Aus Chicago berichtet Till Mayer
Nachts kommt der Dschungel. Sobald die Müdigkeit die Augenlider fallen lässt. Der Dschungel ist finster, und in der Dunkelheit warten die Toten ungeduldig auf Barry Romo. Grausam Verstümmelte. Gefallene Kameraden.
Im Dschungel ist es laut. So laut wie Schreie, Granateneinschläge, dröhnende Hubschrauber und MG-Salven im Kopf nur lärmen können. Unerträglich ist das letzte kurze Klagen, bevor ein Leben vergeht. Die unsägliche Stille danach, die die Brust zerreißt. Auch das kann der Dschungel sein.
"Der Dschungel ist ein unheiliger Ort", würde Barry Romo vielleicht sagen, wenn er seinen eigenen Glauben nicht verloren hätte. Vor 42 Jahren in Vietnam.
Es ist nicht so, dass Barry Romo dem nächtlichen Dschungel nicht entkommen könnte. Mit genügend Schlaftabletten wäre es möglich. Sie müssten nur so stark sein, dass sie den 62-Jährigen auch wirklich in einen Tiefschlaf versenken. Nur hat er dann am nächsten Tag Mühe aufzustehen. Weil sich seine Knochen so schwer anfühlen, als wären sie aus Blei gegossen. Dann müsste er zu anderen Tabletten greifen. Solche, die munter machen.
"Tabletten sind keine Lösung", sagt Barry Romo deshalb. Und so nimmt er meist keine. Was nicht bedeutet, dass er gelernt hat, mit dem Dschungel fertigzuwerden. Das, weiß der traumatisierte 62-Jährige, wird ihm wohl nie gelingen. Aber er hat sich auf ihn eingestellt.
Barry Romo hat sich wie ein Ritter gefühlt
Der Vietnam-Veteran hat in seiner kleinen Wohnung in Chicago kein Bett stehen, weil ihn die Alpträume nachts über die Bettkante wälzen. Also schläft er auf einer Matratze am Boden. Schon seit über 40 Jahren. Manchmal rollt er im Schlaf gegen die Bücherregale, die links und rechts aufragen und deren Inhalt meist nur ein Thema kennt: den Krieg.
"Ein Bett, da würde ich fast jede Nacht herausstürzen", der 62-Jährige schüttelt nur den Kopf. Beim Sprechen hält er sich manchmal scheu die Hand vor dem Mund. Im Schlaf mahlen seine Zähne aneinander, Millimeter um Millimeter hat er sie so regelrecht abgeschliffen.
An den Wänden hängen Poster und Bilder. Ihr Thema: Krieg. Eines hat ihm ein Kamerad gemalt. Ein Porträt mit Stahlhelm und weit aufgerissenen Augen. Pure Angst, in dunklen Ölfarben auf Leinwand festgehalten.
Darunter steht auf dem Regal ein Foto des Teenagers Barry in Uniform. Dem 18-jährigen Katholiken mit irischen und mexikanischen Wurzeln, der auszog, gegen das "Böse" zu kämpfen. "Schon auf der katholischen Highschool haben sie uns eingetrichtert: Kämpft gegen die Kommunisten, schützt die vielen Glaubensbrüder in Vietnam", sagt Barry Romo. Er meldet sich freiwillig.
Wie ein Ritter hat er sich gefühlt, der junge Leutnant. Frisch von der Offiziersschule geht es direkt in den Krieg. Aus dem Ritter wird bald ein Landsknecht. Mindestens sechs Menschen tötet Barry Romo. "We got brutalized", sagt der Veteran heute. Sie waren total verroht.
"Bin ich ein guter Anführer?"
"Brutalized" heißt: Irgendwann greift er nicht mehr ein, wenn seine Leute vietnamesische Bauern schlagen, wenn sie, meist ohne Dolmetscher, die Dorfbewohner "verhören". Absurde "Search & Destroy"-Einsätze, "Body Counts" getöteter Vietcongs - das fordert die Militärführung. Doch Barry Romo kämpft längst nur noch darum, seine kleine Truppe ohne hohe Verlust durchzubringen.
Drei seiner Männer sterben vor seinen Augen, was aus den Verwundeten wird, die ausgeflogen werden, erfährt der junge Leutnant selten. "Bei jedem von ihnen habe ich mich gefragt, bin ich ein guter Anführer? Ich war 18 und für das Leben von 45 Männern verantwortlich", sagt Romo. Und versucht, ganz sachlich zu klingen
Doch seine Stimme zittert immer wieder: Als er vom nordvietnamesischen Soldaten berichtet, den sie in einem Dorf überraschen. Barry Romo lässt ihn nicht entkommen.
Drei, vier, fünf Feuerstöße mit der M 16. Body Count.
"Mein Gott, der Mann hatte seine Därme gehalten", sagt der 62-Jährige. Für kurze Zeit herrscht Stille in der Küche. Barry Romo hustet unter seinem gerahmten Vietcong-Poster. Er könne auch den Tod der fünf weiteren Vietnamesen erzählen, sagt er. Es ist nicht die Wahrheit. Der 62-Jährige hat dazu nicht mehr die Kraft. Er sitzt auf seinem Küchenstuhl, die Füße zucken unstet, als würde er gleich wieder loslaufen. Wie damals, auf der Vietcong-Jagd. Hätte er noch einmal die Wahl, wohl in die andere Richtung, als die, in die er einst lief.
Auf anderen Social Networks posten:
Mein Großvater war Scharfschütze an der russischen Front und hat ohne Zehen überlebt, nachdem er während dem Zusammenbruch der Ostfront in die amerikanische Gefangenschaft geflohen ist. Zu Beginn seiner Rückkehr hat ihn selbst [...] mehr...
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Soldaten aller Zeiten nicht auch durch das Erleben der unmittelbaren Todesgefahr traumatisiert wurden. Wahrscheinlich aber konnten sie es früher mehr verdrängen als heute, weil -sie sich mehr [...] mehr...
Man hat nicht darüber geredet? Man hat dafür gesorgt, dass nichts an die Öffentlichkeit kommt? Weil die vielleicht selber mit anderen wichtigen Dingen beschäftigt war? Weil man gesagt hat "das wird schon wieder"? [...] mehr...
Wer im Kampf den militärischen Gegner, der auf ihn schießt, tötet, wird später nicht traumatisiert, auch wenn die Zahl der Getöteten groß ist. Es gilt:" Ich oder sie, ich hatte keine Wahl." Und später regt sich wohl [...] mehr...
Meinen Sie mit "Herzblut" dasjenige, das dann auch beim Volltreffer des Gegners als erstes und unwiderbringlich verspritzt wird? Und meinen Sie mit "Weicheiern" die, das nicht so gerne hergeben mögen? Ja, [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Vietnam-Krieg | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH