesigen Medien als wahr [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Italien

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Immunitätsgesetze in Italien

"Lex Berlusconi"

Der italienische Regierungschef, der Staatschef und die Präsidenten der beiden Parlamentskammern sollten während ihrer Amtszeit Immunität genießen und nicht strafrechtlich verfolgt werden können – das besagten zwei praktisch identische Immunitätsgesetze, die unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi 2003 bzw. 2008 verabschiedet worden waren.
Doch das italienische Verfassungsgericht erklärte das erste der Gesetze, den "Lodo Schifani", 2004 für verfassungswidrig und damit unwirksam. 2009 folgte die danach erlassene Regelung, der "Lodo Alfano".
Die Immunitätsgesetzgebung ist höchst umstritten: Die Opposition hatte gegen die Regelung protestiert und sie als "Lex Berlusconi" verurteilt. Zwar gibt es auch in anderen Ländern wie Frankreich, Portugal und Griechenland ähnliche Gesetze. Die Immunitätsgesetze in Italien wurden jedoch auf Drängen von Regierungschef Berlusconi erlassen und führten dazu, dass gegen ihn laufende Verfahren wegen Bestechung und Steuerhinterziehung für die Dauer seiner Amtszeit ausgesetzt wurden und damit zum Teil zu verjähren drohen.

"Lodo Schifani"

"Lodo Alfano"


Aus SPIEGEL 27/2003

A. Scattolon / A3 / Contrasto / Agentur Focus
Silvio Berlusconi - Der Pate

Die Akte Berlusconi

Die deutschen Geschäfte des Silvio B.

Leoluca Orlando über Berlusconi





TOP



TOP