Von Marc Pitzke, New York
Wo verläuft die Grenze zwischen "kitzeln" und "begrabschen"? Darf ein verheirateter Politiker mit seinen jungen Bürogehilfen in einer wilden WG hausen? Was verbirgt sich hinter dem schlüpfrigen Sex-Euphemismus "schnorcheln"? Und was ist eine "spezielle Massa-Massage"?
Diese und andere unappetitliche Fragen stellen sich zurzeit nicht nur die Late-Night-Comedians im US-Fernsehen. Sondern auch die Wähler im Bundesstaat New York - und die Spitze der demokratischen Partei, von der Landeshauptstadt Albany bis nach Washington.
Im Mittelpunkt der Fragen steht Eric Massa, der bis vor kurzem den 29. Wahlkreis New Yorks im Kongress vertrat - eine ländliche, doch nicht unwichtige Region im Nordwesten des Bundesstaats, deren Verlust die Partei sehr schmerzen würde. Massa trat in der vergangenen Woche zurück. Erst begründete der 50-Jährige das mit schlechter Gesundheit. Dann mit einer Intrige des Weißen Hauses. Und schließlich mit seinem eigenen unziemlichen Benehmen.
Wie unziemlich, gibt der Demokrat gerne zu. Ja, er habe einen seiner Bürojungs "begrabscht" und "gekitzelt, bis der keine Luft mehr kriegte". Ja, er habe in einer Art Studentenbude gelebt, mit fünf Untergebenen, "alle übrigens Junggesellen". Nein, er sei mitnichten schwul, "fragen Sie die 10.000 Matrosen, mit denen ich in der Marine gedient habe". Ja gut, er habe in der Navy allerlei Lustbarkeiten praktiziert, die für Zivilisten "wie eine Orgie in 'Caligula' aussehen" müssten.
"Haben Sie eine unanständige SMS bekommen?"
Der Ethikausschuss des US-Repräsentantenhauses prüft schon länger Beschwerden gegen Massa wegen sexuellen Fehlverhaltens. Das Magazin "Atlantic" zitierte aus "Massas Marine-Akte": Einmal habe er versucht, einem Matrosen "die Hose auszuziehen und ihn zu schnorcheln". Wobei unklar blieb, was das genau bedeutet. Anderen habe er seine "spezielle Massa-Massage" angedient.
"Haben Sie eine unanständige SMS von Massa bekommen?", fragte das Boulevardblatt "Daily News" seine Leser sofort. "Mailen Sie uns anonym. Vertraulichkeit garantiert."
Die Republikaner, die zuletzt fast das Monopol auf Sexskandale zu halten schienen, können erst mal aufatmen.
Massas Beichte ist der jüngste Fall einer New Yorker Skandalserie. Der Parlamentssitz Albany ist seit jeher als Narrenhaus verschrien, als Hort von Korruption, Klüngel und Inkompetenz. "Die New Yorker haben keine andere Wahl, als alle Volksvertreter abzuwählen", schreibt die "New York Times" über die fiskalischen und legislativen Kabarettstücke der Abgeordneten. Doch was neuerdings von New York State bis nach Washington dringt, grenzt an Realsatire.
Vorsorglich gab der Gouverneur schon mal Ehebruch zu
Da ist zum Beispiel der zur Witzfigur degradierte Gouverneur David Paterson, der gerade um Amt und Würden ringt. Er hatte vor exakt zwei Jahren Eliot Spitzer beerbt, der über einen Prostituiertenskandal gestürzt war. Paterson kann froh sein, dass ihm Eric Massa gerade die Schau stiehlt - der Komödiant Seth Meyers juxte in der Sketchshow "Saturday Night Live" über Massa: "Es ist wahrhaft unglaublich, dass man New Yorks größtes Desaster sein kann zu einer Zeit, da David Paterson noch der Gouverneur ist."
Patersons aktuelles Problem: Er wird in einem Fall häuslicher Gewalt belastet. Die "New York Times" hat die Affäre ans Licht gebracht, und schon bevor deren Bericht erschien, wurde wochenlang spekuliert, was es da über Paterson zu enthüllen gibt. Paterson gab deshalb vorsorglich Ehebruch zu.
