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24.03.2010
 

Kampf gegen Taliban

Pakistan schickt Obama 56-Seiten-Wunschliste

Von Hasnain Kazim, Islamabad

Pakistanische Soldaten bei einer Übung: Drohnen und Kampfhubschrauber gegen TalibanZur Großansicht
AFP

Pakistanische Soldaten bei einer Übung: Drohnen und Kampfhubschrauber gegen Taliban

Die USA brauchen Pakistan im Kampf gegen die Taliban - jetzt konfrontiert die Regierung des Landes das Pentagon mit einer 56-seitigen Liste voller Forderungen. Nach Waffen, Wirtschaftshilfe und Zusammenarbeit beim Atomprogramm.

Die Taliban in Pakistan schienen nach mehreren Festnahmen wichtiger Kommandeure und US-Drohnenangriffen stark geschwächt. Doch jetzt organisieren sie sich neu - und radikalisieren sich.

Mullah Omar, seit Jahren untergetauchter Taliban-Chef, soll am Wochenende zwei Männer als Nachfolger seines vergangenen Monat in Karatschi verhafteten Vizes Mullah Abdul Ghani Baradar ernannt haben. Ein hochrangiger Kommandeur ließ pakistanische Journalisten wissen, es handele sich dabei um Abdul Qayum Zakir, einen ehemaligen Guantanamo-Häftling, und um Akhtar Mohammed Mansoor.

Beide Männer stehen - im Gegensatz zum verhafteten Baradar - Friedensverhandlungen mit den USA ablehnend gegenüber. Die Ernennung, erklärte der Kommandeur, sei als Signal zu verstehen, "dass die Taliban trotz der Festnahme Baradars zurück im Geschäft sind". Nach Informationen der Zeitung "Daily Times" haben Zakir und Mansoor in einer ersten Amtshandlung kompromissbereite Schattengouverneure in Afghanistan durch radikalere Mitstreiter ersetzt.

Die pakistanische Armee, so lautet die Beschuldigung der Taliban, sei ein Handlanger des CIA. Damit treffen sie einen wunden Punkt. Zu große Nähe zu den USA schadet der pakistanischen Regierung in der Gunst der amerikakritischen Wähler. Zu große Distanz jedoch ist auch nicht nützlich, da Washington die pakistanische Hilfe mit großzügigen Überweisungen entlohnt - zuletzt mit unbemannten Aufklärungsdrohnen und Kampfjets, aber auch mit milliardenschwerer Hilfe für zivile Projekte.

USA wollen "zum gegebenen Zeitpunkt entscheiden"

Nachdem in den vergangenen Monaten regelmäßig hochrangige US-Politiker nach Islamabad reisten, militärische Hilfe im Kampf gegen die Taliban einforderten und zugleich versuchten, Zweifel an der Zuverlässigkeit als Partner auszuräumen, besuchen derzeit pakistanische Politiker und Militärs Washington: Außenminister Shah Mahmood Qureshi, Armeechef Ashfaq Parvez Kayani und der mächtige Chef des Militärgeheimdienstes ISI, General Ahmed Shuja Pasha. Im April will auch Premierminister Yousuf Raza Gilani nach Washington reisen.

Im Gepäck hat die Delegation eine 56 Seiten lange Wunschliste. Darin verlangt Pakistan unter anderem ferngesteuerte Drohnen und Kampfhubschrauber für den Kampf gegen die Taliban. US-Sicherheitsbehörden sollten außerdem intensiver mit dem pakistanischen Militärgeheimdienst ISI zusammenarbeiten. Die Pakistaner verlangen aber auch Hilfe bei der Bewältigung der chronischen Wasser- und Energiekrisen: So fordert Islamabad eine Zusammenarbeit in der Atomenergie, ähnlich der Kooperation zwischen den USA und Indien.

Aus dem Pentagon heißt es, man studiere das Dokument mit den Wünschen und werde "zum gegebenen Zeitpunkt darüber entscheiden".

