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09.04.2010
 

Gedenkfeier für Gefallene

"Mit Ihnen trauert ein ganzes Land"

Aus Selsingen berichtet Maria Marquart

Foto: AP

Mehr als tausend Menschen haben von den in Afghanistan getöteten Soldaten Abschied genommen. Erstmals nahm auch Kanzlerin Merkel an einer Trauerfeier für Gefallene teil. Sie verteidigte den Einsatz am Hindukusch. Verteidigungsminister Guttenberg versuchte, den Familien der Opfer Trost zuzusprechen.

Die Grausamkeit des Krieges in Afghanistan hat Angela Merkel direkt vor Augen. Nur wenige Schritte von der Kanzlerin entfernt sind die drei Särge und Porträts der nahe Kunduz gefallenen Soldaten aufgebahrt. Neben und hinter der Kanzlerin sitzen die Angehörigen und Freunde der Toten. Die Sankt-Lamberti-Kirche in Selsingen ist klein. Die Trauernden müssen zusammenrücken.

In der niedersächsischen Provinz nimmt das Land Abschied von den Männern. Mehr als tausend Soldaten und Bürger sind am Freitag in den kleinen Ort Selsingen gekommen, die meisten passen gar nicht in die Kirche. Sie schauen auf einer Leinwand im Freien zu. An den Ortsschildern hängt Trauerflor. Nur wenige Kilometer entfernt, in der Kaserne Seedorf, waren Nils Bruns, Robert Hartert und Martin Augustyniak stationiert. Erst Ende Februar brachen sie mit ihren Kameraden nach Afghanistan auf. Am Karfreitag wurden sie bei Gefechten mit Taliban nahe Kunduz erschossen. Sie wurden 35, 25 und 28 Jahre alt.

Nun sitzen Freunde und Angehörige in der kleinen Dorfkirche fassungslos vor den Särgen der drei Toten. "Befürchtet hatten wir diesen Tag, aber wir hatten gehofft, dass er uns erspart bleibt", sagt Militärdekan Hartmut Gremler. Schon 39 Soldaten sind beim Einsatz in Afghanistan gestorben. Nun nimmt die Kanzlerin zum ersten Mal an einer Trauerfeier für gefallene Soldaten teil.

Erst in letzter Minute sagte Merkel ihr Kommen zu - wohl auch, weil der öffentliche Druck zu groß wurde. Nun sitzt sie inmitten der Angehörigen und Freunde der Toten in der ersten Kirchenbank. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat in der Bankreihe neben ihr Platz genommen.


Der Militärdekan erzählt auch von der privaten Welt der Getöteten, geplanten Campingtouren mit der Familie, von ihren kleinen Kindern, von der Begeisterung für Fußball und Kraftsport. Mit Bibelworten versucht er, den Angehörigen Trost zu spenden. "Warum lässt du das zu, Gott?", fragt der Pastor.

In der Kirche ist auch ein Soldat, der bei dem Gefecht am Karfreitag verwundet wurde. Einige Männer, die um ihre Kameraden trauern, müssen im Sommer selbst nach Afghanistan in den Einsatz. Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden. Doch als Kanzlerin muss Angela Merkel es versuchen.

"Am letzten Samstag habe ich mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai telefoniert", beginnt sie ihre Rede. Man habe außer über die toten deutschen Soldaten auch über die sechs afghanischen Soldaten gesprochen, die versehentlich getötet wurden. Dann spricht die Kanzlerin den Angehörigen der drei Gefallenen "mein tief empfundenes Mitgefühl" aus, den Toten zollt sie Respekt: "Ich verneige mich vor ihnen, Deutschland verneigt sich vor ihnen."

Politikerin, nicht Trauerrednerin

Merkel ist Politikerin, eine Trauerrednerin ist sie nicht. Statt persönlicher Worte setzt sie auf politische Ausführungen. Die Kanzlerin verteidigt das Engagement der Bundeswehr in Afghanistan und spricht über den Wiederaufbau. "Ich stehe sehr bewusst hinter diesem Einsatz", sagt sie. Er sei nötig, "weil er der Sicherheit unseres Landes dient". Der Einsatz in Afghanistan werde "nicht einen Tag länger dauern als erforderlich". Einen konkreten Abzugstermin nennt die Kanzlerin nicht.

