• Drucken
  • Senden
  • Feedback
22.03.2010
 

US-Reformpolitik

Obamas Gesundheits-Kompromiss verschont die Pharmaindustrie

Von Marc Pitzke, New York

Forderung nach Gesundheitsgesetz: "Eine Reform, die die Republikaner lieben sollten"Zur Großansicht
AP

Forderung nach Gesundheitsgesetz: "Eine Reform, die die Republikaner lieben sollten"

US-Präsident Obama hat sein wichtigstes innenpolitisches Ziel erreicht: 32 Millionen Amerikaner werden nun krankenversichert. Doch das Gesetzespaket ist auffallend industriefreundlich. Die Pharma-Firmen machen weiterhin Milliardengeschäfte - auf Kosten der Patienten.

Der Schock kam per Post. "Wir schätzen unsere Kunden sehr", begann die US-Krankenversicherung Anthem Blue Cross ihr Anschreiben. "Wir arbeiten gewissenhaft, um Gesundheit und Wohlbefinden der Kalifornier zu verbessern."

Fernando Rojas, ein Web-Designer aus San Francisco, ahnte, was als nächstes kam. Denn ähnliche Briefe hatte er schon oft erhalten: So kündigt Anthem seine Prämienerhöhungen an.

Deren Ausmaß übertraf diesmal aber alles Vorherige. 39 Prozent mehr würde ihn seine Krankenversicherung künftig kosten. Rojas' Monatsrate schwillt demnach von 858 Dollar auf 1192 Dollar an - zuzüglich der 5000 Dollar Selbstbeteiligung. "Da kann ich mir mein Insulin ja gleich auf dem Schwarzmarkt kaufen", stöhnt Rojas, der an Diabetes leidet.

Rund 800.000 Anthem-Kunden in Kalifornien starrten im Februar auf vergleichbare Horrorschreiben. Die Versicherung - eine Tochter von WellPoint, einem der größten US-Gesundheitskonzerne - rechtfertigt den Preisschub für Privatkunden mit "erschwerten Marktbedingungen", sprich der landesweiten Kostenexplosion bei Medikamenten, Ärzten und Kliniken. Wem das nicht gefalle, der könne sich gerne anderswo versichern lassen: "Unsere Kunden haben die Wahl."

Ein Witz: Auch bei anderen Kassen stehen die Dinge kaum besser. Und das Marktargument fällt sowieso flach: Fünf Top-Versicherer - WellPoint, UnitedHealth, Aetna, Humana und Cigna - beherrschen die Branche, haben sich viele Regionen in Fast-Monopole aufgeteilt und räumten voriges Jahr so insgesamt 12,2 Milliarden Dollar Gewinn ab, 56 Prozent mehr als 2008. "Es war das beste Jahr für die großen Versicherungen", resümiert die Grassroots-Gruppe Health Care for America Now (HCAN).

Damit soll nun aber Schluss sein. Mit der historischen Gesundheitsreform, die der US-Kongress jetzt unter lautem Protest der Republikaner verabschiedete, wollen die Demokraten solchem Missbrauch ein Ende setzen. Kein Wunder, dass die Wirtschaft bis zuletzt massiv dagegen angekämpft hat. Das neue Gesetz, drohte Karen Ignagni, die Chefin der Versicherungsgruppe AHIP, werde nach hinten losgehen: "Es wird die Kosten für Familien und Arbeitgeber nur noch erhöhen."

"Eine Reform, die die Republikaner lieben sollten"

Damit hat sie womöglich nicht ganz unrecht. Das Reformgesetz HR 3590 legt den US-Versicherungskonzernen zwar einige Fesseln an und bietet rund 32 Millionen bisher unversicherten Amerikanern künftig erstmals Versicherungsschutz. Doch es enthält ebenso viele Kompromisse und Schlupflöcher, von denen die Industrie wiederum profitiert.

"Das Gesetz ist zutiefst mangelhaft", kritisiert das linke Blatt "The Nation" das als großen Wurf verkaufte Reformpaket. "Es greift zu kurz." E.J. Dionne, Kolumnist der "Washington Post", sieht darin eine beißende Ironie: "Die Demokraten engagieren sich für eine Reform, die eigentlich die Republikaner lieben sollten."