Qureshi erklärte nach ersten Gesprächen, man habe einen "sehr klaren Plan" vorgelegt, aus dem hervorgehe, "was die pakistanischen Prioritäten sind". Am heutigen Mittwoch beginnt in Washington der amerikanisch-pakistanische strategische Dialog, bei dem Qureshi mit US-Außenministerin Hillary Clinton über den Ausbau der Beziehungen sprechen will. Mit Genugtuung streuen pakistanische Beamte derzeit, dass Pakistan für die USA derzeit wohl "mindestens eine genauso wichtige Bedeutung hat wie Indien".

Die pakistanische Regierung will verhindern, dass Indien seinen Einfluss in Afghanistan vergrößert. Die afghanisch-pakistanischen Beziehungen sind von Misstrauen geprägt. Islamabad befürchtet, dass die Regierung von Hamid Karzai die Partnerschaft mit Neu-Delhi ausbauen könnte - und Pakistan an Einfluss in Afghanistan und an politischer Relevanz im sicherheitspolitischen Gefüge verliert. Ein mit den USA abgestimmtes Vorgehen soll das verhindern.

Die Taliban mutierten zum unkontrollierbaren Monstrum

Pakistan hat in der Afghanistan-Politik eine bemerkenswerte Kehrtwende vollzogen. Das Land hatte in den achtziger Jahren - mit finanzieller Hilfe der USA - die Vorgänger der Taliban, die Mudschahedin, unterstützt, um die sowjetischen Besatzer zurückzudrängen. Nach dem Rückzug der roten Armee stärkte Islamabad die Taliban im Bürgerkrieg gegen die Warlords und sicherte ihnen damit den Weg an die Macht. Auf diese Weise wollte Pakistan sich einen Einfluss im Nachbarland sichern. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 willigte der damalige Militärdiktator Pervez Musharraf nur widerwillig ein, auf Seiten der USA gegen die Taliban zu kämpfen.

Doch in den vergangenen Jahren entwickelte sich das Kind, das Pakistan so lange päppelte, zum unkontrollierbaren Monstrum: Die Taliban ließen sich nicht steuern, schon gar nicht von Pakistan. Sie nutzten das Land als Rückzugsgebiet aus dem afghanischen Kampfgebiet - und überzogen es, aus Rache für die Unterstützung der USA, mit Terror. Als sie schließlich die Kontrolle über das einst bei Touristen beliebte Swat-Tal übernahmen und damit nur noch etwa hundert Kilometer vor der Stadtgrenze Islamabads entfernt waren, war endgültig die rote Linie überschritten.

Seither hat auch Pakistan ein Interesse daran, die Taliban zu bekämpfen. Die Regierung ordnete im Frühjahr 2009, auch auf internationalen Druck, eine Militäroperation in Swat an. Ein zweiter Krieg im Inneren begann im Oktober in Südwaziristan.

Die Feindschaft gegenüber den Taliban ist die Basis der neu entdeckten Freundschaft zwischen Pakistan und den USA. "Wir wollen eine tiefe, langfristige Partnerschaft", sagt Qureshi. Mit Sorge schauen Politiker und Militärs auf den für kommendes Jahr geplanten Abzugsbeginn von US-Soldaten aus Afghanistan. Womöglich bräche dann wieder Chaos aus. Die Region würde erneut destabilisiert, auf Pakistan käme eine neuerliche Flüchtlingswelle zu. Armeechef Kayani bezweifelte kürzlich, dass die afghanische Armee in der Lage sei, demnächst ohne fremde Hilfe zu funktionieren.

Doch das plötzliche Vorgehen Pakistans gegen die Taliban kommt nicht überall gut an. Der frühere Uno-Sonderbotschafter für Afghanistan, Kai Eide, erklärte vergangene Woche in einem BBC-Interview, die Verhaftung Mullah Baradars und einem Dutzend weiterer Taliban-Kommandeure durch pakistanische Sicherheitskräfte habe den Prozess der Annäherung an die Taliban zum Stillstand gebracht.

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Fakten über Pakistan

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Pakistan entstand 1947 aus den überwiegend muslimischen Teilen von Britisch-Indien. Zunächst bestand es aus den beiden Landesteilen West- und Ostpakistan, zwischen denen mehr als 1500 Kilometer Entfernung lagen. Beiden Teilen mangelte es jedoch an einer gemeinsamen nationalen Identität. Nach einem Krieg, bei dem Indien dem Osten half, entstand 1971 als neuer Staat Bangladesch .

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