Das Völkerrecht bewerte die Lage in Afghanistan als nicht internationalen bewaffneten Konflikt, führt sie aus. Viele Soldaten aber sprächen von Bürgerkrieg oder Krieg. "Und ich verstehe das gut", sagt Merkel.

Verteidigungsminister Guttenberg wählt klarere Worte: "Was wir am Karfreitag in Kunduz erleben mussten, das bezeichnen die meisten verständlicherweise als Krieg - ich auch", sagt er. Seine Rede wirkt wie das Kontrastprogramm zur Kanzlerin - vielleicht haben die beiden es auch so abgesprochen.

Als oberster Dienstherr der Soldaten berichtet Guttenberg über das Leben der drei Gefallenen, die Angehörigen spricht er ganz direkt an. "Sie sind mit Ihrer Trauer nicht allein", sagt er. "Mit Ihnen trauert ein ganzes Land." Die Soldaten in Afghanistan bräuchten die Unterstützung und den Rückhalt der Gesellschaft, fordert der Verteidigungsminister. Seine kleine Tochter habe ihn gefragt, ob sie auf die Gefallenen stolz sein dürfe und ob diese Helden seien. "Ich habe beide Fragen nicht politisch, sondern einfach mit Ja beantwortet", sagt Guttenberg. Die drei Fallschirmjäger seien von denjenigen getötet worden, "denen ein Menschenleben nichts, rein gar nichts zählt", erklärt er mit Blick auf die Taliban.

Zum Ende ihrer Reden verneigen sich Merkel und Guttenberg vor den Särgen der toten Soldaten. Als die Kanzlerin zu ihrem Platz zurückgeht, sucht sie den Blick der Angehörigen. Für diese zählte vielleicht weniger der Inhalt der Rede als die Tatsache, dass Merkel gekommen war.

Als die gefallenen Soldaten von ihren Kameraden aus der Kirche getragen werden, brechen viele der Angehörigen in Tränen aus. Eine junge Frau lässt schluchzend zwei weiße Papiertauben auf einen der Särge segeln. Vor der Kirche stehen Hunderte Soldaten Spalier, als die in schwarz-rot-goldene Fahnen gehüllten Särge vorübergetragen werden.

Die Trauerfeier ist vorbei. Für die Angehörigen ist der blutige Karfreitag von Kunduz noch lange nicht zu Ende.

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Der schwarze Karfreitag von Kunduz

Drei tote Bundeswehrsoldaten, sechs versehentlich erschossene Afghanen - der Karfreitag war einer der schlimmsten Tage der deutschen Mission am Hindukusch. Wie es dazu kam, ist in einer Chronologie zu sehen - klicken Sie auf die Überschriften, um mehr zu erfahren

Quelle: Bundeswehr; alle Angaben in afghanischer Ortszeit

13.04 Uhr: Der Hinterhalt der Taliban

14.50 Uhr: Panzerfahrzeug gerät in Sprengfalle

15.35 Uhr: Taliban-Attacke auf die Polizei

19.42 Uhr: Die versehentlichen Todesschüsse

21 Uhr: Die Ablösung trifft ein

21.50 Uhr: Die erste Einheit kehrt zurück ins Camp


Der Bundeswehreinsatz in Kunduz

Die Mission der Bundeswehr

AP
Die Bundeswehr engagiert sich seit 2003 in der nordafghanischen Provinz Kunduz. Im Rahmen der internationalen Sicherheits- und Aufbautruppe Isaf soll sie für ein stabiles Umfeld sorgen.

Kunduz war der erste Einsatzort der Bundeswehr in Nordafghanistan, wo inzwischen der deutsche Einsatzschwerpunkt liegt. Im Vergleich zum umkämpften Süden des Landes galt die Region lange als eher ruhig. Mittlerweile kommt es aber auch dort immer wieder zu schweren Anschlägen der radikal-islamischen Taliban.

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Tod afghanischer Zivilisten





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