Aus Besmaya berichtet Ulrike Putz
Das Besmaya Combat Training Center ist ein unwirtlicher Ort. Von Bagdad aus geht es im Helikopter der US-Armee 60 Kilometer nach Osten. Die Dörfer mit ihrem Ring grüner Felder bleiben bald zurück, dann jagt der Hubschrauber seinen eigenen Schatten nur noch über Geröll, Sand, Staub.
So karg die Landschaft in Besmaya ist, so gefährlich ist die Aufgabe der Männer, die hier im heißen Wind trainieren. Sie nehmen in dem sieben Jahre währenden Krieg im Irak eine Schlüsselrolle ein: Sie entschärfen Sprengfallen und Autobomben, das traurige Markenzeichen des Landes.
Tausende dieser primitiven Minen haben Terroristen und Milizionäre seit Kriegsbeginn 2003 gelegt: Erst kämpften die Extremisten damit gegen die amerikanischen Besatzer, inzwischen vor allem gegen ihr eigenes Volk.
Das Trainingszentrum für Sprengsatzentschärfer ist mit Abstand die beste Schulungseinrichtung der irakischen Armee. Das sagt Major John Diggs, Sprengstoffspezialist der US-Armee, der die irakischen Lehrkräfte berät. Viele Institutionen im Land sind zerfressen vom Krebs der Vetternwirtschaft und Korruption, die Streitkräfte sind da keine Ausnahme. Doch bei der Bombenentschärfung leisteten die irakischen Soldaten viel, so Diggs. Wer mit einer Bombe hantiere, die einen beim kleinsten Fehler töten könnte, gebe sein Bestes. Egal, welche Nationalität er habe.
An einem normalen Vormittag geht es in Besmaya hoch her. Eine Gruppe Rekruten testet in der Sprenggrube Zündstoff, die nächste fummelt in staubigen Baracken an Minenattrappen herum. In der gleißenden Sonne gibt es Anschauungsunterricht auf dem Bombenfriedhof, auf dem zwischen den Baracken Hunderte unschädlich gemachter Sprengsätze liegen: meist Panzer- oder Mörsergranaten, die per Kabel mit einem Zeit- oder Fernzünder verbunden wurden. Durch das Geröll und den Staub kurven auch die zum Entschärfen eingesetzten Mini-Roboter: Die Schüler sollen üben, sie per Fernsteuerung zu bedienen.
"Diese Männer sind echte Helden"
Jährlich werden hier tausend Sprengstoffexperten ausgebildet - meist Einheimische. Die irakischen Soldaten wollten ihren Familien und ihrem Land eine Zukunft geben, auch wenn das bedeute, sich selbst in Gefahr zu begeben, lobt US-Hauptmann Robin Wright, der ebenfalls Berater ist und früher eine amerikanische Kompanie Kampfmittelbeseitiger in Mosul anführte. "Die Männer hier sind echte Helden", sagt er, "mit jedem Sprengsatz, den sie räumen, retten sie Menschen vor dem sicheren Tod".
Sprengstoffexperten sind ein eingeschworener Haufen, ein elitärerer Club innerhalb jeder Armee, sagen die Amerikaner. "Wer mit Sprengsätzen arbeiten will, muss mitdenken, Köpfchen haben, darf nicht nur nach Schema F vorgehen. Wer auswendig lernt, immer den schwarzen Draht zu kappen, ist bei uns falsch."
Die Auswahl der Schüler für Besmaya ist entsprechend unkonventionell: Die irakischen Anwärter, meist altgediente Pioniere, müssen lediglich Lesen und Schreiben können, englische Zahlen und Buchstaben kennen. "Ansonsten nehmen wir diejenigen, die von ihren Offizieren als geeignet empfohlen werden. Den gesunden Menschenverstand, den man für unseren Job braucht, lernt man auf keiner Schule", sagt Major Diggs.
Startschwierigkeiten im Schulungszentrum
Das erste Schulungszentrum für irakische Kampfmittelentschärfer wurde 2005 gegründet - damals noch ohne Erfolg. "Als die Soldaten mitbekamen, dass sie scharfe Bomben unschädlich machen sollen, hat sich die ganze Klasse geschlossen abgemeldet", sagt Jason Hoppes von der privaten US-Sicherheitsfirma Anti-Terrorism-Solutions, der den lokalen Ausbildern in Besmaya zur Seite steht.
Aber in den schlimmen Jahren 2006 und 2007 kamen teils täglich Hunderte Zivilisten durch selbst gebastelte Bomben um. Das hat auch einen Sinneswandel bei den Irakern bewirkt, glaubt Hoppes, auch wenn die Übergabe an die irakischen Kameraden alles andere als reibungslos verläuft. Bis Ende August dieses Jahres sollen die US-Kampftruppen Irak verlassen haben, bis Ende 2011 sollen auch die verbliebenen amerikanischen Soldaten heimkehren.
"Krieg ist eine Droge"
Weit weg, in Los Angeles, wurde soeben der Film "The Hurt Locker" mit einem Oscar ausgezeichnet - der Streifen wirft ein Schlaglicht auf die Profession der Bombenentschärfer. Die Männer in Besmaya sehen das mit gemischten Gefühlen. "Unterhaltsam" findet US-Hauptmann Wright den Film, "aber mit unserem Alltag hat er wenig zu tun". Im Jargon der Soldaten steht "Hurt Locker" für eine gefährliche Situation, einen Ort, an dem es richtig eng wird. In Deutschland läuft der Film als "Tödliches Kommando" in den Kinos. Er erzählt die Geschichte des US-Oberfeldwebels William James, der 2004 im Irak das Kommando über ein Bombenräumteam erhält. Mit unorthodoxen Arbeitsmethoden bringt er sich und seine Kameraden in Gefahr, rettet aber gleichzeitig vielen Zivilisten das Leben.
Der Teamleiter im Film sei zu sehr Cowboy und viel zu wenig detailverliebter Schrauber, meint Wright. "Wenn sich ein Kamerad im echten Leben so aufführen würde, würde man ihn aus dem Verkehr ziehen und ein ernstes Wörtchen mit ihm reden." Der Job sei zu gefährlich, um den Helden zu geben. Wie gefährlich, das zeige das Denkmal für im Einsatz getötete Entschärfer auf der Eglan Airforce Base in Florida. Im vergangenen Jahr seien 14 neue Namen dazugekommen - obwohl es in den US-Streitkräften nur etwa 2000 solcher Experten gebe.
Der Schutzanzug, den der Held des Films bei jeder sich bietender Gelegenheit anlegt, käme im echten Leben vielleicht einmal die Woche zum Einsatz. "Wo es geht, nutzen wir Roboter und bringen den Irakern bei, dasselbe zu tun." Einmal dicht dran am Sprengsatz, biete der gepanzerte Anzug nur wenig Schutz, sagt Major Diggs. "Der Unterschied zwischen Anzug an und Anzug aus ist der zwischen offenem oder geschlossenem Sarg."
150 Dollar Gefahrenzulage bekommen die US-Spezialisten pro Monat. Doch das ist wohl nicht der Grund, weshalb viele diese Laufbahn einschlagen. Der Film verrät, was für sie den wirklichen Reiz ausmacht: Er beginnt mit dem Zitat "Krieg ist eine Droge". "Wir lieben den Nervenkitzel", sagt Wright. "Wenn man vor einer dieser selbstgebauten Bombe steht, ist man wie im Rausch, das Adrenalin pumpt durch den Körper - das macht süchtig."
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