Von Julia Jüttner
SPIEGEL ONLINE: Herr Schaller, Sie sind seit Mitte März in Kunduz. Sie haben vor zwei Wochen das bisher schwerste Gefecht seit Beginn des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan erlebt, als drei Kameraden starben. Nun sind erneut vier Männer gefallen. Was hat sich jetzt geändert?
Schaller: Hier herrscht ungemein große Betroffenheit und Traurigkeit, auch weil erst vor zwei Wochen drei Kameraden ums Leben kamen, viele verletzt wurden. Alle hier sind absolut schockiert.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Eindruck haben Sie von den Soldaten?
Schaller: Alle sind sehr bedrückt und halten sich mit Äußerungen zurück. Der letzte Vorfall ist erst ein paar Stunden her, wir sind alle zutiefst berührt, aber wir wissen auch, dass unser Dienst weitergeht. Jeder ist weiterhin gefordert. Unsere Arbeit hier ist wichtig.
SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die psychologische Betreuung der Soldaten aus?
Schaller: Gemeinsam mit einem Psychologen stehe ich für Gespräche zur Verfügung. Wir versuchen, einfach für sie da zu sein, ihnen beizustehen, mit ihnen zu reden, wenn sie das Bedürfnis haben. Jeder verarbeitet ein solches Ereignis anders. Manche Soldaten ziehen sich in sich zurück, sind ganz still. Andere weinen, suchen Anschluss. Wieder andere sind wütend, manche aggressiv. Jeder reagiert auf seine Weise.
SPIEGEL ONLINE: Wie erfahren die Angehörigen in Deutschland vom Tod ihrer Verwandten?
Schaller: Die werden in der Regel persönlich von einem Soldaten und einem Seelsorger vor Ort informiert.
SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie einem Soldaten, der Sie fragt, ob der Einsatz im Kunduz überhaupt Sinn macht?
Schaller: Darauf gibt es keine Standardantwort, so wenig wie es einen Standardsoldaten gibt. Wir gehen auf jeden einzelnen ein und versuchen, uns dessen Angst zu nähern: Was macht dir Angst? Wie entsteht sie?
SPIEGEL ONLINE: Ihr Kollege, Militärdekan Hartwig von Schubert, sprach von einer Sinnkrise.
Schaller: Der eine oder andere hier stellt sich sicherlich die Frage nach dem Sinn. Was tun wir hier eigentlich? Was bewegen wir? Warum sind wir hier? Und: Zeigt unsere Arbeit Erfolg?
SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie als Militärseelsorger das Verhalten der militärischen und politischen Führung gegenüber den Soldaten im Kunduz?
Schaller: Die politischen Verantwortlichen sind jetzt gefragt. Ich als Militärpfarrer bin in erster Linie für meine Männer und Frauen da. Es steht mir nicht zu, eine politische Einschätzung abzugeben.
SPIEGEL ONLINE: Wer kümmert sich in dieser schwierigen Situation um Sie?
Schaller: Einige Soldaten haben mich schon gefragt, wie es mir geht - allein das hilft schon. Ich unterhalte mich außerdem mit dem Truppenpsychologen und meinem Mitarbeiter. Ich bin den ganzen Tag im Feldlager unterwegs, mache Gottesdienste oder lade zum Bibelfrühstück ein. Auch mein Dienst muss weitergehen.
Das Interview führte Julia Jüttner
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