Der eigentliche Bericht schien dann zunächst eine Enttäuschung - weil er nicht Paterson selbst betraf, sondern seinen Spitzenberater David Johnson. Die "Times" beleuchtete dessen Vergangenheit und fand heraus: Der 37-Jährige, der schnell vom Chauffeur und Bodyguard zu Patersons engstem Vertrauten aufgestiegen ist, war als Jugendlicher zweimal wegen Drogenhandels festgenommen worden. Dazu kamen Strafanzeigen mehrerer Ex-Freundinnen wegen Handgreiflichkeiten.
Ein Anruf kostete Paterson endgültig die Karriere
Die jüngste stammte von Johnsons aktueller Freundin Sherr-una Booker. Sie hatte sogar eine Schutzanordnung gegen Johnson beantragt - worauf erst die Landespolizei intervenierte und dann Paterson selbst. Der Gouverneur rief Booker persönlich zu Hause an. Tags darauf ließ die Dame ihren Gerichtstermin platzen. Die Schutzanordnung gegen Patersons Berater wurde automatisch annuliert.
Der Gouverneur beteuerte, keinen unlauteren Einfluss auf die Klageführerin genommen zu haben. Trotzdem kündigten ihm gleich drei hochrangige Regierungsbeamte aus Protest. Was genau Paterson zu Johnsons Freundin gesagt hat, ist jetzt Gegenstand von Ermittlungen. New Yorks Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo hat die pensionierte Oberste Richterin Judith Kaye damit beauftragt.
Cuomo selbst muss sich in dem Fall sorgsam zurückhalten - er macht sich Hoffnungen auf Patersons Nachfolge. Denn Paterson hat im Sog des Skandals seine Kandidatur für die Gouverneurswahl in diesem Herbst zurückgezogen.
Schon jetzt abtreten will er freilich nicht. Er werde "die Mission, die mir Gott gegeben hat, erfüllen", sagte er in einer Kirche.
Selbst die Demokraten weinen Paterson kaum eine Träne nach. Der Gouverneur ließ in den vergangenen zwei Jahren eine Gesetzesinitiative nach der anderen sterben. Er war unfähig oder unwillens, Konsens zwischen den harten Parteifronten Albanys zu schmieden - oder wenigstens Parteidisziplin durchzusetzen. Sogar die schwarze Polit-Lobby hat sich vom ersten schwarzen Gouverneur dieses Bundesstaates distanziert.
Könnte der gefallene Gouverneur die Rettung bringen?
Auch Charles Rangel, einer der angesehensten schwarzen Kongressabgeordneten aus New York, ist über eine Reihe von Skandalen gestolpert. Der Mann, der seit 1971 im Parlament saß, musste den Vorsitz des mächtigen Bewilligungsausschusses niederlegen - ein steiler Sturz in die Ungnade. Er hatte sich von Konzernen Karibikreisen bezahlen lassen. Der Ethikausschuss rügte Rangel und ermittelt nun unter anderem wegen des Verdachts, er habe die Mieteinkünfte einer Villa in der Dominikanischen Republik nicht versteuert. Dazu kommen weitere Vorwürfe. Es ist fraglich, ob der 79-Jährige, der stets gegen die "Kultur der Korruption" schimpfte, erneut zur Wahl antreten wird.
Und dann ist da noch Hiram Monserrate, bisher Landessenator aus Queens. Er war zu drei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden, weil er seiner Freundin mit einem zerbrochenen Glas im Streit das Gesicht zerschnitten hat. Er stellte sich an diesem Dienstag zur Wiederwahl, obwohl ihn der Senat neulich des Amtes enthoben hatte - und verlor.
Im Vergleich dazu wirken die Vorwürfe gegen Monserrates Senatskollegen Pedro Espada geradezu läppisch. Der Mehrheitsführer der Demokraten in Albany geriet wiederholt ins Visier der Justiz, meist wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten. Zuletzt stand er unter Verdacht, einen fiktiven Wohnsitz zu haben.
So mancher bei den Demokraten, auf Landes- wie auf Bundesebene, ersehnt sich inzwischen einen unwahrscheinlichen Retter - Eliot Spitzer, den entehrten Ex-Gouverneur.
Spitzer nannte Patersons Schicksal in der "New York Times" einfach nur "traurig". Und hielt sich mit weiteren Worten dann doch tunlichst zurück: "Ich weiß nicht genug Bescheid, um etwas Bedeutsames zu sagen."
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