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18.04.2010
 

Armenier in der Türkei

Hilflos unter dem Halbmond

Von Maximilian Popp, Istanbul

Armenier und Türken: Misstrauische Nachbarn
Fotos
REUTERS

Besatzung, Krieg, Völkermord: 100 Jahre Feindseligkeit liegen zwischen Türken und Armeniern. Nun wollen sich die Nachbarn versöhnen, doch der Widerstand ist groß. Und in der Türkei kämpfen die Armenier gegen ihr Verschwinden.

Wie eine Schlange liegt der Fluss im leeren Land. Wurzeln winden sich aus dem Wasser, am Ufer zupfen abgemagerte Kühe an den Grashalmen. Es gibt keine Brücke über diesen Fluss, keine Fähre. Nur zwei zerschlissene Pfeiler auf beiden Seiten. Die Trasse dazwischen fehlt. Sie ist zerfallen, zerstört oder weggesprengt.

Der Arpay Cayi ist wie eine Mauer ohne Tür. Dort, wo einst ein Weg war über den braunen Fluss, ist heute nur noch eine Grenze, die Grenze zwischen Armenien und der Türkei - geschlossen und unpassierbar. Auf beiden Seiten haben Militärs Checkpoints errichtet. Soldaten sitzen auf Sandsäcken, rauchen, laden Gewehre.

Ein Jahrhundert Feindseligkeit liegt zwischen Türken und Armeniern. Noch immer streiten die beiden Länder darüber, was im April 1915 geschah: Eineinhalb Millionen Armenier seien von den Osmanen aus Anatolien vertrieben und ermordet worden, sagen die Armenier. Die Türken sprechen von 300.000 Menschen, die in den Wirren des Ersten Weltkriegs ums Leben kamen. Alle Versuche, den Streit beizulegen, sind bisher gescheitert.

Wie heikel das Thema Völkermord für die türkische Diplomatie ist, zeigte sich vor wenigen Wochen, als Ankara seinen Botschafter aus Washington zurückrief, weil der Auswärtige Ausschuss im US-Kongress die Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich als Genozid bezeichnete.

"Dieser Streit nützt niemandem"

Und ein weiterer Konflikt belastet das türkisch-armenische Verhältnis: 1993 überfiel und besetzte Armenien die Enklave Berg-Karabach im benachbarten Aserbaidschan - aus Solidarität mit dem Verbündeten Aserbaidschan hat die Türkei die Grenze komplett versiegelt.

"Dieser Streit nützt niemandem. Wir müssen die Vergangenheit endlich hinter uns lassen", sagt Hali Arcan. Der Ingenieur lebt in Kalkankale, dem letzten türkischen Dorf vor der Grenze zu Armenien. Hühner picken im Schlamm, Schweine suhlen sich in den Pfützen der letzten Regennacht. Wie Aussatz überzieht Rost das Dorf. Er nagt an den Fensterläden der Häuser, frisst an den Blechdächern, zersetzt die alten Traktoren. "Sehen Sie sich um: Die Menschen hier sind arm. Wir brauchen Fortschritt. Die Regierung muss die Grenze öffnen."

Arcans Meinung teilen viele Menschen in der Region. Sie sind den kalten Krieg gegen die Armenier leid. Sie möchten raus aus der Isolation. Wäre die Grenze offen, würden mehr Touristen kommen, glauben sie. Und der Handel mit Armenien würde der Wirtschaft helfen. "Deutsche und Franzosen haben es doch auch geschafft", sagt Arcan.

An den Ufern des Arpay Cayi fischen Türken und Armenier. Der Wind kämmt das Gras in strenge Linien. Es riecht nach Moder und Erde. Die Fischer grüßen sich über den Fluss hinweg. "Wir sind Brüder", sagen sie. "Wenn es hier regnet, regnet es auch auf der anderen Seite des Flusses. Wenn der Fisch hier nicht beißt, beißt er auch dort nicht."

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Armenien

Das christliche Armenien liegt mit seinen 2,5 Millionen Einwohnern wie eingekeilt zwischen der Türkei, Aserbaidschan und Iran. Es ist Russlands letzter Verbündeter im Südkaukasus. Armeniens Grenzen zu Aserbaidschan und der Türkei sind wegen des Konflikts um die 1988 bis 1994 blutig umkämpfte Region Berg-Karabach geschlossen.





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