Von Matthias Schepp, Moskau
Eigentlich gilt Russlands größtes privates Ölunternehmen Lukoil als Musterkonzern: Der Multi finanziert mehr als 50 Waisenhäuser und Internate, lässt Kirchen restaurieren und unterstützt Museen und Universitäten. Erstaunlich still und diskret stieg Lukoil in den vergangenen 17 Jahren zum Global Player im internationalen Ölgeschäft auf. Der Konzern betreibt Raffinerien in Italien und Rumänien, erwarb Förderrechte in Kasachstan und im Irak und verfügt über ein Netz von 1600 Tankstellen in den USA.
Nun aber untergräbt eine beispiellose Welle öffentlicher Empörung das bislang untadelige Image: Lukoil-Vize Anatolij Barkow, 62, fuhr Ende Februar mit seinem Wagen auf dem nur für Regierungsfahrzeuge reservierten Mittelstreifen des Moskauer Lenin-Boulevards, um den allmorgendlichen Stau zu umgehen. Wenige Sekunden später kollidierte der S-Klasse-Mercedes mit einem roten Citroën. Die Insassen - zwei Frauen - starben, die jüngere hinterlässt eine anderthalbjährige Tochter.
Barkow wurde leicht am Bein verletzt, sein Fahrer blieb weitgehend unversehrt. Der Chauffeur, ein früherer Geheimdienstmann, ließ die Nummernschilder verschwinden: Der Lukoil-Wagen war mit dem Kennzeichen eines Geheimdienstes unterwegs, das seinen Besitzer auch bei groben Verstößen gegen die Verkehrsregeln gleichsam unantastbar macht. Der Unfall zeigt erneut die postsowjetischen Methoden auf, nach denen Großunternehmen in Russland mit Mitarbeitern, Behörden und der Öffentlichkeit verfahren. So leitet Manager Barkow, Miteigentümer von Lukoil und angeblich auch General des Inlandsgeheimdienstes FSB, eine Art konzerneigene Stasi, den Sicherheitsapparat des 152.000 Mitarbeiter zählenden Ölriesen.
Die Opfer als Bürger zweiter Klasse
Dieser Sicherheitsapparat sorgte noch am selben Morgen dafür, dass im internen E-Mail-System keine Post mit unangenehmen Fragen zum Konzernchef und zu anderen Vorstandsmitgliedern vordrang. Normalerweise können Angestellte auf diesem Weg Beschwerden und Vorschläge loswerden. Nun wurden Filter geschaltet, die E-Mails mit Worten wie Unfall, Mercedes oder Citroën blockierten. Auch nach außen ließ Lukoil seine Verbindungen spielen. Wenige Stunden nach dem Unfall beeilte sich die Moskauer Verkehrspolizei zu erklären, die Fahrerin des Citroën sei an dem Zusammenstoß schuld. Augenzeugen aber versicherten, der Lukoil-Chauffeur habe den Unfall verursacht. Statt den Angehörigen Hilfe zuzusagen, teilte der Sprecher des 33 Milliarden Euro schweren Multis noch am Unfalltag mit, Lukoil werde keinen Schadensersatz zahlen. Barkow selbst äußert sich zu der Schuldfrage nicht.
Dafür aber brach sich die Wut im Internet umso heftiger Bahn. Auf YouTube tauchten zynische Werbespots auf: "Lukoil - Partner der Moskauer Friedhöfe". Der in Russland bekannte Rapper Noize MC begab sich in die Rolle des Lukoil-Vize: "Ich gehöre zu einer höheren Gattung Mensch. Kenne keine Probleme, die ich nicht mit Bestechung lösen kann. Überwinde Raum und Zeit und erreiche, dass Überwachungskameras versagen."
"Kompetenzmängel einzelner Polizeibeamter"
In zahllosen Kommentaren entlud sich der Hass auf die Magnaten, die ihr Vermögen in den neunziger Jahren zusammengerafft hatten. Und der Ärger über ein politisches System, das seiner Elite nach wie vor erlaubt, sich jenseits der Gesetze zu bewegen. Moskauer Künstler schrieben einen Protestbrief an Präsident Dmitrij Medwedew. Der forderte seinen Innenminister auf, den Unfall rückhaltlos aufzuklären.
Auch andere haarsträubende Eigenmächtigkeiten der Moskauer Polizei wurden vorige Woche allein durchs Internet aufgedeckt. Da entwickle sich "eine Art soziales Netz engagierter Russen", freute sich die oppositionelle Zeitung "Nowaja gaseta" über die Gegenwehr der Bürger - der Staat und der gern im Internet surfende Kreml-Chef kämen gar nicht mehr umhin, darauf zu reagieren.
Im Fall Lukoil zeigten die Proteste erste Erfolge: Der Direktor der Moskauer Verkehrspolizei erklärte vor einem Parlamentsausschuss, die Behauptung, die Unfallschuld läge bei der Fahrerin, sei Kompetenzmängeln einzelner Polizeibeamter zuzuschreiben. Auf der Web-Seite des Konzerns aber war von Läuterung noch nichts zu spüren: "Wir bemühen uns, in der größtmöglichen Öffentlichkeit mit sozialverantwortlichem Verhalten assoziiert zu werden", heißt es dort nach wie vor.
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das verfahren wurde wieder aufgenommen. mehr...
Grundsätzlich hat der Putins Wladimir nicht Unrecht, wenn er meint, dass die Privatisierungen unter seinem Vorgänger Jelzin ein Raub am Volke waren, doch ist er selbst ein Geschöpf jenes Jelzins und obwohl er sich – gleich dem [...] mehr...
...es wurde sich viel eher darüber empört, dass der Wagen ein Blaulicht auf dieser Spur verwendet hatte. Was an sich nicht zulässig ist für Privatleute. Das regt eher die Leute, dass es eine Wirtschaftselite gibt die sich selbst [...] mehr...
Er hat aber womöglich den Fahrer zur riskanten Fahrt veranlasst. ---Zitat--- 2. Laut russischer Presse war der Lehrer merklich alkoholisiert und ist zu schnell unterwegs gewesen. ---Zitatende--- Im Artikel der hier [...] mehr...
Was wäre denn in Deutschland passiert? Dem Manager wäre nix passiert. Der Fahrer hätte ne Geldbuße, einige Monate bzw. 1-2 Jahre Führerscheinverlust und maximal ne Bewährungsstrafe erhalten, fertig. Der Kraftfahrer ist für das [...] mehr...
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