Von Matthias Gebauer
Berlin - Diese Frage kennt er schon. Stanley McChrystal atmet tief durch. Werden 2010 noch mehr Soldaten in Afghanistan sterben als in den Jahren zuvor? Der US-Vier-Sterne-General macht eine längere Pause. Seit dem Morgengrauen hatte er Termine in Berlin. Als jetzt die Frage kommt, sitzt er im pompösen Saal "Bellevue" im noch nobleren Hotel Ritz, vor ihm am ovalen Holztisch eine kleine Runde von Journalisten.
Nach einer Weile kommt eine Nicht-Antwort.
Nein, er sei nicht gekommen, um Dinge vorauszusagen oder die deutsche Regierung auf noch mehr Tote vorzubereiten. Das könne er auch gar nicht.
McChrystal will erklären, was er vorhat. Dass die Nato Erfolg haben kann in Afghanistan. Und so beherzt auch nachgefragt wird, er nennt keine einzige Forderung. "Ich frage nicht nach mehr Soldaten", sagt McChrystal. Vielmehr stelle er seine 5000 zusätzlichen US-Soldaten für Nordafghanistan bedingungslos unter deutsches Kommando.
Der General offenbart in Berlin eine erfrischend realistische Sicht auf Afghanistan. Wir können die Mission gewinnen, ist seine Botschaft - doch sicher ist das nicht.
Im vergangenen Jahr hatte er einen Schock ausgelöst, als er sagte, die Taliban und nicht die Nato hätten das Heft des Handelns in der Hand. Nun lautet seine Analyse, dass sich die Situation umdrehe - sehr langsam allerdings. "Wir müssen jetzt handeln, sonst ist es zu spät", sagt er. Da wirbt ein Mann für seinen letzten Anlauf, ja, den finalen Versuch der USA, den Afghanistan-Einsatz irgendwie zu einem guten Ende zu bekommen.
Intensives Gespräch über McChrystals Exit-Strategie
Was sich bei dem Besuch des Isaf-Chefs in Berlin abspielt, überrascht auf den ersten Blick. Erwartet wurden neue Forderungen: mehr deutsche Soldaten, mehr Kämpfer und mehr deutscher Mut zum Risiko. Einige Zeitungen raunten schon von einer Wunschliste, die McChrystal im Gepäck habe. Stattdessen lobt der General die Bundeswehr immer wieder. "Tief bewegt" sei er von den Leistungen, der Professionalität und der Opferbereitschaft der Deutschen. Er trauere um die sieben kürzlich gefallenen Soldaten.
Mit den sanften Worten kommt McChrystal der deutschen Regierung entgegen. Gut drei Stunden nach dem Termin im Ritz steht er in akkurat gebügelter dunkelgrüner Ausgehuniform neben Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, die unzähligen Abzeichen des früheren Special-Forces-Kommandeurs funkeln. Guttenberg musste ihm nicht lange erklären, wie schwierig der Afghanistan-Einsatz hierzulande politisch zu verkaufen ist. Erst am Morgen ist sein Generalinspekteur Volker Wieker mit den vier am vergangenen Donnerstag gefallenen Soldaten heimgekehrt.
Aus Sicht des US-Generals ist sein neues Konzept der einzige Schlüssel zum Erfolg. "Die internationalen Kräfte haben bessere Waffen und mehr Kampftechniken", sagt er, "die Afghanen sprechen die Sprache, kennen die Gebräuche und können viel besser an Informationen kommen." Am besten sei also, wenn die Einheiten gemeinsam kämpfen, essen und leben. Dann bilde sich auch Kameradschaft.
Es sind die Momente, in denen aus McChrystal der Soldat spricht. Er würde am liebsten gleich selber mit ausbilden, das ist ihm anzumerken.
"Neue und größere Risiken"
Für die Deutschen birgt die neue Strategie weitaus mehr Gefahren als bisher, das machte auch der blutige Donnerstag der vergangenen Woche klar. Zwar war die Operation "Taohid II" noch kein echter Partnering-Einsatz, doch eine Art Blaupause für die praxisnahe Ausbildung afghanischer Soldaten durch die Bundeswehr. Mit geballter Kraft sollten die Taliban von 3000 afghanischen Soldaten aus Baghlan vertrieben werden. Die Deutschen unterstützten mit Logistik und Technik. Drei Soldaten starben durch eine Sprengfalle, ein Arzt durch Beschuss des gepanzerten Rettungswagens.
Guttenberg sichert McChrystal zu, dass die Bundeswehr ab Jahresende die Afghanische Nationalarmee (ANA) auch im Kampf ausbilden wird. Je häufiger der deutsche Minister über den neuen Einsatzauftrag seiner Truppe redet, desto realistischer wird die Wortwahl. Das Partnering-Konzept berge "neue und größere Risiken" als die bisherige Einsatzführung, sagt er bei dem Termin mit McChrystal. Die Situation im Norden werde "gefährlich, in Teilen sogar sehr gefährlich". Es nutze aber nichts, "um den heißen Brei herum zu reden".
Abseits des offiziellen Termins spricht auch McChrystal Klartext - vor allem über den von den Deutschen kontrollierten Norden Afghanistans. Ohne Details zu nennen, kündigt er im Ritz mehr Militäreinsätze gegen die Taliban in ihren Hochburgen rund um Kunduz und Baghlan an. "Wir haben dort schon viel gemacht, und wir werden dieses Jahr gemeinsam noch mehr machen", sagt er. Das Regionalkommando der Deutschen bezeichnet er als "extrem wichtig", vor allem wegen der neuen Nato-Versorgungsroute, eine Schwachstelle der Allianz.
Die US-Armee wird den Deutschen helfen müssen
Mit McChrystals Besuch wollen beide Seiten signalisieren, dass sie statt wie bisher oft gegeneinander nun öfter zusammen kämpfen wollen. So redet der US-General neben seinen Terminen mit Guttenberg und vor Bundestagsausschüssen an diesem Mittwoch auch mit den Spitzen der deutschen Geheimdienste und wirbt für einen besseren Informationsaustausch über die Taliban. Minister Guttenberg ehrt hochoffiziell die US-Piloten und -Sanitäter, die unter Lebensgefahr deutsche Soldaten aus den beiden tödlichen Gefechten in Nordafghanistan gerettet haben.
Auf die Hilfe der USA werden die Deutschen in den kommenden Monaten verstärkt angewiesen sein. Vor allem beim Lufttransport von Truppen und Spezialkräften hat die Bundeswehr traditionell erhebliche Lücken. Die US-Armee wird diese schnell auffüllen - mindestens 56 Helikopter verlegt McChrystal in den kommenden Wochen nach Kunduz und Masar-i-Sharif.
Diese massive Hilfe wird es den Deutschen allerdings auch schwerer machen, sich gegen die teilweise sehr robuste US-Strategie zu wehren - inklusive der rücksichtslosen Jagd auf die Taliban.
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