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11.04.2010
 

Kunduz

Karzai und McChrystal erklären deutsches Einsatzgebiet zur Krisenzone

Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada, Kabul

Krisenzone Kunduz: Spontaner Besuch von Präsident und Isaf-Chef
Fotos
AP

VIP-Besuch mit Signalwirkung: Afghanistans Präsident Karzai und US-Chefkommandeur McChrystal haben in Kunduz Stammesführer umworben - und die Deutschen mit ihrer Spontanreise überrascht. Diplomaten erwarten, dass mitten im Gebiet der Bundeswehr eine Großoffensive bevorsteht.

Der afghanische Präsident Hamid Karzai hat gemeinsam mit dem Chef aller Nato-Truppen in Afghanistan das nordafghanische Kunduz besucht. Bei dem spontanen Besuch unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen am Sonntag trat Karzai mit US-General Stanley McChrystal vor Würdenträgern der Region auf. In seiner Rede erneuerte er sein Angebot, Kämpfer und auch Kommandeure der Taliban wieder in die afghanische Gesellschaft zu integrieren, wenn diese ihre Waffen niederlegen.

Der kurze Besuch von Karzai und McChrystal im Krisenherd von Nordafghanistan hatte Symbolcharakter. Zum einen sollte er signalisieren, dass die Nato trotz der heftigen Spannungen zwischen den USA und dem afghanischen Präsidenten weiter mit Karzai kooperiert - zumal die US-Minister Hillary Clinton und Robert Gates an diesem Sonntag Entspannungssignale an ihn sendeten. Zum anderen machte Karzai klar, dass er trotz seiner vielen kritischen Äußerungen über tote Zivilisten bei Nato-Angriffen, trotz seiner absurden Tiraden gegen den Westen zumindest mit dem militärischen Chef der Schutztruppe Isaf zusammenarbeiten will.

Für Deutschland ist der Besuch ein Zeichen, dass in Kunduz in naher Zukunft größere gemeinsame Einsätze der US-Armee mit afghanischen Einheiten gegen die Taliban bevorstehen. Diplomaten erwarten gar, dass es rund um den Bundeswehrstandort in diesem Sommer eine Großoffensive ähnlich wie vor einigen Wochen in Mardscha in Südafghanistan gibt. Konkret sprach Karzai dies in Kunduz nicht an - allerdings hatte er auch in Helmand vor dem Einsatz ähnliche Treffen organisiert, um für Rückhalt bei den Stammesführern zu werben.

Deutscher Offizier: "Die USA nehmen uns das Heft aus der Hand"

McChrystal hielt sich bei dem Treffen bewusst zurück. Die US-Armee verstärkt derzeit ihre Einheiten in Nordafghanistan massiv. Rund 5000 Soldaten und mehr als 70 Hubschrauber sollen möglichst bald im Bundeswehrgebiet stationiert sein. Dass die US-Kampfeinheiten lediglich die Ausbildung der afghanischen Armee und der Grenzpolizei verbessern sollen, glaubt niemand mehr. Vielmehr hat Vier-Sterne-General McChrystal Kunduz als zweite Krisenzone nach der Taliban-Hochburg Kandahar identifiziert und will den Kampf dort viel aggressiver führen.

Für die Nato hat Kunduz eine zentrale Bedeutung. Die neue Logistikroute der Allianz führt durch die bisher von den Deutschen kontrollierte Provinz. Schon jetzt bedrohen die Taliban durch Anschläge auf Konvois und Überfälle auf Transporte den reibungslosen Nachschub von Sprit, Waffen und Ausrüstung. Das Kalkül der US-Armee: Mit einem harten Durchgreifen gegen die vor allem in der Region Chahar Darreh südwestlich von Kunduz beheimateten Aufständischen soll deren Schlagkraft deutlich vermindert werden.

