SPIEGEL ONLINE: Herr Schaller, wenige Tage nach Ihrer Ankunft in Kunduz haben Sie es mit dem schwersten Gefecht seit Beginn des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan zu tun, gleich drei Männer sind gefallen. Wie gehen die Soldaten mit dieser Situation um?
Schaller: Trauer äußert sich auf unterschiedliche Weise, das ist in der Truppe nicht anders als in anderen Bereichen der Gesellschaft. Manche Soldaten ziehen sich in sich zurück, sind ganz still. Andere weinen. Wieder andere sind wütend, manche aggressiv. Jeder reagiert auf seine Weise. Das ist alles ganz normal. Aber nicht nur ich bin neu in Kunduz, sondern auch die meisten Soldaten. Das neue Kontingent ist erst vor wenigen Tagen in Afghanistan angekommen, manche jungen Männer und Frauen sind zum ersten Mal am Hindukusch.
SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von Normalität - ist der Krieg inzwischen zum Alltag für die Truppe geworden?
Schaller: Normal sind die Abläufe der Trauerbewältigung, aber nicht der Einsatz und seine Folgen. Todesfälle sind glücklicherweise eher selten. Ich merke natürlich, dass für die Männer und Frauen nur schwer zu fassen ist, was geschehen ist.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Soldaten vom Tod ihrer Kameraden erfahren?
Schaller: Zunächst hieß es ja, dass es nur einen Verwundeten gibt. Anschließend kam die Meldung von einem Toten. Ich bin sofort ins Sanitätszentrum gelaufen, dort trafen viele Verletzte per Hubschrauber ein - und im Laufe des Nachmittags leider zwei weitere Gefallene. Bei jedem Toten dachte ich: Bitte nicht noch einen! Gemeinsam mit dem Truppenpsychologen habe ich mit dem Kompaniefeldwebel aus jener Einheit gesprochen, zu der die Betroffenen gehörten. Der hat dann seine Soldaten informiert.
Schaller: Die werden in der Regel persönlich von einem Soldaten und einem Seelsorger vor Ort informiert. Ich kenne das aus meiner früheren Arbeit als Notfallseelsorger, da muss man sehr häufig Menschen über den Tod eines Angehörigen informieren.
SPIEGEL ONLINE: Sie teilen sich in Kunduz Ihre Aufgabe mit einem Psychologen?
Schaller: Wir stehen beide für Gespräche zur Verfügung. Aber unsere Rollen sind schon unterschiedlich. Im Gegensatz zum Truppenpsychologen habe ich zum Beispiel keinen Dienstgrad, bin also kein Soldat. Als Militärpfarrer bin ich also bei der Bundeswehr, bin aber in das Befehlssystem nicht eingebunden. Zwar unterliegt auch der Truppenpsychologe der Schweigepflicht, aber im Gegensatz zu mir gibt er Empfehlungen ab, zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, ob ein Soldat die Belastungen des Einsatzes nicht mehr aushält und nach Hause will.
SPIEGEL ONLINE: Kommt das seit dem Gefecht am Karfreitag häufiger vor?
Schaller: Natürlich äußern Soldaten diesen Wunsch, nicht nur die, die unmittelbar an den Kämpfen beteiligt waren. Aber auch das ist ganz natürlich. Plötzlich fehlt derjenige, mit dem sie wenige Stunden zuvor vielleicht noch gefrühstückt oder eine Unterkunft im Lager hier in Kunduz geteilt haben. Warum ist dieser Mensch plötzlich nicht mehr da? Warum bleibt das Bett nebenan auf einmal leer? Wenn man so etwas erlebt, hat alles keinen Sinn mehr. Menschen reagieren in solchen Situationen emotional. Aber nicht umsonst sagt man bei der Bundeswehr, dass man über Probleme am besten eine Nacht schlafen sollte. Am nächsten oder übernächsten Tag sieht die Welt dann vielleicht wieder heller aus.
SPIEGEL ONLINE: Sind die Soldaten eigentlich ausreichend auf das Thema Tod vorbereitet?
Schaller: Wer ist das in der heutigen Zeit schon? Das Thema wird verdrängt, man spricht ungern darüber und will sich damit nicht befassen. Früher starben die Großeltern noch zu Hause, heute tun sie das im Altersheim oder im Krankenhaus. Den Menschen fehlen also ganz allgemein Erfahrungen mit dem Tod. In der Bundeswehr ist das aber ein Thema. Es gibt zum Beispiel den sogenannten lebenskundlichen Unterricht, in dem über das Sterben, gerade im militärischen Einsatz, gesprochen wird.
SPIEGEL ONLINE: Und auch über das Töten? Auch das wird immer häufiger Alltag eines deutschen Soldaten. Was sagen Sie als Geistlicher dazu, wo doch das biblische Gebot das Töten verbietet?
SPIEGEL ONLINE: Gut, die Soldaten mögen theoretisch aufs Sterben und Töten vorbereitet sein. Sie erleben die Praxis, wie sieht es dort aus?
Schaller: In der Praxis begegnet einem der Tod immer mit einem neuen Gesicht. Darauf kann man nicht vorbereitet sein, und man kann es nicht erklären. Es ist wie mit der Liebe: Versuchen Sie mal, Liebe zu beschreiben. Sie können noch so viel reden, in echt ist sie ganz anders. So verhält es sich auch mit dem Tod. Beim Militär geht es meist um sehr junge Menschen, die erst recht nicht an den Tod denken.
SPIEGEL ONLINE: Aber am Karfreitag traf es mehrere Bundeswehrsoldaten, drei starben, und andere töteten aus Versehen afghanische Soldaten. Dann müssen Sie doch erklären und beschreiben.
Schaller: Ich bin dazu da, da zu sein. Ich höre den Menschen zu, bei mir können sie sich ausreden. Sie wissen, dass ich es für mich behalte. Ich kann ihnen keine Ausbildung geben, wie man mit dem Tod umgeht, man kann die Folgen eines Krieges nicht unterrichten. Aber durch das Reden können diese Folgen erträglicher werden. Der Bedarf ist groß: Nach dem Vorfall am Freitag war ich bis nachts um halb zwei im Camp unterwegs.
SPIEGEL ONLINE: Und wer hilft Ihnen in dieser schwierigen Situation?
Schaller: Mich haben noch am Freitagabend im Camp Soldaten gefragt: Wie geht es dir eigentlich? Das allein hilft schon sehr. Ich unterhalte mich außerdem mit dem Truppenpsychologen und meinem Mitarbeiter, der mein Büro hier organisiert. In der Nacht nach dem Gefecht sagte mir ein Soldat, als ich ins Bett gehen wollte: Wir brauchen Sie dann aber nicht vor 8 Uhr. Da merkte ich: Jemand macht sich auch Gedanken über mich, er möchte, dass ich zur Ruhe komme. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie mich das berührt hat.
Das Interview führte Hasnain Kazim in Kunduz
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