Denn bei genauem Hinschauen zeigt sich: Dies ist eine sehr industriefreundliche Reform. Die konkreten Folgen für den einzelnen Patienten sind noch nicht absehbar. Kritiker befürchten allerdings, dass die Kassen neue Lasten auf die Kunden abwälzen werden.

Trotzdem haben die Konzerne in einer breiten Koalition mit Mittelstandsfirmen, die von den neuen Versicherungsregeln betroffen wären, bis zum Schluss gegen die Reform gekämpft. Die US-Handelskammer, die die Aktion koordinierte, gab bis zu 30 Millionen Dollar für TV-Spots, Internetkampagnen, gezielte Umfragen und Pressekonferenzen aus, um gegen das leidige Gesetz zu polemisieren. "Diese Gesetze sind Jobkiller", behauptete die Interessenvereinigung noch am Wochenende.

Die schlimmste Bedrohung ihrer Allmacht konnten sie so vorab aushebeln. Die Idee einer sogenannten "public option" - eine staatliche Krankenversicherung als Konkurrenz zur privaten Versicherung, um die Prämien zu drosseln - wurde fürs erste wieder verworfen.

Und das, obwohl US-Präsident Barack Obama sie zu einem Kernpunkt seines Wahlkampfes erhoben hatte. Die progressive Vision zerbrach am Widerstand moderater Demokraten, die in ihren Bezirken einen schweren Stand haben gegen die Populisten von rechts. Um die am linken Flügel zu trösten, hat ihnen Harry Reid, der Demokratenchef im Senat, eine separate Abstimmung über eine "public option" in den "kommenden Monaten" versprochen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 46 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
23.03.2010 von Kulturkontor: He?

Warum kommt eine Verstaatlichung der Gesundheit jemandem zu Gute? Hier werden doch die Preise diktiert, das ist doch ein Problem, das Sie nicht leugnen können. In Deutschland funzts doch bewiesenermaßen auch nicht. Die Ärzte [...] mehr...

23.03.2010 von detrius: .

Lieber ein linker Gutmensch als ein rechter Unhold. mehr...

23.03.2010 von Gruber: Obama sollte den amerikanischen Kirchen eine Stellungnahme abringen,...

...was sie im Zusammenhang mit der Gesundheitsreform, die ja vor allem den ärmeren Mitmenschen zugute kommt, von den unglaublichen Auftritten ihrer republikanischen Schäfchen halten, die so zahlreich und so oft ihre Messen [...] mehr...

23.03.2010 von ++arthur: Gesundheitsreform in den USA

ich freu mich im sinne derer die krank sind und denen nun geholfen ist. hoffe auch das die beiträge(prämien) nicht zu hoch werden, habe aber immer mehr bedenken was die gesundheits/pharmaindustrie betrifft.. das organ [...] mehr...

23.03.2010 von Kulturkontor: Endlich

Wir haben es geschafft, Genossen! Die USA sind jetzt auch zu einer edel-DDR mutiert, genau wie wir! Reckt die Faust in die Luft und ruft laut: Es lebe der Sozialismus, lol. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Obamas Gesundheitsreform

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Kernpunkte der US-Gesundheitsreform

Mehr Versicherte

Rund 32 Millionen bisher unversicherte Bürger sollen eine Krankenversicherung erhalten. Am Ende sollen 95 Prozent der US-Bürger versichert sein. Derzeit sind es 83 Prozent. Nach den Änderungen im Begleitpaket zur Senatsvorlage wird das den Staat nach Schätzungen der unabhängigen Budget-Behörde in den kommenden zehn Jahren rund 940 Milliarden Dollar (696 Milliarden Euro) kosten. Der ursprüngliche Senatsentwurf schlug mit 871 Milliarden Dollar zu Buche.

Sanktionen

Gesundheitsbörsen

Medicaid

Annahmepflicht

Abtreibungskosten

Illegale Zuwanderer


So funktioniert US-Politik

Die Macht des Präsidenten

Welche Rolle hat der Präsident genau?
Was macht der Vizepräsident ?
Was versteht man unter dem Weißen Haus ?
Was beinhaltet die State of the Union Address ?
Was ist das Plum Book ?
Der Präsident frühzeitig gefeuert - geht das?
Was bedeutet Impeachment ?

Parteien und Institutionen

Das Wahlsystem

Der Wahlkampf





TOP



TOP