Einen glühenden Unterstützer haben die US-Truppen im Gouverneur der Provinz Kunduz gefunden. Bei dem Treffen mit Karzai forderte Mohammed Omar erneut ein härteres Durchgreifen der Nato-Truppen. "Die Situation wird sich nicht nur hier verschlechtern, sondern auch andere Provinzen in der Region destabilisieren", sagte Omar. Konkret redete er über die strikten Einsatzregeln der Deutschen, die ein offensives Durchgreifen gegen die Taliban verhinderten. Omar hatte in der Vergangenheit die rigiden Aktionen der US-Armee stets gelobt. Nun forderte er alle Nato-Nationen auf, Kampftruppen in den Norden zu verlegen.

Welche Rolle die Bundeswehr bei einer Offensive gegen die Taliban spielen wird, ist weitgehend unklar. In den vergangenen Wochen beobachteten die Deutschen fast jede Nacht Zugriffe von US-Spezialeinheiten im unmittelbaren Umfeld des Camps. Zwar wird die Bundeswehr über die Einsätze der nicht gerade zimperlichen Elite-Krieger in der letzten Zeit meist informiert. Wen diese aber festnehmen oder töten und was die Gesamtstrategie der USA in Kunduz ist, das erfahren die Deutschen nicht. "Die USA nehmen uns das Heft des Handelns aus der Hand", sagt ein hoher Offizier.

US-General McChrystal wirbt in Berlin um Unterstützung

Die deutsche Rolle in Kunduz zeigte sich symbolisch auch bei dem VIP-Besuch. Erst in letzter Minute wurde das Feldlager über den hohen Besuch informiert. Zumindest den Kommandanten des Camps, Oberst Reinhardt Zudrop, lud Karzai ein, mit ihm zu dem Treffen zu kommen. Für den zivilen Leiter der deutschen Mission war hingegen trotz Bemühungen der Botschaft in Kabul kein Platz. Immerhin bedankte sich Karzai in seiner Rede dafür, dass sich Kanzlerin Angela Merkel für die sechs von der Bundeswehr versehentlich erschossenen afghanischen Soldaten entschuldigt hat.

In den Details seiner Rede erneuerte Karzai sein Angebot an die Taliban, ihre Waffen niederzulegen. Mit viel Pathos inszenierte er sich als Vater der afghanischen Nation. "Meine Brüder, kommt zu mir, wenn ihr Probleme habt oder Probleme bei uns seht, meine Tür steht euch offen", rief er den Würdenträgern zu. "Hört damit auf, eure Brüder zu töten und euer Land zu zerstören." Karzai bietet den Taliban seit Monaten an, in Friedensgespräche einzutreten, die Aufständischen haben dies stets abgelehnt. Stattdessen bewiesen die Taliban pünktlich zum Karzai-Besuch ihre Entschlossenheit: Insgesamt vier Raketen feuerten sie vor der Landung des Präsidenten auf das Hochplateau bei Kunduz, auf dem sowohl das deutsche Lager als auch der Flughafen liegt. Die Raketen schlugen weit vom Lager und dem Flughafen entfernt ein - gleichwohl sagten Karzai und McChrystal wegen dieses Beschusses ein Treffen mit deutschen Soldaten spontan ab. Mehr als 300 deutsche Soldaten warteten vergeblich auf den Termin mit Karzai.

Was US-General McChrystal vorhat, wird er schon bald in Berlin erläutern. Nach SPIEGEL-Informationen will er übernächste Woche um mehr deutsche Unterstützung für den Einsatz werben. Gleich mehrere Tage bleibt der Vier-Sterne-General in der Hauptstadt, hat Termine mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, im Bundeskanzleramt und im Außenministerium. Außerdem wird McChrystal vor den mit Afghanistan befassten Ausschüssen des Bundestags sprechen.

Im Verteidigungs- und im Außenausschuss wird der eine oder andere Abgeordnete von ihm sicher gerne wissen wollen, was auf die Bundeswehr in Kunduz zukommt.

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